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DFB

DFB-Akademie: "Silicon Valley" des Fußballs

Der DFB-Bundestag gibt grünes Licht für die neue DFB-Akademie. Nach Vorstellung des Verbands soll sie Maßstäbe bei der modernen Spielanalyse setzen und ein weltweit führendes Innovationszentrum werden.

Deutschland DFB Akademie- Joachim Löw und Teammanger Oliver Bierhoff (picture-alliance/dpa/F. Rumpenhorst)

Spieler Jonas Hector (l), Bundestrainer Joachim Löw (m) und Teammanger Oliver Bierhoff (r)

Oliver Bierhoff nennt sie ein "Jahrhundertprojekt" und sie soll nicht weniger als das "Silicon Valley“ des Fußballs werden: die neue DFB-Akademie. Der Team-Manager der deutschen Nationalmannschaft meint damit ein neues Kompetenzzentrum des Deutschen Fußballbundes, das ab 2018 in Frankfurt entstehen wird.

Der DFB lässt sich die Akademie mindestens 110 Millionen Euro kosten, wobei die Kosten Experten zufolge noch weiter in die Höhe gehen werden. Gegen das Großvorhaben hatte es bis zuletzt Proteste gegeben, da es auf dem Areal der bisherigen Frankfurter Galopprennbahn entstehen wird.

Der Bundesgerichtshof entschied aber letztendlich: die zuvor vom Oberlandesgericht angeordnete Räumung des Geländes ist rechtmäßig und die letzte Hürde für die Akademie damit übersprungen. Dort wo einst die Pferde trabten soll nun neben Sportanlagen auch eine Anlaufstelle geschaffen werden für Technologie-Themen, allen voran Big Data und die digitale Spielanalyse.

Man erhofft sich beim DFB, dass man in der neuen Akademie Themen angehen kann für die viele Profi-Clubs keine Zeit oder Ressourcen haben. Im "Silicon Valley" des Fußballs sollen die Fäden zusammenlaufen.

Deutschland Oliver Bierhoff bei DFB-Pressekonferenz (picture-alliance/dpa/F. Rumpenhorst)

Teammanager Oliver Bierhoff

Der digitale Fußball

Wer im Fußball heute erfolgreich sein will muss ihn auch digital spielen. Big Data auf dem Feld gilt als der Schlüssel für den Erfolg im Fußball von morgen. Das sagen nicht nur Wissenschaftler, sondern auch der Bundestrainer selbst. "Das gehört für mich zum Trainer-Alltag" sagt Joachim Löw. Und nicht nur das: auch die Spieler erwarten mittlerweile eine digitale Aufbereitung von Training und Spielen, so der Weltmeister-Trainer am Rande des ersten Internationalen Analystenkongresses des DFB in Frankfurt.

"Spieler von heute sind aus einer Generation, die visuelle Reize braucht", erklärt Löw, "das sind keine einfachen Befehlsempfänger mehr, die wollen Spielszenen noch mal aus unterschiedlichen Blickwinkeln sehen, sie wollen Informationen, Kritik, aber vor allem auch Lösungen."

Daten - so viel es geht

Dass Löw und Bierhoff Spielanalysten von illustren Clubs wie Barcelona und Manchester City nach Frankfurt geladen haben, neben 130 weiteren Experten aus allen fünf Kontinenten, ist auch ein Zeichen: Deutschland soll federführend werden beim Thema  Digitalisierung von Spielanalysen made in Germany - und Adresse Nummer eins soll dabei die neue Akademie werden.

Siegen mit Big Data, das heißt den Raum kontrollieren, die Qualität von Pässen messen, und selbst die Willenskraft einzelner Spieler auf den Prüfstand zu stellen. Laufleistung, Ballbesitz? Schnee von gestern. Immer wieder weisen sich die internationalen Analysten bei dem Kongress gegenseitig darauf hin, dass Deutschland Brasilien im WM-Halbfinale 2014 7:1 vom Platz geschossen hat, obwohl Löws Team weniger Ballbesitz und Torschüsse hatte als der Gegner. So unglaublich das auch klingen mag.

Alles ist messbar und aus der Trainerarbeit nicht mehr wegzudenken. Es geht um eine 360-Grad-Sicht auf den Spieler. Videos, Daten, medizinische Informationen - alles wird digital aufgezeichnet, über GPS oder Antennen, mit speziellen Westen und Chips im Trikot.

"Jeder Trainer ist anders", meint Bundestrainer Löw, manchen sei die reine Laufleistung immer noch heilig. Das sagt der 57-jährige aber nicht ohne Schmunzeln, er weiß, dass moderne wissenschaftliche und fundierte Analysen längst über Zweikampfquoten und gelaufene Kilometer hinausgehen müssen. Das Stichwort hier: Spielintelligenz.

Auch Lehmanns Elfer-Zettel wird digital

WM 2006 - Deutschland - Argentinien - Jens Lehmann (picture-alliance/dpa/N. Haupt)

Ex-Nationaltorwart Jens Lehmann

Der Software-Hersteller SAP ist der Partner der DFB-Akademie und stellt beim Analysten-Kongress sein neuestes Gadget vor. Der Elfmeter-Zettel von Jens Lehmann beim WM-Viertelfinale 2006 auf dem sich der einstige Nationaltorwart vermerkte, welcher Argentinier in welche Ecke schießt, hat damit ausgedient. Die Elfmeter-App von SAP hebt diesen Zettel auf eine völlig neue, ausgefeilte Stufe, wie SAP-Experte Bernd Huwe erklärt. Sie verwaltet die in der Vergangenheit geschossenen Elfmeter des Gegners, umfassend und präzise.

"Nehmen wir Spanien" sagt Huwe, "den nächsten deutschen Gegner kommenden März." Er tippt den Mannschaftsnamen der Iberer auf sein Pad und schon erscheinen alle Daten, die Jogi Löw bräuchte, um seiner Elf zum Sieg gegen La Roja in einem Elfmeterschießen zu verhelfen.

Löw mit Pad am Spielfeldrand

Aus der Sicht des Schützen oder auch des Torwarts. Wie verhalten sich beide, welche Entscheidungen haben sie getroffen, in welcher Spielsituation waren sie, standen sie unter Druck, war es ein Heim- oder ein Auswärtsspiel? Alle diese Faktoren verwaltet die App und bereitet sie auf, und am Ende wird immer noch auch gleich ein Video mitgeliefert.

Steht Joachim Löw also künftig mit seinem Pad am Spielfeldrand vor jedem Elfmeterschießen? Ja, sagt Huwe, und spricht von einem "Katakomben-Szenario". Die Nutzung von mobilen Endgeräten ist laut FIFA-Statuten zwar verboten auf der Bank. Mit der neuen App aber kann der Bundestrainer sämtliche Informationen auf seinen Pad holen, der ist dort im offline-Modus erlaubt, und von dort aus seine Spieler aufklären, in welches Eck Leo Messi vermutlich schießen wird.

Wie Jens Lehmann das findet, ist nicht überliefert, und auch Jogi Löw sagt, er weise seinen Stab regelmäßig daraufhin, "nicht mit Daten überflutet werden" zu wollen. Auf die Vorzüge der neuen Elfmeter-App aber wird auch er schon bei der WM im kommenden Jahr nicht verzichten wollen.

Autor: Sebastian Saam

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