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Kultur

Deutschsprachig, ungebunden, jung ... sucht Herausgeber

Mit der Popliteratur ist auch der Wirbel um junge Autoren vorbei. Es reicht nicht mehr, unter 35 zu sein und ein paar Erzählungen zu schreiben. Nur, wie schlagen sich junge Autoren durch - und wer hilft ihnen dabei?

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Bachmanns Erben: Textende Twens

Ihre Texte haben noch kein festes Zuhause, stehen nicht in den Regalen der großen Buchhandlungen. Aber ihre Literatur lebt. Junge deutschsprachige Autoren haben ein Forum jenseits der großen Auflagen. Sie veröffentlichen ihre Texte in kleinen Zeitschriften oder im Internet. Sie schicken Gedichte zu Literaturwettbewerben von der "ZEIT" oder der "Allegra". Und sie hoffen, bei einem der Festivals - wie zum Beispiel dem "Open-Mike" in Berlin - dabei zu sein, wo sie dann vor ein paar hundert Literaturfans lesen dürfen.

Gehversuche

Wiebke Eymess

Wiebke Eymess schreibt Texte zum Lesen und für die Bühne

Wiebke Eymess durfte das neulich mal: Beim "Prosanova-Festival für junge Literatur" in Hildesheim. Vier Tage im Mai hatten dort rund 55 junge deutschsprachige Autoren eine Bühne. Wiebke Eymess ist Jahrgang 1978 und las ihre Geschichte von "Wenzel". Ein Mann, dessen Leben stillsteht. Erst als eine neue Nachbarin in den sechsten Stock seines Hauses zieht, kommt Bewegung in den traurigen Alltag. Wenzel trägt die Frau jeden Tag vom ersten in den sechsten Stock - einfach so. "Eine Kleinigkeit genügt, um sich aus dem Trott herauszureißen," sagt Wiebke Eymess.

Gehhilfen

Eymess lebt und schreibt in der Provinz. Sie studiert Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim. Die kleine Stadt in Niedersachsen hat eine lebendige Szene aus jungen deutschsprachigen Autoren. Die meisten sind wie Eymess Studenten, "Gleichgesinnte", sagt sie. Einige geben die alle vier Monate erscheinende Zeitschrift "BELLA triste" heraus und veranstalten eigene Lesereihen. Der Studiengang sei eine gute Vorraussetzung für ein Netzwerk nach dem Diplom im nächsten Jahr, sagt Eymess. Das mit den Kontakten klappt aber auch jetzt schon ganz gut. Auf dem Prosanova-Festival hat sie ein Literaturagent angesprochen und überredet, ihm ein paar Kurzgeschichten zu schicken.

Der Entdecker

Patrick Hutsch ist ein solcher Literaturagent: Er arbeitet für die Literaturzeitschrift "EDIT" in Leipzig. Er tingelt von Lesung zu Festival, oder vom Deutschen Literaturinstitut Leipzig in den Literaturtreff "Café Burger" in Berlin. Hutsch will deutschsprachige Autorentalente entdecken. Wenn er einen Text lese, sei die zentrale Frage, ob damit "etwas Neues zu wagen" sei. Es gebe viele junge Frauen, "die versuchen wie Judith Hermann zu schreiben". Für Hutsch ist das "steril". "Die Leute sollten auf die eigene Stimme vertrauen", sagt er.

Überleben

Coverbild Krachkultur

Die Zeitschrift Krachkultur: Angry-young-man-Charaktere

"Es muss um Leben und Tod gehen", findet Martin Brinkmann in Bremen. Er gibt seit 1993 die Zeitschrift "Krachkultur" heraus. Sein Ziel: vergessene Literatur wiederentdecken und ein Forum für das junge Schreiben bieten. Brinkmann interessiert das Krude, keine "Wir erzählen nochmal welche Drei Fragezeichen Kassetten wir gehört haben Prosa". Die Auflage von Krachkultur ist klein: 500 bis 600 Exemplare werden pro Ausgabe in Umlauf gebracht. Rentabel sei das nicht, gibt Brinkmann zu, der in Germanistik promoviert und für die "Financial Times Deutschland" schreibt. Ohne Fördermittel und "100 Prozent Idealismus" gehe es nicht. Schließlich ist seine Zielgruppe "die aussterbende Art der Literaturleser".

Nischendasein

Buchcover Sprachgebunden

Die Zeitschrift Sprachgebunden: Spaziergang durch die junge Literatur

Wenig Leser im Vergleich zu vielen Literaturzeitschriften - Jan Valk hat das nicht abgeschreckt. Er hat mit einem Freund Anfang des Jahres 2005 noch eine neue Zeitschrift gegründet: "Sprachgebunden". "Viele Autoren haben es einfach verdient, veröffentlicht zu werden," sagt Valk. Die Zeitschrift soll ein "Rundgang durch die verschiedenen deutschen Szenen" für junge Literatur sein.

Die Autoren leben in Berlin, Leipzig oder Düsseldorf. Manche kannte Jan Valk schon, andere haben ihn durch die eingeschickten Texte beeindruckt. Axel von Ernst zum Beispiel - "ein spannender Autor, der nicht in altbekannten Zeitschriftenkreisen herumgeistert". Er hat kurze Prosastücke geschrieben, inspiriert von den Fotos von Peter Rusam, die auch abgedruckt sind. Bilder sind in "Sprachgebunden" gleichberechtigt, nicht nur schmückendes Beiwerk zum Text, sagt Valk.

"Prosa, wo viel Welt drin ist"

Die Herausgeber Hutsch, Brinkmann und Valk teilen nicht nur denselben Leserkreis, sondern auch die Vorliebe für Saša Stanišic. Der 27-Jährige hat in allen drei Zeitschriften veröffentlicht, bevor er im März den Publikumspreis des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs bekam und bekannt wurde. Stanišics erstes Gedicht hatte den Titel "Wenn ich weine, werden meine Tränen auf den Boden eines fremden Landes fallen." Es war in Bosnisch geschrieben, der Muttersprache von Stanišic.Damals, Anfang der 1990er, lebte er gerade ein Jahr in Deutschland und hatte Heimweh. Heute schreibt er auf Deutsch.

Disziplin und Netzwerk

Sasa Stanisic

Sasa Stanisic: "Mein Gott, das gefällt!"

"Vor allem, wenn man anfängt, will man, dass es gefällt", sagt Saša Stanišic. In den ersten Jahren hat ihn sein Deutschlehrer ermutigt und die Texte mit ihm durchgesprochen. Dann kam ein Zufall zur Hilfe. Ein Barkeeper in der Heidelberger Kneipe, in der auch Stanišic jobbte, gab ihm den Rat, seine Texte an Bekannte von ihm zu schicken.

Diese Bekannten waren die Herausgeber von "Krachkultur", und Stanišics Text gefiel ihnen so gut, dass sie ihn veröffentlichten. "Das war der Auslöser fürs Intensivschreiben" erinnert sich Stanišic. Er betrachtet das Schreiben seitdem als Job, steht jeden Tag um sechs Uhr auf und arbeitet bis abends. "Disziplin ist das Wesentliche" sagt er.

Und Netzwerk. Am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig, wo Saša Stanišic gerade über Fußball und Literatur promoviert, helfen sich die Jungautoren gegenseitig. Sie lesen ihre Texte und "wenn mir etwas gefällt, empfehle ich es weiter", sagt Stanišic. Er selbst muss nicht mehr suchen: mehrere Verlage buhlen um ihn. Und im nächsten Jahr wird sein erstes Buch erscheinen - ein gutes Gefühl: "Wenn mein erster veröffentlichter Artikel ein Lächeln war, wird das erste Buch ein Jubel".

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