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Europa

Deutschland wählt europäische Vielfalt

Die ersten Wähler kamen schon am frühen Sonntagmorgen, als die letzten Partygänger angetrunken nach Hause taumelten: Anders als in anderen europäischen Ländern ist in Deutschland die Wahlbeteiligung gestiegen.

Sie hat als eine der ersten ihre Stimme abgegeben. "Die Sonne hat mich gerufen". Die blonde Frau lacht und verschwindet um die Ecke - weg vom Wahllokal, wahrscheinlich zum Brötchen kaufen.

Die Deutschen haben bei perfektem Wahlwetter ihre Stimmen für das EU-Parlament abgegeben. Die Menschen, die Stück für Stück in das Wahllokal schlendern, scheinen damit konkurrieren zu wollen. Selten kommt jemand vorbei, der nicht über das ganze Gesicht strahlt. Für Europa zu wählen, macht anscheinend Spaß.

"Freiheit, Gemeinschaft, Freundschaft, Frieden, Vielfalt" - diese Begriffe fallen den Wählenden ein, wenn man sie nach einem Begriff fragt, der Europa mit nur einem Wort beschreibt.

"Europa ist grenzenlos"

"Europa bedeutet grenzenlose Reisefreiheit", sagt Roland Depner. Auch er war schon früh auf den Beinen, um seinem Recht als Europäer nachzukommen: "Wenn man wählen darf und kann, sollte man das auch tun."

Roland Depner bei der Europawahl Köln (Foto: DW/Greta Hamann)

Roland Depner aus Köln lebt gerne in Europa

Der 30-Jährige ist das Sinnbild eines modernen Europäers: Er wurde in Rumänien geboren, mit fünf Jahren kam er mit seiner Familie nach Deutschland. Heute führt er gemeinsam mit seiner Freundin ein kleines Café in einem hippen Kölner Stadtteil. Altbauten reihen sich aneinander, hier genießen die Leute gerne einen Tee oder Kaffee. Hier, im Schatten der Bäume, ist das Leben schön.

"Ich reise viel und gerne: Da es in Europa keine Grenzkontrollen gibt, macht es besonders viel Spaß", sagt Depner. Wie er Europa mit nur wenigen Worten zusammenfassen würde? "Grenzenlose Vielfalt."

"Europa ist nur für die Europäer da"

"Abschottung" - das fällt dem jungen Lehrer, der seinen Namen nicht nennen will, als erstes zu Europa ein: "Natürlich ist die Idee von Europa toll und ich habe auch viel darüber gelesen." Doch Europa sei nur für die Europäer da, sagt er. "Wir profitieren von Europa. Doch wie die europäische Politik mit dem Rest der Welt umgeht, finde ich nicht richtig."

Er hat seine Stimme in einem Klassenraum einer Kölner Grundschule abgegeben. In Deutschland werden die Wahllokale oft in Schulen aufgebaut. Es gibt viele und sie sind in der Nähe. So müssen die Menschen selten mehr als ein paar hundert Meter bis zur Urne laufen.

Seit 20 Jahren Wahlhelfer

Europawahl Köln Yasettin Delen im Wahllokal (Foto: DW/Greta Hamann)

Kölner Wahlhelfer Yasettin Delen: "Nächstes Mal bin ich wieder dabei."

Praktisch für die Wählenden. Für die Wahlhelfer bedeutet es aber auch: mehr als zehn Stunden Sitzen auf Ministühlen. Von 8 bis 18 Uhr. Und danach noch auszählen. Trotzdem ist Yasettin Delen immer wieder dabei. Seit 20 Jahren hilft er bei fast jeder Wahl ehrenamtlich mit: "Bei einer oder zwei war ich, glaube ich, nicht dabei."

Yasettin Delen besitzt einen kleinen Laden direkt um die Ecke. Er kennt fast jeden, der in den Raum kommt. Er nimmt die Wahlbenachrichtigungen entgegen und überreicht den Leuten ihren Wahlschein: "Es macht mir einfach Spaß. Man unterhält sich und kommt in Kontakt. Wegen des Geldes mache ich das nicht." Er lacht. "Ich verliere sogar Geld, wenn ich meinen Sonntag hier verbringe." 40 Euro Aufwandsentschädigung erhalten deutsche ehrenamtliche Wahlhelfer. Delen muss am Wahltag eine Aushilfe für seinen Laden bezahlen. Der ist auch sonntags geöffnet.

Die Wahlhelfer sitzen auf kleinen Stühlen, an der Wand: das griechische Alphabet (Foto: DW/Greta Hamann)

Im Moment ist nichts los: Die Wahlhelfer warten auf Ministühlen auf die nächsten Wähler

Ob er sich als Europäer fühle? "Teils, teils." Der 57-Jährige kam als junger Student nach Deutschland. Aufgewachsen ist er in der Türkei, heute besitzt er neben dem türkischen auch den deutschen Pass. Ob es etwas besonders ist, als Deutsch-Türke für das Europaparlament zu stimmen? Für Delen anscheinend eher eine Selbstverständlichkeit. Darüber habe er noch nie nachgedacht.

"Ich finde es gut, dass meine Töchter eine gute Bildung bekommen. Das ist ein großer Vorteil, den wir in Europa haben." Sie sind heute 15 und 17 Jahre alt. Vor zehn Jahren saßen sie genau in diesem Klassenraum, in dem Yasettin Delen heute als Wahlhelfer arbeitet.

Ein Mann kommt mit seinem Sohn herein - er ist noch zu klein, um zur Schule zu gehen. Aber er darf mit seinem Vater in die kleine Wahlkabine und zuschauen, wie der das Kreuzchen macht. Danach lässt der Vater ihn den Zettel in die Urne schmeißen. Der Junge ist stolz.

"Und das machen jetzt alle so heute, in ganz Europa"

, sagt der Vater zu dem Kleinen. "Sogar in Spanien?" "Ja, sogar in Spanien."

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