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Kultur

Deutschlands unbequemer Dichter und Denker

Wolf Biermann, einer der bekanntesten Liedermacher Deutschlands, wird 70 Jahre alt. Zudem jährt sich zum 30. Mal seine Ausbürgerung aus der DDR. Biermann und Deutschland - eine intensive und schmerzvolle Verbindung.

Der Dichter, Musiker und Liedermacher Wolf Biermann am Tag nach seiner Auszeichnung mit dem Joachim-Ringelnatz-Preis der Stadt Cuxhaven im Juni 2006.

Provokant und ironisch - Er kann nicht anders

"Ich leide an Deutschland wie jeder Mensch an einer Beziehung leidet, die etwas mit Liebe zu tun hat", bekennt Wolf Biermann 1999 in einem Interview mit der Berliner Morgenpost. Liebe und Wut, Idealisierung und Verachtung, Trauer, Verzweiflung - und immer wieder beißende Kritik: Die Erfahrungen, die Wolf Biermann im Laufe seines Lebens in und mit Deutschland gemacht hat, schöpfen die ganze Bandbreite an Gefühlen aus, die ein Dichter zu seiner Heimat haben kann.

Wolf Biermann: unter anderem ausgezeichnet mit dem Deutschen Nationalpreis, dem Heinrich-Heine-Preis und dem Georg-Büchner-Preis

Geehrt mit dem Deutschen Nationalpreis, dem Heinrich-Heine-Preis und dem Georg-Büchner-Preis

Der Liedermacher, der am 15. November seinen 70. Geburtstag feiert, hat es sich selbst und seinen Zeitgenossen nie einfach gemacht. Aggressiv, provokant und mit scharfer Ironie kritisiert er in seinen Liedern und Texten die gesellschaftlichen und politischen Missstände, zunächst in der DDR, nach seiner Ausbürgerung 1976 in der BRD. "Ich hatte Glück, ich konnte aus meinen Schmerzen Lieder machen", sagte er einmal.

Fast 30 CDs und zahlreiche Gedichtbände hat Biermann bis heute veröffentlicht und gilt - von Preisen regelrecht überhäuft - als einer der bedeutendsten deutschen Autoren der Gegenwart. Einer von denen, die sich einmischen in die aktuellen Diskussionen: laut, frech und polarisierend.

Als gebranntes Kind in die DDR

Geboren 1936 in Hamburg als Sohn eines jüdischen Werftarbeiters, der im kommunistischen Widerstand aktiv war, wird Biermann schon als kleiner Junge mit Totalitarismus, Verfolgung und Verlust konfrontiert. Sein Vater wird 1943 im KZ Auschwitz ermordet, mit seiner Mutter entkommt er im gleichen Jahr dem alliierten Bombenhagel auf die Hansestadt. Erlebnisse, die den späteren Künstler für immer geprägt haben, wie er in seinem neuesten Gedichtband "Heimat" beschreibt: "Das Zentrum meiner poetischen Versuche aber wird immer hier an der Elbe sein, wo ich als gebranntes Kind durch das große Feuer der Bombennächte raus in die Welt rannte."

Sein Weg führt ihn gegen den Strom: 300.000 Menschen verlassen im Jahr 1953 die DDR gen Westen - der 17jährige Wolf Biermann aber will hinein und siedelt aus Überzeugung in den sozialistischen Arbeiter- und Bauernstaat über. Zwei Jahre später nimmt er an der Ost-Berliner Humboldt-Universität ein Studium der politischen Ökonomie auf sowie, unterbrochen von einer zweijährigen Regieassistenz am Berliner Ensemble, ein Studium der Philosophie und Mathematik.

Zwölf Jahre Berufsverbot

Wolf Biermann mit seinem Westberliner Kollegen Wolfgang Neuss 1965 in der Distel, einem Ostberliner Kararett

Mit seinem Westberliner Kollegen Wolfgang Neuss 1965 in der "Distel", einem Ostberliner Kararett

Gefördert durch den Komponisten Hanns Eisler beginnt Biermann in dieser Zeit Lieder und Gedichte zu schreiben sowie im Kabarett aufzutreten. Ersten Veröffentlichungen in DDR-Zeitungen und Anthologien folgt der Versuch, ein kleines Theater aufzubauen. Doch bereits vor der Premiere des ersten Stückes - es handelt vom Mauerbau - wird das Theater von staatlicher Seite geschlossen, Biermann erhält ein halbes Jahr Berufsverbot, das bis Juni 1963 währt, und wird aus der SED ausgeschlossen. Zu kritisch sind den DDR-Behörden seine Texte.

Nach einer ersten Konzertreise in die BRD und der Veröffentlichung seines Gedichtbandes "Die Drahtharfe" in einem West-Berliner Verlag, ist endgültig Schluss: Das Zentralkomitee der SED verhängt 1965 ein Auftritts-, Publikations-, und Ausreiseverbot über den Sänger und Dichter - wegen "Klassenverrats". Zwölf Jahre lang singt Biermann für sich allein oder gibt kleine Privatkonzerte in seiner Ostberliner Wohnung in der Chausseestraße. Gelegentlich kann er Tonbänder in den Westen schmuggeln und dort veröffentlichen, seine Lieder sind im Westen populärer als im Osten.

Der Ausbürgerung folgt ein Massenexodus

Wolf Biermann während seines berühmt gewordenen Kölner Konzerts am 13. November 1976.

Während seines berühmt gewordenen Kölner Konzerts am 13. November 1976

Im September 1976 darf der Protestsänger Biermann das erste Mal wieder in der DDR ein Konzert geben und erhält zwei Monate später ein Visum für eine Tournee durch die Bundesrepublik. Am 13. November gibt er sein legendäres Konzert in der Kölner Sporthalle - und wird drei Tage später von der Staats- und Parteiführung ausgebürgert: Wegen seines "feindseligen Auftretens" gegenüber der DDR darf er nicht mehr einreisen, seine Staatsbürgerschaft wird ihm entzogen.

Ein Sturm der Entrüstung bricht daraufhin in der Kulturszene der DDR los. Mehr als 100 Künstlern, Schriftsteller und Schauspieler schließen sich einer offenen Protesterklärung an. Die überrumpelte Parteispitze reagiert mit weiteren Schikanen. Einschüchterungen, Gefängnis und Berufsverbote bewirken eine massenhafte Ausreise von Intellektuellen in den Westen, für die DDR ein Imageverlust ohnegleichen.

"Vom Regen in die Jauche"

Biermann selbst erlebt seine Ausbürgerung als Katastrophe: "Ich dachte, es ist aus mit mir, mit meinem Leben, als Liedermacher und Dichter", erinnert er sich später. Die ersten Jahre im ungeliebten Exil sind nicht leicht. Biermann wehrt sich gegen konservative Vereinnahmungen und schmäht die Bundesrepublik: "Jetzt bin ich vom Regen in die Jauche gekommen". Nichts desto Trotz setzt der "Troubadour der deutschen Zerrissenheit", wie die "Süddeutsche Zeitung" 1987 über Biermann schreibt, seine Karriere fort. Er veröffentlicht zahlreiche Lyrik- und Prosabände und rechnet auf seinen vielen in- und ausländischen Tourneen mit der DDR aber auch der neuen Heimat BRD ab.

Wolf Biermann 2005 im Deutschen Bundestag anlässlich des sechzigsten Jahrestages der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz.

2005 im Deutschen Bundestag anläßlich des 60. Jahrestages der Befreiung von Auschwitz

Bei seinem ersten Auftritt im Osten nach dem Mauerfall 1989 wird Biermann begeistert empfangen, doch mit dem Sozialismus hat er da bereits gebrochen. In den 1990er-Jahren macht er neben seiner künstlerischen Arbeit, in der er sich verstärkt mit seinen jüdischen Wurzeln beschäftigt, vor allem durch seine politischen Aktionen und Provokationen von sich reden. Er agitiert gegen die SED-Nachfolgepartei PDS, wird im Jahr 2000 Chef-Kulturkorrespondet der Tageszeitung "Die Welt" und befürwortet drei Jahre später den Irak-Krieg der USA.

Bis heute ist Biermann ein unbequemer und streitbarer Zeitgenosse, der seinen Finger gerne in offene Wunden legt und immer wieder für Diskussionen sorgt. "Ich kann mich nicht darüber beschweren, dass ich gründlich missverstanden wurde. Ich wurde in der Regel ganz gut verstanden", so Biermann kürzlich im Gespräch mit Reportern der Deutschen Welle. Der zehnfache Vater lebt heute mit seiner zweiten Frau in Hamburg-Altona.

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