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Kultur

Dialog auf akademischem Niveau

Die vom Vatikan ins Leben gerufene internationale Initiative "Vorhof der Völker" will Gläubige und Nichtgläubige miteinander ins Gespräch bringen. Jetzt lud die katholische Kirche in Berlin Atheisten zu Diskussionen ein.

Mehr als 118.000 Menschen sind im vergangenen Jahr in Deutschland aus der katholischen Kirche ausgetreten. Der Missbrauchsskandal und die Bausünden des Limburger Bischofs haben das öffentliche Ansehen der Kirche auf einen Tiefpunkt sinken lassen, und auch in der Öffentlichkeit verliert die Kirche an Bedeutung. Der Vatikan will dabei nicht länger tatenlos zuschauen: Mit einer Dialogoffensive unter dem kryptischen Titel "Vorhof der Völker" versucht die katholische Kirche, sich wieder positiv ins Gespräch zu bringen.

Das Berliner Rathaus bot den Auftakt für die dreitägige Veranstaltung "Vorhof der Völker", eine aus mehreren Podiumsdiskussionen bestehende Gesprächsreihe, bei der Gläubige und Atheisten zum Thema "Freiheitserfahrungen mit und ohne Gott" miteinander in Kontakt kommen sollten.

Initiative des vorigen Papstes

Papst Benedikt XVI. spendet den Weihnachtssegen Urbi et Orbi am 25.12.2009 Foto: AP Photo/Gregorio Borgia

Papst Benedikt XVI. an Weihnachten 2009

Gestartet hatte die Initiative noch der emeritierte Papst Benedikt XVI.: "Zum Dialog der Religionen muss heute vor allem auch das Gespräch mit jenen hinzutreten, denen die Religionen fremd sind, denen Gott unbekannt ist und die doch nicht einfach ohne Gott bleiben möchten", sagte Benedikt Ende 2009. Benannt wurde die neue Dialoginitiative nach dem äußersten Hof des jüdischen Tempels in Jerusalem, den auch Nicht-Juden betreten durften.

An dem Tag, an dem Papst Franziskus in seinem Lehrschreiben "Evangelii Gaudium" eine offene, dialogbereite Kirche forderte, gab der italienische Kurienkardinal Gianfranco Ravasi den Auftakt für die Veranstaltung in Berlin. In Bologna, Paris, Mexico City, Bukarest oder Stockholm fanden bereits Veranstaltungen des "Vorhofs der Völker" statt. In einer Zeit, in der Gleichgültigkeit, Oberflächlichkeit, Banalität und sarkastischer Spott die Debatten um die Religion vernebelten, in der der "höhnende Zusammenstoß mehr zählt als die ruhige gedankliche Auseinandersetzung“, könne der Dialog von Intellektuellen "diesen echten Erkrankungen sowohl des Unglaubens, als auch der Religion" eine Erwiderung anbieten.

Wowereit: Berlin ist nicht gottlos

Zuvor hatte bereits Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) die Teilnehmer begrüßt. In Berlin gebe es 250 Religionsgemeinschaften, eine "gottlose Stadt" sei Berlin deswegen gewiss nicht. Und der katholische Kardinal Rainer Maria Woelki betonte, dass der "Vorhof der Völker" zeigen wolle, dass "der Kalte Krieg zwischen Gläubigen und Ungläubigen vorbei" sei. Zum Auftakt erwarteten die mehreren hundert Menschen im Festsaal des Rathauses Intellektualität der Extra-Klasse. Die Philosophen Hans Joas und Herbert Schnädelbach diskutierten über das Dostojewski-Zitat: "Wenn es keinen Gott gibt, ist alles erlaubt." Mit seinem Argument "selbst wenn es Gott nicht gibt, darf ich nicht bei rot über die Ampel fahren, Steuern hinterziehen oder meine Frau schlagen“, nahm Schnädelbach der Diskussion schon in den ersten Minuten den Wind aus den Segeln. Warum reiche die Vernunft als Basis zur ethischen Willensbildung nicht aus? "Was könnte ein transzendenter Gott hier noch hinzufügen?"

Der Kultuchef des Vatikan, Der Kulturchef des Vatikan, Kurienkardinal Gianfranco Ravasi, mit Erzbischof Rainer Maria Woelki, Erzbischof Robert Zollitsch und Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (v.l.) beim Vorhof der Völker. Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa pixel

"Familienfoto" zum Auftakt des "Vorhofs der Völker"

Joas dagegen warnte zunächst vor einer populären Verallgemeinerung: "Wenn jetzt jemand sagt, Religion sei nötig – meinen Sie dann den Totemismus (Glaube an die übernatürliche Macht eines Totems und seine Verehrung) der australischen Urbevölkerung?" Niemand werde den Weg zum Glauben finden, weil der Glaube irgendwie nützlich sei. "Der Weg zum Glauben muss ein anderer Weg sein", so Joas. Doch am Ende blieb die Diskussion im Oberflächlichen, die Diskutanten nahe beieinander.

Der Mensch als Schöpfungsdesigner

Ganz anders als am nächsten Tag im historischen Hörsaal der Berliner Charité. Dort wurde über den Menschen als Designer der Schöpfung diskutiert. "Haben wir bei den Menschen an der Speerspitze der Forschung prophetische Kompetenz?", fragte der Aachener Theologe Ulrich Lüke.

Prof. Dr. Ulrich LükeRechte: Dr. Silvia Becker / Dr. Lüke Beauftragte der Deutschen Bischofskonferenz für Deutschlandradio und Deutsche Welle

Prof. Ulrich Lüke: Verzichten auf Dinge, die möglich sind

Wer garantiere, dass Forschungen dem Menschen dienten? "Ich bin mir nicht so sicher, dass Dummheit nicht perpetuierbar ist" (verstetigt werden kann). Die Menschheit hätte nur mühsam gelernt, welche katastrophalen Auswirkungen die Atombombe habe. "Giftgas benutzen wir auch nicht mehr", so Lüke. "Es gehört zu einer kognitiven (auf Erkenntnissen beruhenden) Reifeprüfung, ob wir auf Dinge, die möglich sind, verzichten." Von ihrem Bestehen hänge die Zukunft der Menschheit ab. Dagegen verwies der Kulturgeschichtler Thomas Macho auf die Bedeutung der Forschungsfreiheit für den Menschen. Es sei ein elementarer Schritt der Menschheitsgeschichte gewesen, dass die Menschen ihre Angst vor dem Feuer überwunden und den Handel entdeckt hätten.

Warum Menschen sagen: Wir vermissen Gott

Ist aber eine Welt ohne Gott vorstellbar? "Ich weiß das nicht genau", sagte die Medizinethikerin Bettina Schöne-Seifert. "Aber wenn viele Menschen sagen, wir vermissen Gott, dann ist das auch die Sorge, dass viele Menschen das Gemeinwohl aus den Augen zu verlieren drohen." Dass sich Menschen in den Kirchen engagieren und in Kontemplation (mystisch andächtiger Weg der christlichen Religion) und aus Nächstenliebe Gutes für die Gesellschaft tun, wolle auch sie nicht missen.

Doch was können solche Diskussionen im "Vorhof der Völker", am Ende wirklich bringen? In den Reihen der Zuhörer fanden sich zumeist eher kirchennahe, ältere Menschen. Ihnen bot die Veranstaltungsreihe ohne Zweifel intellektuellen Tiefgang. Doch dass das angekratzte Bild der Kirche aufpoliert oder gar der Rückzug Gottes aus der deutschen Öffentlichkeit durch wenige akademische Diskussionsrunden ins Gegenteil verkehrt wird, darf wohl mit Fug und Recht bezweifelt werden.