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Politik

Dialog statt Bomben

Korsische Separatisten kämpfen weiter für die Unabhängigkeit ihrer Insel. Auch andere Regionen in Europa streben nach Eigenständigkeit. Sie setzen aber nicht auf Gewalt, sondern auf grenzüberschreitende Zusammenarbeit.

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Korsen sagen Nein

Wieder einmal wollten die Korsen sich dem Willen der Mächtigen in Paris nicht beugen. Am Sonntag (6.7.) lehnten sie - wenn auch nur mit der knappen Mehrheit von 50,98 Prozent - die geplante Verwaltungsreform für die Insel ab. Sie votierten für die Beibehaltung von zwei getrennten Verwaltungen auf Korsika, so wie es bereits zu Napoleons Zeiten festgelegt worden war.

Die Abstimmung sollte ein Test für die von Staatschef Jacques Chirac und der konservativ-liberalen Regierung unter Jean-Pierre Raffarin betriebene Dezentralisierung sein. Zwar ist das Votum der Korsen nur eine Meinungsbekundung, die rechtlich nicht bindend ist - letztendlich hat das Parlament in Paris zu entscheiden. Allerdings ist die Ablehnung der Korsen dennoch ein Schlag ins Gesicht der Regierenden.

Gewalt als Druckmittel

Dabei hatten die mit schönen Worten und verlockenden Angeboten um die Ja-Stimme der als eigensinnig geltenden Korsen geworben. Innenminister Nicolas Sarkozy reiste persönlich acht Mal auf die "Insel der Schönheit" und dem Regionalparlament in Ajaccio wurden mehr Befugnisse versprochen. Es hat nichts genutzt, den meisten Korsen gingen die Zugeständnisse nicht weit genug. Manch einer glaubte, das Referendum sei nur ein politisches Manöver, um Tatkraft vorzutäuschen. Die korsischen Separatisten zeigten sich von vornherein kompromisslos. Für sie gibt es nur eine Lösung des Konflikts: Korsika muss unabhängig werden.

Seit drei Jahrzehnten kämpfen Separatisten für die Unabhängigkeit der Insel, der Anfang der 1980er und 1990er Jahre immer wieder neue Kompetenzen zugeteilt wurde. Doch die Gewalt brach nicht ab und erreichte 1998 mit der Ermordung des Präfekten Claude Erignac, dem höchstrangigen Vertreter des Zentralstaates auf der Insel, einen Höhepunkt. Auch am Wochenende sprengten radikale Korsen vier Villen von Festland-Franzosen in die Luft.

Europas Separatisten

Auch in anderen Ländern der Europäischen Union zeigen sich Regionen gegenüber der Zentralregierung aufmüpfig. Im spanischen Baskenland geht es dabei um Leben und Tod. Über 800 Menschen hat die Separatistenorganisation Eta umgebracht, um ihrer Forderung nach einem unabhängigen Baskenland Ausdruck zu verleihen. "Solche nationalistischen Bewegungen sind ein Anachronismus", sagt Peter Schmitt-Egner vom Institut für Europäische Regionalforschungen in Siegen. "Sie sind noch komplett auf den Kampf gegen den Zentralstaat ausgerichtet und haben den Bezug zur europäischen Ebene noch nicht gefunden", so der Regionalisierungs-Experte im Gespräch mit DW-WORLD.

Dabei bietet gerade die Europäische Union seit Ende der 1980er Jahre zahlreiche Initiativen, die die Interessen der Regionen fördern. Dazu gehören Institutionen wie der Ausschuss der Regionen oder die INTERREG-Förderprogramme. "Damit wollte man natürlich auch gewaltbereiten Nationalisten den Wind aus den Segeln nehmen", so Schmitt-Egner.

EU als Chance

Andere Regionen wie beispielsweise Katolonien in der unmittelbaren Nachbarschaft des Baskenlandes haben die Europäische Union bereits früh als Chance erkannt. Die katalonischen Nationalisten unter der Führung von Jordi Pujol übernahmen eine führende Rolle in der "Versammlung der Regionen Europas", einem interregionalen Netzwerk von über 250 Regionen aus 26 europäischen Ländern. Katalonien setzte nicht auf einen Alleingang, sondern suchte seine Stärke im grenzüberschreitenden Austausch mit anderen Regionen.

Besonders enge Beziehungen pflegt Katalonien mit der italienischen Lombardei, dem deutschen Baden Württemberg und der französischen Alpen-Rhone-Region. Die wirtschaftsstarken Regionen nennen sich die "Vier Motoren Europas". "Wichtiges Ziel ist es, voneinander zu lernen, beispielsweise bei Fragen zur Infrastruktur, Umweltschutz oder Tourismus", sagt Schmitt-Egner, der bemängelt, dass Regionen wie Korsika diese Netzwerke von Regionen zu wenig nutzen.

Kulturelle Identität

Allerdings geht es den Korsen bei ihren Unabhängigkeitsbestrebungen nicht nur um wirtschaftliche Interessen. Sie reklamieren eine eigene kulturelle Identität für sich, so wie auch die Regionen Schottland oder Wales. Seit die britische Regierung deren kulturellen Forderungen zum großen Teil erfüllt hat, herrscht weitgehend Ruhe. Mehr Aufmerksamkeit von Paris verlangen derzeit die Bretonen. "Wenn Regionen sich vom Zentralstaat vernachlässigt fühlen, können nationalistische Bewegungen leichter entstehen", sagt Schmitt-Egner. Allerdings wäre es falsch, die Bretonen als verbohrte Nationalisten zu bezeichnen. Ihre Sympathie für die EU ist groß und sie wissen, dass die Bretagne in Europa einen guten Ruf hat.

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  • Datum 09.07.2003
  • Autorin/Autor Steffen Leidel
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  • Permalink http://p.dw.com/p/3q5t
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