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Deutschland

Deutschlands Geschlechterrollen - die 50er wirken nach

Auch in Deutschland sind überholte Rollenmuster für Männer und Frauen nur schwer aufzubrechen. Auch die deutsche Bundesregierung ist aufgefordert, dieses Thema anzugehen.

Eine Frau hebt in der Küche am Herd den Deckel eines Kochtopfes und schaut in den Topf (Foto: DPA)

Ja, es gibt den modernen neuen Mann in Deutschland: Er ist meist gut gebildet und spricht sich für gleichgestellte, partnerschaftliche Arrangements zwischen Beruf und Privat- beziehungsweise Familienleben aus. Rund ein Drittel der deutschen Männer denken so, stellte eine Studie des Familienministeriums kürzlich heraus. Dann jedoch beginnt das große Aber.

Denn dieser Wunsch des modernen Mannes und der modernen Frau ist oft ein Kunststück, das nicht zu bewältigen ist: Nach wie vor gibt es für die gleiche Arbeit nicht die gleiche Bezahlung, also bleibt der Mann der Hauptverdiener. Nach wie vor ist es für die meisten Männer ein Karriereknick, wenn sie Teilzeitarbeit beantragen, also wird die Kinderbetreuung aus wirtschaftlichen Gründen meist doch wieder Frauensache. Nach wie vor fehlen Kindergärten und Ganztagsschulen. Viele Väter und Mütter organisieren ihren Alltag im ständigen Dauerstress.

Für Alleinerziehende - meist Frauen - bleibt das ein hohes Armutsrisiko. Für Paare bedeutet dieses oft die Rückkehr zum Ernährermodell: Die Frau ist zumindest längere Zeit für Haushalt und Kinder zuständig, der Mann schafft das Geld ran.

Nachkriegsstrukturen wirken nach

Diese Rollenfestlegung ist in der Geschichte Deutschlands tief verwurzelt und wurde nach dem Zweiten Weltkrieg erneut manifestiert. Obwohl viele Frauen in Kriegs- und Nachkriegszeiten in weiten Bereichen des Alltagslebens ihren Mann gestanden hatten, wurden sie in der neuen Bundesrepublik in den 1950er-Jahren zurück an den Herd geschickt. Sie sollten Platz machen für die aus Krieg und Gefangenschaft heimkehrenden, tief verunsicherten und zum Teil schwer traumatisierten Männer.

So kam es, dass das Familiengesetz in Deutschland einem anderen Leitbild folgte, obwohl Mann und Frau im Grundgesetz gleichgestellt sind: Der Mann war rechtlich der Haushaltsvorstand und die Frau brauchte zum Beispiel bis weit in die 1970er-Jahre die schriftliche Zustimmung ihres Ehemannes, wenn sie einen Job annehmen wollte. Sie war die Dazuverdienerin, meist in einem weniger qualifizierten Teilzeitjob. Die Frau, die den Kindern keine Priorität einräumte, galt als Rabenmutter. Die Unterbringung der Kleinen im Kindergarten, auch nur stundenweise, war in Westdeutschland die Ausnahme - im Gegensatz zur Gesellschaft der alten DDR.

Das verursacht auch heute noch bestimmte strukturelle Diskriminierungen von Frauen in Deutschland: Auffällig ist zum Beispiel die im Vergleich zu anderen europäischen Ländern hohe Lohnungerechtigkeit zwischen Männern und Frauen. "Frauen in Deutschland verdienen im Durchschnitt 23,2 Prozent weniger als Männer", beklagte die neue EU-Kommissarin Viviane Reding kürzlich. In den Führungspositionen der deutschen Regierung und Unternehmen sind im Vergleich zu den meisten anderen Staaten Europas ebenfalls besonders wenige Frauen zu finden.

Der Antidiskriminierungsausschuss der Vereinten Nationen (CEDAW), der regelmäßig die Länderberichte zur Lage der Frauen prüft, hat die Bundesregierung bereits mehrfach gemahnt, mehr gegen diese tradierten Geschlechterbilder zu unternehmen.

Autorin: Ulrike Mast-Kirschning

Redaktion: Kay-Alexander Scholz