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Europa

Deutschtürken fordern mehr Unterstützung für Protestbewegung

Immer mehr Türken kehren Deutschland den Rücken: Allein im Jahr 2011 waren es rund 33.000. Einige von ihnen sind auch bei den Protesten dabei - und fühlen sich zwischen den beiden Ländern hin- und hergerissen.

Ayla lebt seit neun Monaten in Istanbul. Die 33-Jährige hat Deutschland den Rücken gekehrt, um in der Türkei einen Neuanfang zu wagen. Von Anfang an hat sich die junge Wirtschaftswissenschaftlerin an der türkischen Protestbewegung beteiligt. Die Demonstrationen machen sie in erster Linie stolz. "Ich kenne das stolze Gefühl für das türkische Volk, das auch mein Volk ist, bisher nur aus Fußballländerspielen. Dann war man stolz. Aber dieses andere 'stolz sein', was ich gegenüber diesem aufstrebenden und mutigen jungen Volk empfinde, ist ein ganz anderes Gefühl", so die gebürtige Münchnerin im DW-Gespräch.

Ayla möchte ihren Nachnamen nicht veröffentlichen lassen. Sie besitzt nur einen deutschen Pass. Zu groß ist ihre Angst, aus der Türkei abgeschoben zu werden. Sie könne sich momentan nicht vorstellen, passiv zu bleiben. "Auf der anderen Seite kann ich mich auch nicht ganz vorne bei den Demonstrationen hinstellen, wegen einer möglichen Abschiebung oder wegen dem Gefängnis."

Ausländer in Deutschland, Außenseiter in der Türkei

Porträt der Deutschtürkin Dilek Keser, die in Istanbul lebt (Foto: DW/Sokollu)

Dilek Keser: "Ein extremer Zwiespalt"

Ganz vorne bei den Demonstrationen ist Dilek Keser. Sie habe die Polizeigewalt mit eigenen Augen gesehen und sei sehr enttäuscht. Vor zwei Jahren ist die studierte Wirtschaftsmanagerin nach Istanbul gezogen. Die gebürtige Hannoveranerin habe Deutschland verlassen, weil sie keine Lust mehr habe, Ausländerin zu sein. "Aber jetzt merke ich im Moment, auch Erdogan will mich nicht. Oder er zählt mich nicht zu seinem Volk. In Deutschland war ich immer der Ausländer und hier bin ich der Außenseiter, irgendwie ist es ein extremer Zwiespalt", erklärt die 36-Jährige im DW-Interview.

Das sei für sie allerdings kein Grund, das Land zu verlassen und wieder nach Deutschland zurückzugehen. "Ich möchte etwas tun, damit sich das alles hier ein bisschen verändert", so die Hannoveranerin. Sie werde sich wieder hinstellen und mit Tränengas und Wasserwerfern beschossen werden.

"Erdogan ist nicht die Türkei"

An den gewaltsamen Polizeiinterventionen wurde vor allem aus Deutschland große Kritik geäußert. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat die Polizeieinsätze als "viel zu hart" bezeichnet. Von türkischer Seite wurde heftig gekontert: Der türkische Minister für europäische Angelegenheiten, Egemen Bagis, hatte Merkel unterstellt, aus dem EU-Beitritt der Türkei ein Wahlkampfthema zu machen. Ayla unterstützt vor allem in der jetzigen Krise den EU-Beitritt der Türkei. "Wenn ich für die Türkei denke, dann sollte sie unbedingt in die EU. Wenn die Türkei im aktuellen Zustand in der EU wäre, dann könnten sie auch nicht so weit gehen", gibt sie in Bezug auf die harten Polizeiinterventionen zu bedenken.

Dilek Keser kann die zögernde Haltung von Seiten der EU zwar nachvollziehen: "Doch Erdogan ist nicht die Türkei. Erdogan ist nur derjenige, der das im Moment hier eskalieren lässt. Aber das Volk oder die Türkei, das sind ja wir. Von daher finde ich durchaus, dass wir in die EU passen." Die ganze Welt sehe, wie das türkische Volk im Moment leide, so Keser. "Wenn jetzt aus Europa keine Unterstützung kommt, wann dann?"

"Ich bin traurig, dass ich nicht wählen kann"

Porträt des Deutschtürken Ersan, der in Istanbul lebt (Foto: DW/Sokollu)

Ersan: "Der Türkei helfen, in die richtige Richtung zu gehen"

Auch Ersan aus München, der seit dem vergangenen Winter in Istanbul lebt, erhofft sich mehr von Europa: "Die Schritte, die momentan von Seiten Europas getan werden, könnten noch viel härter sein", so der 36-Jährige im DW-Gespräch. Auch er wolle sich seine Zukunftsperspektiven in der Türkei nicht verbauen und daher seinen Nachnamen nicht preisgeben: "Ich habe natürlich auch Angst, abgeschoben zu werden, wenn ich an den Demonstrationen teilnehme."

Ersan ist schon durch ganz Europa gereist und zieht einen Vergleich zu der Stimmung im Gezi-Park. "Als ich im Park war, habe ich gedacht, ich bin in Amsterdam. Jeder hilft den anderen, man ist höflich und wird respektvoll behandelt. Dann sieht man wiederum die andere Seite. Die Polizei haut mit höchster Gewalt zu und dann habe ich mich gefragt, welches ist denn die Türkei? Aber es ist nun mal auch so, dass beide Seiten zur Türkei gehören. Ich werde natürlich weiter versuchen, der Türkei zu helfen, in eine gute Richtung zu gehen."

Für Ayla könne Deutschland noch mehr für die Zukunft der Türkei tun. "Gerade jetzt, in so einer wichtigen Phase, wo wirklich jede Stimme wichtig ist, bin ich sehr traurig, dass ich nächstes Jahr nicht wählen kann, da ich nur einen deutschen Pass habe. Das ist eine Sache, die ich schon seit Jahren bedauere, dass wir den türkischen Pass abgeben mussten." Sie erwarte von der deutschen Regierung, dass doppelte Staatsbürgerschaften möglich sind - weil das gerade bei Ereignissen wie der Protestbewegung in der Türkei wichtig sei.

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