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Deutschland

Die älteste Taktstock-Manufaktur der Welt

Was verbindet Zubin Mehta und Daniel Barenboim? Beide Stardirigenten benutzen die Taktstöcke aus dem sächsischen Markneukirchen. Hier schreibt eine kleine Werkstatt seit bald 125 Jahren Musikgeschichte.

"Für mich darf ein guter Taktstock kaum zu spüren sein", so beschreibt Simone Young ihr Werkzeug. Die Dirigentin und Intendantin und Generalmusikdirektorin der Hamburger Staatsoper geht bei Gustav Mahlers Auferstehungssinfonie in die Hocke und springt auf. Den Taktstock hält die gebürtige Australierin dabei wie ein federndes Florett. Sticht und stößt ihn in die Luft, um den Klang zum Tanzen zu bringen. Ein Werkzeug, das gerade mal ein paar Euro kostet und aus Markneukirchen kommt. Europas einziger Taktstock-Manufaktur Rohema, Kurzform für: Robert Hellinger Markneukirchen.

In der Firma Rohema Percussion in Markneukirchen zeigt der Firmenchef Matthias Hellinger eine Auswahl der gefertigten Taktstöcke (Foto: dpa)

Handarbeit im Akkord: Matthias Hellinger, Firmenchef von Rohema Percussion

Die kleine Werkstatt liegt versteckt im bergigen Grenzland zwischen Bayern, Thüringen und Tschechien. Hier staubt und dröhnt es, während sich die Spindeln der kleinen Maschinen rasend schnell drehen. Auf denen stecken besenstieldicke Hölzer, die per Handarbeit klein geschliffen werden. Eine komplizierte Arbeit, gerade wenn die immer dünner werdenden Hölzer in den Spindeln zu schleudern beginnen. "Man muss höllisch aufpassen, dass die haarfeinen Stäbchen bei der Herstellung nicht zerbrechen und einem um den Kopf fliegen", sagt Andreas Hellinger, einer der Geschäftführer des 13-köpfigen Familienbetriebs. Seit 35 Jahren stellt er Taktstöcke her. Sieben bis acht Minuten braucht er für einen.

Nach dem Schliff der Stäbe werden die Griffe angefertigt und eingesetzt. Dann wird der Taktstock verleimt, lackiert und bedruckt. Anschließend tritt er seine Reise zum Dirigenten an, bis nach Japan, die USA, China, Australien - und fast alle europäischen Länder.

Durch Erfahrung gut

Der Taktstockhersteller ist Familienbetrieb in der fünften Generation. Vom Kaiserreich bis hin zur DDR hat das Unternehmen alle politischen Wirren überstanden. Gegründet hat die Manufaktur 1888 Robert Eduard Hellinger. Das sächsische Markneukirchen war damals schon ein Ort der Musikproduktion: Es gab viele Kapellen im Umkreis, so dass die Produktion von Taktstöcken auf der Hand lag. Geschäftsführer ist Urenkel Matthias Hellinger, ein höchst unaufgeregter und entspannter Handwerker. In seinen kräftigen Händen hält er eine längliche, mit Samt gefütterte Hülle. In ihr: ein Geschenk-Taktstock.

Ein Juwel aus dem Hause Rohema, einer der ersten Markneukirchner "Taktierstöcke", wie früher Taktstöcke genannt wurden. Es besteht aus schwarzem Ebenholz, an dessen Ende sich ein aus Elfenbein geschnitzter Kopf des Komponisten Richard Wagner befindet. Ein unhandliches Gerät, das so schwer war, vermutet Matthias Hellinger, dass man sich als Dirigent damit schnell einen Muskelkater oder gar eine Sehnenscheidenentzündung holen konnte. Die Kosten zu Kaisers Zeiten: rund 210 Reichsmark - damals ein Vermögen.

Alle wollen die Taktstöcke aus Sachsen

Heute dagegen bekommt man einen Taktstock schon für knapp fünf Euro: Das Modell Mozart besteht aus Naturholz, ist etwas weniger als einen halben Meter lang und ohne Griff. Die einfachste Variante erinnert an ein Mikadostäbchen. Die einzelnen Modelle unterscheiden sich in Breite und Länge, Griff und Balance-Punkt sowie Material. Die Stöcke aus Naturholz, Carbon und Glasfiber wiegen zwischen vier und zehn Gramm. Den größten Unterschied machen die Griffe. Sie sind mal oval, kugelförmig oder zylindrisch, wahlweise aus Eben- und Palisanderholz, Kork oder Gummi. Der Porsche unter den Stäben ist der "Maestro". Der besteht aus einem Ebenholz-Griff und ist mit einer Aluminium-Einlage ausgestattet.

Matthias Hellinger lächelt. Er ist stolz darauf, dass auch Stardirigenten ihre Werkzeuge im seinem Haus ordern. Darunter so prominente Namen wie Zubin Mehta oder Daniel Barenboim, Chef der Berliner Staatsoper. "Er hat ein Standard-Modell von uns", verrät Matthias Hellinger. "Strauss" hat sechs Millimeter Durchmesser, einen länglichen Korkgriff - und eine besondere Länge: 43 statt der üblichen 45 Zentimeter.

Der Traum

Wladimir Ashkenazy, russischer Dirigent und Pianist in Aktion (Foto: dpa)

Die Großen der Branche greifen zu Taktstöcken aus Sachsen

Einer der ungewöhnlichsten Aufträge der Firmengeschichte kam aus den USA. Ein amerikanischer Software-Konzern hatte eine große Menge Taktstöcke als Präsent für sein Management bestellt. Hier war Akkord-Produktion angesagt. "Ein gutes Geschäft", erinnert sich der 30-jährige Maik Hellinger, der für das Marketing in dem Familienbetrieb zuständig ist. Doch von Taktstöcken allein könne das Unternehmen nicht leben, die machen lediglich fünf Prozent des Jahresumsatzes aus. Das größte Geschäft mache man mit Drumsticks, sowie Percussion Sets und Kinderrhythmusinstrumente.

Doch in den Taktstöcken steckt viel Herzblut. Was sich Matthias Hellinger als Unternehmer wünscht? Dass sein prominentester Kunde, Stardirigent Daniel Barenboim, seiner Manufaktur mal einen Besuch abstattet.