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Nahost

"Deutschland wird weniger durch die Brille der Vergangenheit gesehen"

Eine Umfrage der Konrad Adenauer-Stiftung in Jerusalem zeigt: Die meisten Israelis haben ein positives Bild von Deutschland. DW-WORLD hat mit Lars Hänsel, dem Leiter der Studie, über die Ergebnisse gesprochen.

Lars Hänsel (Foto: Lars Hänsel)

Positiv überrascht von den Ergebnissen der Studie: Lars Hänsel

DW-WORLD.DE: Herr Hänsel, mehr als zwei Drittel der Israelis haben laut der Umfrage ein positives Bild von Deutschland. Hat Sie das Ergebnis erstaunt?

Wir freuen uns über das sehr positive Ergebnis, es zeigt dass die Israelis offenbar Deutschland vertrauen. Ich glaube, dass die Kanzlerin Angela Merkel da eine wichtige Rolle spielt. Sie ist in Israel sehr beliebt, aber ich glaube auch, dass generell die Rolle, die Deutschland zum Beispiel auf europäischer Ebene spielt, als positiv wahrgenommen wird. Und es gibt natürlich sehr vielfältige Partnerschaften zwischen Deutschland und Israel, angefangen bei Schul- und Städtepartnernschaften bis hin zur wirtschaftlichen Verflechtung. Und nicht zuletzt ist Deutschland als Reiseland im Kommen. Vor allem Berlin ist bei jungen Israelis sehr beliebt. Dazu kommt natürlich, dass die Geschichte und der Holocaust im öffentlichen Bewusstsein sehr starkt verwurzelt sind, aber es spielen zunehmend auch andere Themen eine Rolle. Deutschland wird immer weniger allein durch die Brille der Vergangenheit gesehen, und das trägt auch dazu bei, dass es heute ein differenzierteres und positiveres Bild von Deutschland gibt.

Sie haben es ja gerade erwähnt, dass die Geschichte und vor allem der Holocaust eine wichtige Rolle spielen im deutsch-israelischen Verhältnis. 60 Prozent der Israelis sind der Meinung, dass Deutschland deswegen eine besondere Verantwortung gegenüber Isreal hat - bedeutet das positive Ergebnis denn auch, dass Deutschland seiner Verpflichtung da nachkommt?

Ich persönlich hätte erwartet, dass sogar fast alle Israelis von Deutschland fordern, eine besondere Verantwortung zu übernehmen, und dass das auch eine bleibende Verantwortung ist. Das Ergebnis hängt aber sicher auch damit zusammen, dass sich Deutschland der Verantwortung stellt: Angela Merkel hat im letzten Jahr in der Knesset eine vielbeachtete Rede gehalten und davon gesprochen, dass die Unterstützung des Existenzrechts Israels für Deutschland Staatsräson ist. Das hat natürlich auch dazu beigetragen, dass man Deutschland vertraut.

Angela Merkel in der Knesset (Foto:AP)

Die Rede vor der Knesset brachte Angela Merkel großen Respekt ein

Ein weiteres Ergebnis der Umfrage: 54 Prozent der Israelis sprechen sich für eine Beitritt Israels zur NATO aus, wobei hier signifikante Differenzen zwischen jüdischen und arabischen Israelis bestehen. Können Sie sich den Unterschied erklären?

Dieses Ergebnis finde ich erstaunlich, weil man in Israel eigentlich keine dritten Parteien zum Schutz des eigenen Landes akzeptiert, und sich eigentlich sehr auf sich selbst verlassen möchte. Dass sich 54 Prozent eine Mitgliedschaft in der NATO und eine Rolle der NATO im Westjordanland und in Gaza als Friedenstruppe vorstellen können, zeigt eben auch, dass der Diskurs über die Rolle von internationalen Organisationen für die Sicherheit im Nahen Osten in Bewegung gekommen ist. Dass die Araber dies anders sehen hängt meiner Einschätzung nach damit zusammen, dass sie die NATO als eher amerikanisch dominierte Organisation sehen und deshalb skeptisch sind.

54 Prozent befürworten ja auch den Einsatz der EU für eine Zwei-Staaten-Lösung. Wünschen sich die Israelis ein stärkeres Engament der EU im Nahen Osten?

Eine Mehrheit der Israelis ist für die Zwei-Staaten.Lösung, das zeigt sich immer wieder. Insofern sieht natürlich eine Mehrheit in Israel die EU in dieser Frage als Verbündete. Wie realistisch die Umsetzung einer Zweistaatenlösung ist, das ist eine ganz andere Frage. Die Umfrage zeigt eben auch, dass der EU hier keine wichtige Rolle zugeschrieben wird, die traut man vor allem den Amerikanern zu.

Israelische Soldaten (Foto: AP)

Nicht das bestimmende Thema im israelischen Alltag: der Nahost-Konflikt

Liegt das auch daran, dass die EU in Israel oft als eher palästinenserfreundlich gesehen wird?

Das würde ich generell so nicht sagen. Was die Umfrage aber zeigt, ist, dass die EU als Unterstützerin der Palästinenser in humanitären Fragen gesehen wird und wenn es um finanzielle Unterstützung der palästinensischen Autonomiebehörde geht. Das finden die Israelis in der Mehrheit aber nicht problematisch, sondern das wird eher positiv gesehen.

Laut Umfrage ist die Mehrheit der Israelis ja auch der Meinung, dass die Priorität der neuen Regierung auf der Wirtschaft und nicht auf der Außenpolitik liegen sollte. Wiegt die Finanzkrise im Moment stärker oder liegt es am neuen Außenminister Lieberman, dass man so wenig mit der Außenpolitik zu tun haben möchte?

Meine Wahrnehmung ist, dass der Konflikt im täglichen Leben einen ganz anderen Stellenwert hat, als man dass von Europa oder von Deutschland her sieht. Ich denke, dass man in Europa manchmal glaubt, dass der Konflikt in Israel das bestimmende Thema ist. Die täglich Agenda der Menschen hier ist aber eine ganz andere, und da spielen eben die Finanzkrise und deren Auswirkung auf den Alltag, zum Beispiel der Anstieg der Arbeitslosigkeit, eine wichtigere Rolle. Und die Menschen erwarten deshalb von der Regierung, dass sie sich vor allem darum kümmert.

Dr. Lars H änsel leitet das israelische Büro der CDU-nahen Konrad Adenauer-Stiftung in Jerusalem. Er hat auch die Umfrage zur Einstellung der Israelis gegenüber der EU und ihren Mitgliedsstaaten geleitet.

Das Interview führte Diana Hodali. Redaktion: Sarah Mersch

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