1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Politik & Gesellschaft

Deutschlands "Generation Wodka"

Es ist alarmierend: Immer mehr Kinder und Jugendliche in Deutschland konsumieren regelmäßig hochprozentige Alkoholika. Doch große Teile der Gesellschaft ingnorieren das Problem.

Jugendliche mit Flaschen mit Alkohol (foto: dpa)

Immer häufiger greifen Jugendliche zu Hochprozentigem

Eltern, Pädagogen, Mediziner und Krankenkassen schlagen in letzter Zeit immer häufiger Alarm, denn immer mehr Kinder und Jugendliche konsumieren regelmäßig hochprozentigen Alkohol - oft sogar bis zur Bewusstlosigkeit. "Saufen bis zum Umfallen" ist das Motto.

Bernd Siggelkow, Gründer der "Arche", einer Anlaufstelle für sozial schwache Kinder und Jugendliche in Berlin Hellersdorf - inzwischen gibt es die Einrichtung auch bundesweit an mehreren Standorten -, hat gemeinsam mit den Journalisten Wolfgang Büscher und Markus Mockler das Buch "Generation Wodka - wie sich unser Nachwuchs mit Alkohol die Zukunft vernebelt" geschrieben, das jetzt im adeo Verlag erschienen ist.

Eine Frage des Maßes

Das Buchcover von Generation Wodka

Mit dem Buch sollen auch Vorurteile aufgeräumt werden

"Es geht um ein Saufen, das kein Maß kennt.", sagt Verleger Ralf Markmeier. Und räumt gleichzeitig ein, dass die Mehrheit der Menschen mit Alkohol umgehen könne. Es gehe in dem Buch nicht um eine Generalabrechnung mit dem Thema "Alkohol". Die Autoren wollten nicht als weltabgewandte Asketen auftreten, sondern "als Menschen, die sich Sorgen um Kinder und Jugendliche machen".

Aus einer Studie der Deutschen Angestellten Krankenkasse (DAK) werden erschreckende Zahlen präsentiert: Danach trinkt jeder zehnte Jugendliche unter zwölf Jahren regelmäßig Alkohol. Sogar Kinder im Grundschulalter landeten deshalb schon im Krankenhaus. Zwar trinken mittlerweile weniger Kinder, zitiert Siggelkow die aktuellste Studie. Aber immer mehr würden zu "harten Sachen" greifen.

Viele der Jugendlichen versuchen Frust oder Enttäuschung zu verdrängen oder Überforderung im Lebensalltag zu kompensieren, sagt Sozialpädagoge Sebastian Kuttler, seit drei Jahren bei der "Arche" in Hellersdorf im Osten Berlins tätig. Vierzig bis sechzig Jugendliche gehen dort täglich ein und aus. Ein Elfjähriger, der Jüngste in einer Clique Jugendlicher, habe ihm beschrieben, so Kuttler, wie sie sich regelmäßig Alkohol beschafften - nicht auf offiziellem Weg: Die Älteren schickten den Jüngsten in einen Supermarkt vor, um zu klauen und dann das Diebesgut in seiner Sporttasche zu verstecken. An der Kasse bezahlte er nur ein paar Kaugummis - und wanderte mit den Wodka-Pullen hinaus.

Nicht nur ein Problem der "Unterschicht"

Mit seinem Buch will Siggelkow mit dem Vorurteil aufräumen, dass das unkontrollierte Trinken ein Problem sozial schwacher Schichten ist: "Es gibt prozentual viel mehr Gymnasiasten, die Alkohol trinken als Hauptschüler. Das Problem zieht sich durch die ganzen Schichten." Nur bestehe in Bürgertum oder gesellschaftlicher Elite die Neigung, die Augen vor diesem Problem zu verschließen, heißt es im Buch. Während die Eltern beim Golfen sind, mischten sich die Kinder in ihren Zimmern hochprozentige Cocktails. In der Disco gehöre Cola-Wodka längst zum Standardangebot.

Dass Alkohol bei Kindern und Jugendlichen auch volkswirtschaftliche Kosten verursacht, wird in "Generation Wodka" ebenfalls deutlich gemacht: So werden in deutschen Großstädten an Wochenenden regelmäßig rund 15 Jugendliche mit Alkoholvergiftung in die Krankenhäuser eingeliefert. Bei anderen Gelegenheiten wie Schützen- oder Erntefesten oder zu Ferienbeginn sind es bis zu 80 Jugendliche, die behandelt werden müssen. Häufig sind die Kinder nicht älter als 12 oder 13 Jahre alt. Und: Die Zahl der Jugendlichen, deren Alkoholkonsum im Koma endet, steigt immer weiter an. Bei Verkehrsunfällen von Jugendlichen steht Alkohol als Todesursache sogar an erster Stelle.

Verbannung aus dem öffentlichen Raum

Wolfgang Buechner , Veronica Ferres, Bernd Siggelkow (Foto: eventpress)

Die Autoren verlangen drastische Maßnahmen

Auch die bekannte Schauspielerin Veronica Ferres engagiert sich im Kampf gegen Alkoholmissbrauch durch Kinder und Jugendliche. "Es ist für mich unglaublich, wie Kinder offenbar immer wieder ohne Probleme an Alkohol gelangen", sagt die 46-Jährige. Bedauerlicherweise sei die Kontrolle durch viele Eltern nicht gegeben. Ebenso fehlten häufig schärfere Kontrollen beim Verkauf von Alkohol. Das Thema Alkoholmissbrauch müsse endlich auch ein Thema für die Politik werden. Bei ihrer eigenen zehnjährigen Tochter setzt die Schauspielerin auf eine Stärkung des Selbstbewusstseins. Und hofft, dass die sich eines Tages traut, "Nein" zu Alkohol zu sagen.

Die Autoren rund um Arche-Gründer Siggelkow verlangen drastische Maßnahmen wie ein Alkoholverbot in der Öffentlichkeit, keinen Alkoholverkauf an Tankstellen nach 22 Uhr, höhere Preise für Hochprozentiges und Risikohinweise auf Flaschenetiketten. Es gehe um ein Signal an die Gesellschaft.

Autorin: Sabine Ripperger

Redaktion: Michael Borgers