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Deutschland

Deutschlands Gas-Dilemma mit Russland

Die Staatengemeinschaft isoliert Russland, weil es die Krim von der Ukraine abspaltet. Auch Deutschland forciert den Druck, aber leise. Denn kaum ein anderes Land ist so verwundbar, sollte Russland den Gashahn zudrehen.

Wieder einmal hat die deutsche Kanzlerin Angela Merkel durch eine eher beiläufige Bemerkung eine Debatte ins Rollen gebracht. Dieses Mal mit Blick auf Deutschlands Energieabhängigkeit von Russland. "Es wird eine neue Betrachtung der gesamten Energiepolitik geben", sagte Merkel am Donnerstag (27.03.2014) nach einem Gespräch mit dem kanadischen Premierminister Stephen Harper in Berlin.

Das ließ viele aufhorchen, denn bislang ist die Europäische Union in Sachen Energielieferungen von keinem anderen Partner so abhängig wie von Russland. Steht der europäischen Energiepolitik also eine Zeitenwende bevor, weg von russischem Gas und Öl?

Abhängigkeit von Russland

Stephen Harper und Angela Merkel in Berlin - Foto: Kai Pfaffenbach (Reuters)

Regierungschefs Harper und Merkel: "Langfristige Lieferoptionen"

Ein Blick auf die Fakten verrät, dass es mit der Abkehr von russischer Energie zumindest kurzfristig schwierig wird. 30 Prozent der Erdgasimporte der EU kommen derzeit aus Russland. Auch 35 Prozent des von der Europäischen Union importierten Öls sind russischer Herkunft. Deutschlands Abhängigkeit ist gar noch höher: 36 Prozent der Erdgasimporte und 39 Prozent der Erdölimporte hierzulande stammen von Gazprom & Co. Da durch die Ukraine der größte Transportkorridor für russisches Gas nach Europa verläuft, könnte ein Lieferstopp dort wegen der Verschärfung der Krim-Krise auch Westeuropa betreffen. Die Hälfte der russischen Erdgasexporte, also rund 160 Milliarden Kubikmeter Erdgas, erreicht Europa über diesen Kanal.

Ein Lieferausfall könnte drei Monate lang über Reserven in der EU abgefedert werden. Außerdem gibt es Transportalternativen. Darunter sind die Nord Stream Pipeline, durch die 55 Milliarden Kubikmeter russisches Gas nach Greifswald strömen, ebenso wie die Jamal-Pipeline, die 33 Milliarden Kubikmeter über Weißrussland ins Baltikum, Polen und Deutschland liefert. Zudem besteht über die Blue Stream Pipeline ein Transportweg für 16 Milliarden Kubikmeter russisches Gas in die Türkei und nach Südeuropa.

Eskaliert der Konflikt zwischen dem Westen und Russland weiter, könnte die Frage eines Öl- und Gas-Embargos gegen Russland aber auf die Tagesordnung kommen. Besonders beim Gas zeigt sich, dass es schwer wird, Alternativen für russische Importe zu finden. Das Bruegel-Institut, eine europäische Denkfabrik, hat in einer Grobkalkulation vorgerechnet: Um die rund 130 Milliarden Kubikmeter Erdgas in der EU - wovon Deutschland alleine 90 Milliarden Kubikmeter verbraucht - aus Russland zu ersetzen, bedürfte es einer technischen und wirtschaftlichen Kraftanstrengung.

Europäischer Flüssiggastanker - Foto: Aker Yards (EPA)

Europäischer Flüssiggastanker: Algerischer Brennstoff als Alternative?

So verfügt Europa über Anlande-Kapazitäten bei Flüssiggas (LNG), wodurch Brennstoff auf dem weltweiten Gasmarkt zugekauft werden könnte. Flüssiggas aus Algerien könnte verstärkt nach Europa importiert werden. Auch die Niederlande und Norwegen könnten ihre Erdgas-Produktion nach oben fahren. Aus Norwegen bezieht Deutschland derzeit 24 Prozent seines Erdgases, aus den Niederlanden 23 Prozent und aus deutschen Quellen stammen elf Prozent. Aus Norwegen wäre kurzfristig ein Produktionsanstieg von 20 Milliarden Kubikmeter möglich, die LNG-Importe könnten nach Bruegel-Angaben technisch auf bis zu 60 Milliarden Kubikmeter verdoppelt werden.

Das Problem: Flüssiggas ist auf dem Weltmarkt aktuell doppelt so teuer wie russisches Gas. Und zudem sind die LNG-Kapazitäten langfristig ausgebucht, weshalb schnelle Lieferänderungen schwierig sind. Der europäische Versuch, die Abhängigkeit von russischem Gas durch die Nabucco-Pipeline zu reduzieren, durchs Kaspische Meer verlaufen sollte, war unlängst aus wirtschaftlichen Gründen gescheitert. Kurz: Für Europa und insbesondere Deutschland dürfte es eine logistische und finanzielle Herkulesaufgabe darstellen, sich von den Erdgas-Importen aus Russland zu befreien.

Ersatz für russisches Erdöl bietet der Weltmarkt genug

Anders sieht das für Russlands Erdöllieferungen in die Europäische Union aus. Das Angebot am Weltmarkt in Sachen Öl ist aktuell hoch, weshalb die Preise im Vergleich zur Weltwirtschaftskrise 2008/2009 relativ moderat sind. Alternative Lieferanten gäbe es also genug, nicht zuletzt Kanada, das aus Ölsanden in einem sehr umweltschädlichen Verfahren Erdöl gewinnt.

Während Kanzlerin Merkel beim Besuch des kanadischen Premierministers Harper diese Woche noch von einer "langfristigen Orientierung" hin in Richtung solcher Lieferoptionen sprach, ruderte ein Regierungssprecher am Freitag wieder zurück: "Die Debatte über Alternativen, beispielsweise Import von Gas aus Kanada oder den USA ist eine charmante, gegenwärtig aber eine theoretische, weil die nämlich kein Gas exportieren".

Deutschlands Vizekanzler, Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD), ließ am Donnerstag Ähnliches verlauten. Gabriel sieht keine vernünftige Alternative zum Import von Gas und Öl aus Russland. Er warnte vor "Panikmache": "Selbst in finstersten Zeiten des Kalten Krieges hat Russland seine Verträge eingehalten", betonte Gabriel. Dass es solche Lieferstopps indirekt aber bereits gegeben hat, beweist ein Blick in die jüngste Vergangenheit. In den Jahren 2006 und 2009 hatten Streitigkeiten zwischen Russland und der Ukraine bereits zwei Mal zu kurzfristigen Lieferengpässen im Rest Europas geführt.

US-Präsident Barack Obama - Foto: Yves Herman (Reuters)

US-Präsident Obama: Förderung von Schiefergas mithilfe von Fracking

US-Präsident Barack Obama hatte die Europäer am Rande des G7-Treffens diese Woche in Den Haag dazu aufgefordert, ihre Energieversorgung von Russland unabhängiger zu machen. Dabei legte er den EU-Staaten nahe, ebenso wie in den USA über eine verstärkte Förderung von Schiefergas mithilfe von Fracking nachzudenken. In den Vereinigten Staaten hat das zu einem Überangebot von Energie und zu günstigen Preisen geführt, während diese Technologie in Europa wegen ihrer starken Umweltbelastungen umstritten bleibt.

Russland will keinen "Gas-Krieg"

Russlands Botschafter bei der Europäischen Union, Wladimir Tschischow, schließt einen möglichen "Gas-Krieg" zwischen Russland und dem Westen aus. "Das sind Horrorgeschichten, die der politischen Fantasie entspringen", sagte der Diplomat am Mittwoch der russischen Agentur Interfax. Russland sei, so betonte der Spitzendiplomat, ein verlässlicher Partner und Energielieferant und werde es auch bleiben.

Russisches Eigeninteresse ist dabei klar: 68 Milliarden US-Dollar, so berechnete es das Hamburger Beratungsunternehmen Energy Comment, habe Russland der Verkauf von Erdgas im Jahr 2012 eingebracht. 290 Milliarden US Dollar flossen durch Ölexporte. Für den russischen Staatshaushalt bedeutet das: Während das Gasgeschäft für rund 5 Prozent zum Staatshaushalt beiträgt, stehen die Erlöse aus dem Ölexport für rund die Hälfte der russischen Staatseinnahmen. Was die Regierung in Moskau finanziell also besonders treffen würde, wäre nicht ein "Gas-Krieg", sondern eine Blockade der Ölexporte ins Ausland. Trotzdem gilt: Fossile Brennstoffe aus Russland bleiben ein wichtiger Pfeiler der europäischen Energieversorgung.

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