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Deutschland

Deutschlands arme Kinder

Kein Geld und keine Perspektive: Die Armut trifft am häufigsten Kinder alleinerziehender Eltern und ausländischer Familien. Es fehlt wirksame Unterstützung, um den Teufelskreis zu durchbrechen.

Kinder der Internationalen Schule Berlin und UNICEF-Botschafterin Sabine Christiansen in Berlin vor dem Brandenburger Tor.

Jedes sechste Kind in Deutschland ist arm, sagt UNICEF

Arbeitsplatzsicherheit, Klimaschutz, Probleme mit Migration: alles Themen, die den Deutschen Sorgen machen. Aber keines davon bereitet den Menschen in Deutschland so viel Kopfzerbrechen, wie die Armut von Kindern. Ein Drittel der Deutschen sieht Kinderarmut als die größte gesellschaftliche Herausforderung im Jahr 2008, besagt eine repräsentative Umfrage der Firma Debitel. Und es gibt durchaus Grund zur Sorge. Nach Schätzungen des Deutschen Kinderhilfswerks (DKHW) leben drei Millionen Kinder in Deutschland in Armut. Im europäischen Vergleich liegt Deutschland damit im Mittelfeld.

Besonders stark betroffen sind laut dem UN-Kinderhilfswerk UNICEF Kinder alleinerziehender Eltern: Bis zu 40 Prozent von ihnen gelten als arm. Auch die Kinder ausländischer Familien gehören zu den großen Verlierern. Für sie ist das Armutsrisiko doppelt so hoch wie für Kinder aus deutschen Familien.

Sozialhilfe als Perspektive: "Ich werde Hartz IV"

Drei Kinder mit Migrationshintergrund bekommen Sprachförderunterricht.

Mittel gegen Kinderarmut: Sprachförderung bei Kleinkindern

Die Kluft zwischen Arm und Reich in Deutschland wird immer breiter. Das bestätigt auch der Armuts- und Reichtumsbericht den die Bundesregierung jedes Jahr herausgibt und diese Kluft bekommen auch bereits die Kinder zu spüren. Laut einer repräsentativen Umfrage des Münchner Meinungsforschungsinstituts "iconkids" haben deutsche Kinder dieses Jahr im Schnitt mehr als 23 Milliarden Euro zur Verfügung, mehr als je zuvor. Der Anteil der Kinder, die unterhalb der Armutsgrenze leben, nimmt unterdessen ständig zu.

"Kinderarmut in Deutschland heißt nicht, dass die Kinder verhungern", sagt Thomas Krüger, Präsident des DKHW. Aber dennoch seien die Auswirkungen der Armut gravierend: Arme Kinder haben geringere Bildungschancen, leiden öfter an chronischen Krankheiten, Verhaltensauffälligkeiten und an Übergewicht. Dies führe zu sozialer Ausgrenzung, so Krüger. "Die Kinder müssen auf Dinge verzichten, die für viele ihrer Altersgenossen selbstverständlich sind." Das Ergebnis sei Depressionen und Perspektivlosigkeit, sagt Krüger. "Wenn man manche dieser Kinder fragt, was sie einmal werden wollen, antworten sie: 'Ich werde Hartz IV.'"

Bessere Kinderbetreuung hilft

Familie mit Kinderwagen und zwei Kindern

Nur bei der Hälfte aller Paare mit Kindern in Deutschland arbeiten beide Elternteile

Eine Ursache sind fehlende Betreuungsangebote für Kleinkinder. In Ländern mit vielen Kita-Plätzen für unter Dreijährige sei das Armutsrisiko für Kinder deutlich niedriger als in Ländern, in denen es an solchen Angeboten fehlt, besagt eine Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft in Köln. Mit einem besseren Betreuungsangebot steige die Erwerbstätigkeit von Müttern, so die Studie. In Ländern, die ein gutes Betreuungsangebot aufbieten könnten, gingen fast zwei Drittel aller Mütter mit Kindern unter drei Jahren zur Arbeit, in Deutschland liege diese Quote nur bei gut einem Drittel.

Die Bundesregierung hat sich daher das Ziel gesetzt, bis 2013 flächendeckend für mindestens ein Drittel aller unter Dreijährigen Betreuungsplätze anzubieten. Die SPD hat dafür rund drei Milliarden Euro pro Jahr veranschlagt. Kita-Plätze zu schaffen reiche allein jedoch nicht aus, sagt Norbert Struck, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der Kinder- und Jugendhilfe (AGJ). Auch auf die personelle Ausstattung komme es an. "Es bringt nichts, neue Plätze aus dem Boden zu stampfen, wenn es zu wenig Erzieherinnen gibt", so Struck.

Teufelskreis der Armut

Neben dem Ausbau der Kinderbetreuung will die Bundesregierung zudem das Kindergeld anheben. Das kündigte Bundeskanzlerin Angela Merkel an. Der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" (14.09.2008) sagte sie, zehn Euro mehr pro Kind und Monat sei eine "realistische Diskussionsgrundlage". Das wären dann 164 Euro pro Kind statt wie bisher 154 Euro.

Die Bundesregierung mache es sich damit allerdings zu einfach, sagen Kritiker. "Eine solche Maßnahme löst die Probleme einkommensschwacher Familien nicht", sagt DKHW-Präsident Krüger, vielmehr lenke sie nur von den eigentlichen Problemen ab. Er fordert tiefgreifendere Ansätze, wie zum Beispiel frühe Sprachförderung für Kinder mit Migrationshintergrund, flächendeckende Ganztagsschulen und ein Gutscheinsystem, das Kindern kostenlosen Zugang zu Lernmitteln und Schulessen garantiert.

Für Professor Christoph Butterwegge, Politikwissenschaftler und Armutsforscher an der Uni Köln, ist eine bloße Erhöhung des Kindergeldes sogar kontraproduktiv, denn mit dem Kindergeld steige üblicherweise auch der Kinderfreibetrag. Das begünstige aber aufgrund der größeren Steuerersparnis gerade die reicheren Familien. Die ärmeren müssten sich mit 10 Euro mehr Kindergeld zufriedengeben. Auch Butterwegge fordert deshalb eine bessere Ganztagsbetreuung, eine höhere Grundsicherung für Kinder und ein Schulsystem, das auch schwächeren Schülern die Zukunftschancen nicht verbaue. Das momentane System zementiere die Armut, so Butterwegge, aus armen Kindern mache es arme Eltern - ein Teufelskreis.

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