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Ostmitteleuropa

Deutschsprachige tschechische Landeszeitung mit neuen Chefredakteur

Prag, 14.2.2003, RADIO PRAG, deutsch

In der Landes-Zeitung, einer der wenigen deutschsprachigen Zeitungen in Tschechien, gibt es eine interessante Entwicklung zu verzeichnen. Neuer Chefredakteur des Blattes, dessen Leserschaft in aller erster Linie aus älteren Vertretern der deutschen Minderheit in Tschechien besteht, ist seit wenigen Wochen ein junger Student, Martin Jezek, der der Landeszeitung sowohl inhaltlich als auch graphisch einen neuen Anstrich verpassen will. Wir haben dies zum Anlass genommen, uns mit ihm über das bisherige Profil der Landeszeitung, seine Pläne für die Umgestaltung der Zeitung sowie allgemein über die Situation der deutschen Minderheit in Tschechien zu unterhalten.

Die Landeszeitung wurde 1994 gegründet - zunächst unter dem Namen Landesanzeiger -, und erscheint vierzehntäglich im Umfang von jeweils zwölf Seiten im Großformat. Ebenso wie die Prager Volks-Zeitung, die bereits seit den 1950er Jahren erscheint, versteht sie sich als Organ der deutschen Bürger in der Tschechischen Republik. Neben diesen beiden Zeitungen, die vom tschechischen Kultusministerium als Presseorgane der deutschen Minderheit subventioniert werden, gibt es noch die wöchentlich erscheinende Prager Zeitung, die sich als Kultur- und Reiseführer für deutschsprachige Touristen sowie als Ratgeber für Investoren versteht und eine der meistgelesenen fremdsprachigen Wochenzeitungen in Tschechien ist. Man erhält sie an nahezu jedem Zeitungskiosk in Prag und findet sie auch in EC-Zügen, die zwischen Tschechien und Deutschland verkehren sowie auf Flügen von Prag nach Frankfurt.

Die Landeszeitung hingegen, von der im folgenden die Rede sein wird, erscheint in kleiner Auflage und wird hauptsächlich im Abonnement vertrieben. Im Zeitungshandel findet man sie lediglich in den Gebieten, in denen die deutsche Minderheit stärker vertreten ist, wie beispielsweise in der Gegend um Ostrava/Ostrau in Mähren. Und eben jene deutsche Minderheit ist - wie bereits erwähnt - die Zielgruppe der Landeszeitung. Genauer gesagt, nicht die ganze deutsche Minderheit. Martin Jezek, neuer Chefredakteur des Blattes:

"In Tschechien haben sich bei der letzten Volkszählung etwa 42.000 Menschen zur deutschen Nationalität bekannt. Und davon sind fast 6000 Mitglieder der Landesversammlung der Deutschen in Böhmen, Mähren und Schlesien. Und diese Landesversammlung ist auch die Zielgruppe dieser Zeitung. Die Zeitung ist offiziell das Presseorgan der Landesversammlung. Was das Durchschnittsalter angeht, sind es hauptsächlich ältere Leute, weil sich deren Kinder dann bereits nicht mehr so stark mit dem Deutschtum identifizieren. Die leben dann schon, auch wenn sie z.B. deutsch können, schon völlig im tschechischen Kontext."

Was erwartet die Leserschaft von ihrem Presseorgan, wollte ich weiter von Martin Jezek wissen.

"Die Leute wollen sich in der Zeitung sehen, sie wollen von ihren eigenen Veranstaltungen berichten. Aber damit kommt die Zeitung nicht so ganz voran. Denn die deutsche Minderheit lebt in Tschechien verstreut. Das ist nicht wie bei den Ungarn in der Slowakei oder den Polen in Tschechien. Die deutsche Minderheit lebt im Egerland oder z. B. in Ostrau. Deswegen will die Zeitung auch Dinge angehen, die die deutsche Minderheit als ganze betreffen. Als Beispiel: Als es um die Präsidentenwahl ging, haben wir darüber unter der Fragestellung berichtet: welcher der Kandidaten ist eigentlich deutschfreundlich oder was halten bekannte Persönlichkeiten der deutschen Minderheit von den jeweiligen Kandidaten. Oder wie hat Vaclav Havel in der deutschen Frage agiert, wie waren seine Meinungen. Also wir schattieren dann die politischen Berichte in diese deutsche Richtung, würde ich sagen."

Bislang waren die Inhalte der Landeszeitung stark vergangenheitsorientiert. Das soll sich jetzt ändern:

"Also, auf der Kommentarseite sieht man das. Da findet sich wirklich in jeder Ausgabe etwas darüber, wie es jetzt mit der Vertreibung war - mal aus der einen Sicht, mal aus der anderen. Aber ich sehe zu, dass dort auch aktuelle Dinge geschrieben werden, die auch etwas mit der Gegenwart zu tun haben. Z. B. haben wir über die Prager Gruppierung Antikomplex berichtet, das ist eine Gruppe von deutschen und tschechischen Studenten. Die haben bei uns auch Platz mit ihren Aktivitäten. Also, ich bemühe mich, dass man nicht ertrinkt in diesen historischen Dingen. Das ist auch gar nicht der Sinn, man muss irgendwie in der Realität sein."

Martin Jezek engagiert sich seit mehreren Jahren im Bereich der tschechisch-deutschen Beziehungen und insbesondere im Bereich regionaler Medienarbeit im westböhmischen Grenzraum in Westböhmen. Was bringt einen jungen Journalisten dazu, Chefredakteur einer Zeitung mit klar konservativem Profil zu werden, die zudem eher am Stagnieren ist?

"Das ist diplomatisch gesagt. Die Zeitung war und ist meines Erachtens in katastrophalem Zustand. Und das, was mich da gelockt hat, ist, dass ich die Zeitung zu reformieren habe. Das ist der offizielle Auftrag vom Verleger - von der Präsidentin der Landeszeitung. Die will die Zeitung etwas moderner haben, so dass sie zum schönen Informationsperiodikum der deutschen Minderheit wird. Ja, und das andere ist - das gebe ich auch ganz aufrichtig zu -, dass ich dort eine relativ gut bezahlte und auch dauerhafte Stelle habe."

Bei der Neugestaltung der Landeszeitung verfolgt Martin Jezek zunächst folgendes Ziel:

"Mein großer Ehrgeiz ist es, Bericht von Kommentar zu trennen. Das ist meiner Meinung nach ein großes Problem der gesamten tschechischen Medienlandschaft, aber bei der Landeszeitung hat man das überhaupt nicht auseinander gehalten. Jeder Autor, der über etwas berichten wollte, hat sich gleichzeitig dazu geäußert, was er davon hält. Und das ist etwas, was ich unbedingt auseinander halten will."

Zudem würde er sich wünschen, dass die Landeszeitung künftig auf aktivere Unterstützung ihrer Leserschaft zählen kann:

"Die deutsche Minderheit in Tschechien ist nicht homogen. Sie ist zurzeit zerstritten und schlecht organisiert. Das ist dann natürlich schwierig, dass sich die Leute auch selbst an der Zeitung beteiligen, dass es auch wirklich ihre Zeitung wird. Wenn sie sehen, da hat der eine was geschrieben, dann schreiben sie da nicht hin. Das sind also wirklich persönliche Dinge, die da hereinspielen und die nicht zu ändern sind. Ich bräuchte, dass sich die Mitglieder der Landesversammlung der Deutschen viel mehr mit der Zeitung identifizieren, und das ist nicht der Fall." (fp)

  • Datum 17.02.2003
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