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Naturkatastrophen

Deutschland und der Katastrophenschutz

Gerade erst haben Wirbelstürme in der Karibik und Waldbrände in den USA wieder Menschenleben gefordert und verheerende Schäden angerichtet. Ein Interview zum heutigen Internationalen Tag der Katastrophenvorbeugung.

Bei Naturkatastrophen sind 2016 nach Angaben des weltgrößten Rückversicherers Munich Re mit 8700 weit weniger Menschen gestorben als im langjährigen Durchschnitt. Die Schäden aber stiegen zugleich nach eher ruhigen Vorjahren wieder stark an - auf 175 Milliarden Dollar, den höchsten Wert seit 2012. Unabhängig von diesen Zahlen bedeuten Überschwemmungen, Wirbelstürme oder Waldbrände oft dramatische Schicksale für die betroffenen Menschen. Über 24 Millionen Menschen haben im vergangenen Jahr wegen Naturkatastrophen ihre Heimat verloren.

Der 13. Oktober ist der "Internationale Tag zur Verhinderung von Naturkatastrophen", an dem vor allem die Vorsorge für den Katastrophenfall im Blickpunkt stehen soll.

DW sprach darüber mit Simone Sandholz, Geowissenschaftlerin von der UN-Universität in Bonn.

 

DW: Frau Sandholz, wie gut ist denn Deutschland auf Naturkatastrophen vorbereitet?

Simone Sandholz: Zum einen sind wir natürlich sehr gut vorbereitet, weil unsere Infrastruktur beispielsweise sehr gut funktioniert und die Versorgungsunternehmen sehr, sehr selten ausfallen. Auf der anderen Seite kann man aber auch sagen, dass wir als Bürgerinnen und Bürger dadurch vielleicht ein wenig in Sicherheit gewogen werden. Deswegen sind wir selber persönlich vielleicht nicht mehr unbedingt so gut vorbereitet.

Wie kritisch sieht das denn mit der Infrastruktur aus? In Puerto Rico zum Beispiel, nach dem jüngsten Hurrikan haben wir gesehen, dass immer noch große Teile des Landes überhaupt keinen Strom haben. Wie würde denn Deutschland mit tagelangen Stromausfällen zurechtkommen?

Da muss man zuerst mal sagen, das Puerto Rico natürlich eine Insel ist und deswegen die Auswirkungen dramatischer sind als sie wahrscheinlich bei uns sein würden. Deutschland ist verhältnismäßig gut vorbereitet. Auf der anderen Seite würde natürlich ein mehrtägiger Stromausfall auch hier zu ziemlich dramatischen Konsequenzen führen können.

Zum Beispiel?

Beispielsweise würden Lebensmittelversorger Probleme bekommen dadurch, dass die Kühlung ausfallen würde. Das ist je nach Jahreszeit dann dramatisch oder vielleicht weniger dramatisch. Wenn es im Winter passieren würde, hätten wir natürlich zu Hause alle keine Heizung mehr, in den meisten Fällen zumindest. Und es kann, je nach dem wie lange es dauert, natürlich immer dramatischer werden.

Simone Sandholz (UNU)

Simone Sandholz

Die Bundesregierung hatte im letzten Jahr darauf hingewiesen, dass doch bitte jeder zu Hause für fünf Tage Wasser, für zehn Tage Nahrungsmittel haben sollte. Weiß man denn nach Schätzungen ungefähr, wie viele Leute das tatsächlich haben, wie viele Leute gut vorbereitet sind? Eine Taschenlampe zu Hause haben? Kerzen? Und genügend zu essen?

Da gibt es tatsächlich nur Annahmen von der Regierung oder den zuständigen Behörden. Erhoben worden ist das meines Wissens bisher noch nicht konkret. Es ist etwas, was wir im Moment in einem Forschungsprojekt untersuchen bei uns an der Universität der Vereinten Nationen. Man kann davon ausgehen, dass ein großer Teil der Bevölkerung das nicht zu Hause haben wird. Wenn man daran erinnert, wie groß das Medienecho im letzten Jahr war, als dieses Thema aufkam. Das wurde in den meisten Fällen doch eher mit Hamsterkäufen in Verbindung gebracht.

Wovon man ausgehen kann, ist, dass Leute, die schon mehr Erfahrungen haben mit solchen mehrtägigen Ausfällen, tendenziell besser vorbereitet sind. Das heißt, meine Oma hat zu Hause wahrscheinlich noch einen mehrtägigen Vorrat, hat Wasser und Konserven im Keller stehen. Wo hingegen ich, wenn ich abends nach Hause komme, in den Supermarkt gehe, einkaufe und mir überlege, was ich am nächsten Tag esse.

Also Resilienz muss man lernen?

Resilienz sollte man lernen, ja.

Wir in Deutschland glauben immer, dass der Staat ja für uns da ist und das alles für uns vorbereitet. Glauben Sie denn, dass das quasi für einen Deutschen, der gewöhnt ist, dass der Staat alles für ihn tut, viel schwieriger ist, sich in so einer Katastrophe richtig zu verhalten?

Schwieriger glaube ich nicht, aber es ist ungewöhnlicher und deswegen ist das vermutlich bei uns im Denken gar nicht so unbedingt drin wie das in anderen Ländern wäre. Vielleicht ein Beispiel: Ich habe sehr viel in Nepal gearbeitet und habe dort auch Unterricht gegeben an der Universität und mich gewundert, dass meine Studenten erzählt haben, dass sie umziehen, wenn sie ihre Abschlussarbeit schreiben. Da habe ich mich gefragt: Warum? Wir ziehen in den Stadtteil, der 24 Stunden am Tag Strom hat und weil dort die Wasseraufbereitung funktioniert. In den anderen Stadtteilen ist das oft überhaupt nicht der Fall. Da fällt der Strom regelmäßig aus.

Sie haben gerade schon erzählt von einer Studie, an der sie arbeiten, um bestimmte Daten zu erheben, wie gut die Leute vorbereitet sind. Was untersuchen Sie da genau?

Da untersuchen wir zum einen ganz konkret, wie viel an Vorbereitung der einzelne Bürger, der einzelne Haushalt hat. Ganz konkret: wie viel Wasser, wie viel Essen hat jemand zu Hause. Zum anderen aber auch, wie man an Informationen kommt, über welche Medien. Ist es das Radi oder läuft das heutzutage eher über Social Media?

Kann denn Deutschland etwas im Bereich Katastrophenvorsorge von anderen Ländern, vielleicht auch von Entwicklungsländern, lernen?

In der Katastrophenvorsorge ist Deutschland außerordentlich gut aufgestellt. Wir haben Institutionen wie das Technische Hilfswerk (THW), um das uns sicherlich ganz viele andere Länder beneiden würden. Auf der anderen Seite ist aber in solchen Ländern, wo vielleicht der öffentliche Katastrophenschutz nicht ganz so gut ist, die individuelle Vorbereitung besser und auch der nachbarschaftliche Zusammenhalt. Vielleicht ist das der Punkt, in dem wir uns ein bisschen umschauen sollten.

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