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Amerika

Deutschland und Kanada: Ziemlich gute Freunde

Angela Merkel ist zu ihrem erstem offiziellen Besuch Kanadas eingetroffen. Thema wird auch die Eurokrise sein. Eine Analyse der bilateralen Beziehungen von Petra Dolata, Kanada-Expertin am King's College in London.

A handout photograph released by G8 G20 Host Photo showing Canadian Prime Minister Stephen Harper (R) welcoming German Chancellor Angela Merkel at The Fairmont Royal York Hotel during the G20 Summit Toronto, Ontario, Canada, on 26 June 2010. World leaders gathered for three days of talks to deal with the aftermath of the global financial crisis. EPA/DAVE CHIDLEY / G8 G20 HOST PHOTO / HANDOUT EDITORIAL USE ONLY / NO SALES

Kanada Deutschland Ministerpräsident Stephen Harper und Angela Merkel in Toronto

Laut offizieller Pressemitteilung der deutschen Bundesregierung stehen bei den hochrangigen Gesprächen die deutsch-kanadischen Beziehungen, aktuelle außenpolitische Fragen sowie die bilaterale wirtschaftliche und wissenschaftliche Zusammenarbeit im Vordergrund.

Auf kanadischer Seite ist man da etwas spezifischer: So sollen Handel und Investitionen sowie Frieden und Sicherheit insbesondere im Mittleren Osten und Nordafrika diskutiert werden. Und natürlich ist die Eurokrise in den Köpfen aller Teilnehmer. Der kanadische Premierminister Stephen Harper erklärte selbst: "Während Kanada und die Europäische Union daran arbeiten, die Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen abzuschließen, freue ich mich auf eine intensive Diskussion mit Kanzlerin Merkel über die Herausforderungen, denen sich die Weltwirtschaft stellen muss."

Kanada will Handelsabkommen

Petra Dolata, Kanada-Expertin am King's College, London Zugestellt von Johanna Schmeller

Petra Dolata, Kanada-Expertin am King's College in London

Es ist daher kaum überraschend, dass viele Beobachter damit rechnen, dass das Wirtschafts- und Handelsabkommen CETA ("Comprehensive Economic and Trade Agreement") zwischen Kanda und Europa und die Eurokrise das gemeinsame Treffen dominieren werden.

Dieser Fokus deutet bereits auf eines der Hauptmerkmale des bilateralen Verhältnisses zwischen Kanada und Deutschland hin: Das Verhältnis ist eingebettet in größere Mehrebenenstrukturen, in diesem Fall in das Verhältnis zwischen Kanada und der EU. Für den sicherheitspolitischen Bereich ist diese übergeordnete Struktur die NATO. Die G8, G20 und die Vereinten Nationen sind weitere Beispiele.

Deshalb glaubt die kanadische Tageszeitung "Globe and Mail", dass Harper weniger an Deutschland als an Europa interessiert sei. Aber Harper hoffe, dass Deutschland ihm dabei helfen könne, sein Versprechen zu halten, dass es bis Ende des Jahres eine Einigung bei den CETA-Verhandlungen geben werde. Nach neun Verhandlungsrunden gibt es immer noch offene Punkte, vor allem bei den Urheberrechten. Doch gerade dies könnte sich als Stolperstein erweisen, hat das Europäische Parlament doch kürzlich ähnlich lautende Vereinbarungen mit den USA im sogenannten ACTA-Abkommen abgelehnt. Da die letzten beiden Verhandlungsrunden auf höchster Ebene stattfinden, hofft Harper auf die Schützenhilfe Merkels und Deutschlands.

Überschattete Partnerschaft

Dass der kanadische Premierminister auf deutsche Hilfe setzt, deutet auf ein weiteres Merkmal der bilateralen Beziehungen hin. Insgesamt verfolgen beide doch ähnliche Ziele in der internationalen Politik und Wirtschaft. Und so werden beide Regierungen nicht müde, die gemeinsamen Werte und Interessen zu beschwören und darauf zu verweisen, dass man Freunde und Partner in der Welt sei.

Allerdings wird diese Partnerschaft von einer weitaus bedeutenderen Beziehung überschattet, und zwar die mit den USA. So muss man wohl festhalten, dass die deutsch-kanadische Freundschaft zwar stabil ist, aber eher im Hintergrund funktioniert. Dies bedeutet auch, dass weder Deutschland noch Kanada jeweils große Schlagzeilen im anderen Land prägen. Hören Deutsche das Wort "Kanada", denken sie ohnehin meist an die touristische Attraktion des Landes und seine Naturschönheit.

Bedeutet dies, dass Merkels Besuch ein Besuch unter Freunden ist, die sich lange nicht gesehen haben, aber deren Freundschaft immer noch auf den gleichen Grundlagen basiert? Nicht ganz.

Unterschiedliche Meinungen

Es gab in der unmittelbaren Vergangenheit einige Dissonanzen, die auf mögliche langfristige strukturelle Veränderungen hindeuten. Während Kanada und Deutschland als NATO-Verbündete die Missionen des Bündnisses an sich unterstützen, gab es auf kanadischer Seite doch einige Verwunderung über Deutschlands Position in Afghanistan und Libyen.

Im Bereich der Wirtschaftspolitik gibt es zwar einige Übereinstimmungen, aber Harper hat Deutschland öffentlich für seine Haltung zu Eurobonds und zu einer Bankenunion gerügt. Genauso wie die USA weigert sich Kanada, Mittel für den IWF-Eurorettungsfonds zur Verfügung zu stellen.

Auf der anderen Seite des Atlantiks scheint Deutschland ein wenig enttäuscht über Kanada zu sein. Ottawas Ausstieg aus dem Kyoto-Protokoll Ende letzten Jahres, die anhaltenden Diskussionen um die Umweltfolgen der Ölförderung aus Ölsanden sowie um die Konstruktion einer Ölpipeline in die USA haben mit dazu geführt.

Regionale Interessen

So wie die Welt sich verändert, können sich auch Interesse und Werte voneinander weg bewegen. Kanada ist nun ein Energieexporteur und Deutschland ein Konsument, ähnlich sieht es bei anderen Rohstoffen aus.

Merkels Probleme liegen in Europa und Deutschland. Das transatlantische Verhältnis kann da wenig helfen. Kanada seinerseits orientiert sich nach Asien und den neuen Märkten in Indien und Brasilien. Es ist gut möglich, dass sich das deutsch-kanadische Verhältnis, das sich gerade durch harmlose Vernachlässigung auszeichnet, in eine schwierige Freundschaft verwandelt.

Vorbei sind jedenfalls die Zeiten, in denen sich - wie Helmut Schmidt und Pierre Trudeau in den 1970er-Jahren - deutsche Bundeskanzler und kanadische Premierminister zum gemeinsamen Urlaub trafen.