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Asien

Deutschstunde in Hanoi

In Vietnam wächst das Interesse am Deutsch-Lernen. Die Möglichkeiten sind allerdings beschränkt. Nur acht Schulen bieten die Sprache an. Deutschland hat Vietnam erst spät als Bildungsland entdeckt und holt nun nach.

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Vietnam Deutschunterricht an der Dong Da Mittelschule in Hanoi

Fragen, glaubt Christina, Fragen zu bilden sei das Wichtigste. Fleißig übt sie: "Wie heißt Du? Wo wohnst Du? Wo kommst Du?" - "Woher!!!" korrigieren die anderen Sechstklässler. Wenn sie irgendwann nach Deutschland kommt, dann will sie gut vorbereitet sein, nicht so wie ihr Vater, der nach sechs Monaten Sprachunterricht in Deutschland auf der Straße stand und nicht wusste, wie er nach dem Weg zum Hotel fragen soll. Zwei Monate verbrachte er dort und beschloss: Diese Sprache soll meine Tochter einmal lernen.

"Der Heft? Das Heft? Die Heft?"

Deutschunterricht in Vietnam

Das Interesse am Deutschen wächst

Erste Stunde in der Dong Da Mittelschule in Hanoi. Nach der Stunde wird Christina wieder Thanh Nga heißen, so wie auch Paul, Martin und Oliver sich hinterher wieder bei ihrem vietnamesischen Namen nennen werden. Doch für die ersten zwei Stunden steht heute die seltsame Sprache mit den vielen Konsonanten auf dem Stundenplan. Seit zwei Monaten lernen die elf- und zwölfjährigen Deutsch. Sie sind erst der zweite Jahrgang in der Dong-Da-Mittelschule, der Deutsch lernt. "Es fällt ihnen sehr schwer, bestimmte Laute auszusprechen", sagt Jens Wedekind. "Ö" zum Beispiel oder "Ü". Dazu komme die komplizierte Grammatik. "Der Heft? Das Heft? Die Heft?", ruft Wedekind in die Klasse. "Das Heft!" schallt es aus dreißig Kinderkehlen zurück.

Jens Wedekind unterrichtet die Klasse seit Beginn des Schuljahres. Er hat ihnen auch die deutschen Namen gegeben – die kann er sich leichter merken. Vietnamesisch sei für ihn mindestens genauso schwer wie für seine Schüler Deutsch, erklärt er. Bis zu den letzten Sommerferien unterrichtete er deutsche Gymnasiasten – nun sitzen dreißig vietnamesische Kinder in Schuluniform und roten Pionierhalstüchern vor ihm. "Die Schüler hier haben eine andere Einstellung zum Lernen", sagt er. "Sie sind leistungsorientierter und motivierter."

"Es gibt keine Deutschlehrer"

Deutschunterricht in Vietnam

Vietnamesische Schulkinder sind oft fleißiger als Deutsche

Jens Wedekind wurde von der deutschen Zentralstelle für das Auslandsschulwesen (ZfA) entsandt, die die Dong Da Schule unterstützt. Für den Deutschunterricht wurden die sechzig Schüler in zwei Gruppen geteilt. Dann wurden die Klassenräume ausgestattet, mit modernen Geräten wie etwa einem Beamer. Auch der Unterricht ist anders, als die Schüler es kennen. Traditionell wird an vietnamesischen Schulen Frontalunterricht gehalten, das heißt, dass ein Lehrer vor der Klasse steht und sie unterrichtet. Oft bei einer Klassenstärke von 45 bis 60 Schülern. Zur besseren Verständlichkeit erhält der Lehrer ein Mikrofon.

Gerade einmal acht Schulen in Vietnam bieten Deutschunterricht an. Der Grund: Es gibt keine Deutschlehrer. "Deutschland ist im Bildungsbereich spät dran", sagt Hildegard Thomas, die die ZfA in Hanoi vertritt. "Andere Länder geben sich hier längst die Klinke in die Hand." Gemeinsam mit vietnamesischen Universitäten bildet die Behörde jetzt Deutschlehrer aus. Der erste Jahrgang hat gerade ein Praxisjahr begonnen, orientiert am deutschen Referendariat. "Wir bieten an, dass wir auf Dauer auch Lehrer aus Deutschland dazuschicken, aber unser Ziel ist, diese jungen, einheimischen Lehrer an die Schulen zu bringen", sagt Thomas.

Hoa ist eine dieser Junglehrerinnen. Sie hat vier Jahre Deutsch studiert und macht nun nach deutschem Vorbild an der Dong Da Schule ein einjähriges Referendariat. Im Wechsel mit Herrn Wedekind unterrichtet sie die Schüler. Lehrerin sei ihr Traumberuf, sagt sie. Denn ursprünglichen Wunsch, Kauffrau zu werden, habe sie schnell aufgegeben, als sie sah, wie motiviert die Schüler sind.

Große Nachfrage

Um einen Arbeitsplatz wird sich Hoa künftig wohl nicht sorgen müssen: Seit sich Vietnam öffnet, steigt der Bedarf an Fremdsprachenunterricht. Neben Englisch werden auch die Sprachen aus anderen europäischen Ländern immer gefragter. Demnächst sollen weitere Schulen an dem Programm teilnehmen. Schon jetzt bekommt längst nicht jeder interessierte Schüler einen Platz in den Deutschklassen der Dong-Da-Schule.

Die Nachfrage für das Deutsche geht in vielen Familien auf die Elterngeneration zurück. Viele der Schülerinnen und Schüler in der Klasse haben Verwandte in Deutschland oder Eltern, die schon einmal dort waren. Gerade in Nordvietnam leben viele ehemalige DDR-Gastarbeiter. Irene, beispielsweise, die in die siebte Klasse geht, spricht schon ganz beachtlich deutsch. "Mein Vater ist mein Lehrer", erklärt sie. Als sie fünf war, nahm er sie beiseite und begann mit ihr, die fremde Sprache zu üben. Eines Tages soll sie in seine Fußstapfen treten und in Deutschland studieren.

Autor: Mathias Bölinger

Redaktion: Silke Ballweg

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