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Wissen & Umwelt

Diabetes weltweit auf dem Vormarsch

In vielen arabischen Ländern hat die Zuckerkrankheit stark zugenommen. Die meisten Patienten haben Typ-2 und viele kommen zur Behandlung ans Uniklinikum Aachen. DW-Reporter Ali Almakhlafi hat einen von ihnen getroffen.

Insulin-Molekül (Foto: AP)

Insulin hilft den Körperzellen, Energie zu produzieren

Ahmed sitzt in einem Bett in der fünften Etage der Uniklinik Aachen, Abteilung Innere Medizin. Neben ihm seine Frau Amina. Während die beiden auf die Visite warten, erzählen sie, warum sie hier sind, und nicht in Ägypten, wo sie herstammen. Warum Ahmed an diesem Donnerstagvormittag um 10 Uhr im Krankenhaus ist, und nicht im Labor, wo er als Chemiker eigentlich forschen sollte. Angefangen hat alles damit, dass Ahmed auf einmal Kopfschmerzen bekam, erzählt er. Dann wurde ihm schwindlig und er konnte sich nicht mehr konzentrieren auf all die Reagenzgläser und Pipetten, mit denen er jeden Tag im Labor hantiert. Nicht ungefährlich.

Er ging zum Arzt. Nach gründlichen Untersuchungen kam heraus: Ahmeds Blutzucker ist stark erhöht. Seine Körper-Zellen produzieren nicht genug Energie. Ahmed hat Diabetes, Typ-2.

Seitdem spritzt sich Ahmed regelmäßig ein Bauchspeicheldrüsenhormon: Insulin. Es hilft seinen kranken Körper-Zellen, Energie herzustellen. Wie es das macht? Insulin ist wie ein Schlüssel, der die Tür der Körper-Zellen öffnet. Nur so kann bei den Erkrankten Zucker in die Zellen eintreten. In den Zellen wird der Zucker dann in Energie umgewandelt.

Prof. Wolfram Karges (links), Ahmed (Mitte) und seine Frau Amina (Foto: DW)

Prof. Wolfram Karges (links), Ahmed (Mitte) und seine Frau Amina

Das größte Risiko ist Übergewicht

Es klopft kurz, die Tür wird aufgestoßen. Wolfram Karges tritt ein, schüttelt Ahmed und Amina die Hand. Karges leitet die Abteilung Endokrinologie und Diabetologie an der Uniklinik Aachen. Er forscht an Diabetes und hilft Diabetikern wie Ahmed, durch den Tag zu kommen: "Das Wichtigste für mich ist abzunehmen, gesünder essen und Sport zu treiben, sagt der Arzt", erzählt Ahmed. "Aber Übergewicht ist ein riesiges gesellschaftliches Problem in Ägypten. Das liegt an den vielen fettigen und kalorienreichen Sachen, die wir essen." Nicht nur in Ägypten, scheint es. Auch aus den Golf-Staaten kommen viele Araber nach Aachen und lassen sich ihre Blutzucker-Krankheit behandeln.

Professor Karges untersucht Ahmed. Woran liegt es überhaupt, dass Übergewichtige wie Ahmed Diabetes bekommen? Karges schaut etwas ratlos: "Diese Frage beschäftigt uns Wissenschaftler sehr. Leider kennen wir die Antwort selbst noch nicht genau. Man geht davon aus, dass am Anfang der Erkrankung die körpereigene Insulin-Produktion sehr stark zunimmt, aber dass die Stoffwechselwirkung des Insulins an der entsprechenden Zelle nicht ausreichend ist, sogar wesentlich niedriger ist als bei schlanken Menschen."

Universitätsklinikum Aachen (Foto: DW)

Das Mekka arabischer Zuckerkranker - das Universitätsklinikum Aachen

Nicht jeder Dicke erkrankt

Amina guckt ihren Mann an. Auch sie ist übergewichtig, aber noch fühlt sie sich gesund. „Jedenfalls noch!“, sagt Karges. Denn Amina hat im Moment schon so etwas wie Pre-Diabetes. Und daraus könne sich sehr schnell richtiger Diabetes entwickeln, warnt der Mediziner. Denn Typ-2-Diabetes beginnt schleichend und wird oft erst sehr spät erkannt. Aber nicht nur das Gewicht sei ausschlaggebend, betont Karges. Die körpereigenen Gene, mit denen man geboren wird, haben einen ebenso erheblichen Einfluss, ob man als übergewichtiger Mensch Diabetes entwickelt oder nicht.

Typ-1, Typ-2

Karges setzt sich auf die Bettkante und erklärt: bei fast allen Diabetikern – bei über 90 Prozent – läuft die Zuckerkrankheit nach einem Muster ab, das die Ärzte „Typ-2-Diabetes“ nennen.

Bei ihnen ist am Anfang genug Insulin vorhanden. Es könne aber nicht richtig wirken, weil die Körperzellen nicht gut auf das Hormon ansprechen. Vor allem die Zellen der Muskeln, der Leber und die Fettzellen reagierten schlecht auf das Insulin. "So eine Insulinresistenz ist das erste, was wir bei Typ-2-Diabetes sehen, der durch Übergewicht entsteht." Im Verlauf der Erkrankung werde schließlich kaum noch Insulin vom Körper hergestellt.

Anders ist es bei der Zuckerkrankheit vom Typ-1, die viel seltener ist. An ihr sind nur etwa fünf Prozent aller Diabetes-Patienten erkrankt, vor allem jüngere Menschen. Sie haben das Problem, dass nicht genügend Insulin in der Bauchspeicheldrüse gebildet wird, weil ihr Immunsystem die Zellen angreift und zerstört. Die Autoimmunkrankheit führt dazu, dass die Zellen im ganzen Körper keinen Zucker aufnehmen können.

DW-Reporter Ali Almakhlafi (Foto: DW)

Nach jedem Interview, das er führt, sagt DW-Reporter Ali Almakhlafi: schukran! das heißt auf arabisch: Danke!

Heilung durch Stammzellen?

Typ-1-Diabetes ist gut behandelbar, aber bislang noch unheilbar. Zurzeit versuchen Forscher, die Insulin produzierenden Zellen, die so genannten Beta-Zellen durch Stammzellen zu ersetzen, die sie unter anderem aus dem Knochenmark der Patienten isolieren.

Diese Technik ist noch in der Entwicklung. Ihre Wirksamkeit ist unter Experten umstritten. Doch das Potential einer solchen Stammzell-Therapie sei realistisch, sagen Experten. Zerstörte Beta-Zellen könnten damit eines Tages ersetzt und Diabetiker geheilt werden.

Für Ahmed, der an Typ-2-Diabetes erkrankt ist, käme eine Therapie mit Stammzellen – auch wenn sie funktionieren würde – vordergründig nicht in Frage, sagt sein Arzt Wolfram Karges: "Bei Patienten mit Typ-2-Diabetes wäre das etwas, was nicht am Anfang, sondern eventuell erst ganz spät in die Therapie eingebaut werden würde."

Für Typ-2 gelten eben andere Regeln als für Typ-1. Am wirkungsvollsten: Abnehmen! Eine optimale Ernährung! Bewegung und Sport!

Autor: Ali Almakhlafi

Redaktion: Judith Hartl

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