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Deutschland

Deutschland sucht Mittel gegen Salafismus

In Deutschland wächst die Zahl junger Menschen, die dem radikalen Islamismus zuneigen und sogar zu den Waffen greifen. Bund und Länder wollen dem entgegenwirken und suchen nach erfolgreichen Strategien.

Nach offiziellen Angaben deutscher Behörden sind knapp 600 junge Deutsche in den vermeintlich heiligen Krieg nach Syrien gezogen. Rund 60 sollen dort bereits umgekommen sein. Andere schätzen die Zahl der Ausgereisten als deutlich höher ein. Zum Beispiel der Psychologe und Islamexperte Ahmad Mansour. Mansour spricht von 1500 bis 2000 deutschen Dschihadisten im syrischen Bürgerkrieg. Der Psychologe begründet die Zahlen mit seinen Erfahrungen in einer Beratungsstelle für Angehörige von Menschen, die in die Radikalisierung abgleiten. Angesichts der steigenden Bedrohung durch brutalisierte Syrien-Rückkehrer drängt der Radikalisierungsforscher Peter Neumann auf eine besser Präventionsarbeit.

Portrait von Dr. Peter Neumann (Copyright: Peter Neumann/privat)

Radikalisierungsforscher Peter Neumann

Der Ansatz des Wissenschaftlers vom Londoner Kings College: Man müsste den zum Islamismus neigenden Menschen aus Deutschland klar machen, dass die Realität im sogenannten "Islamischen Staat" nichts mit der Propaganda im Internet zu tun hat. Neumann betont im Gespräch mit der DW, dass die IS-Kämpfer eher gegen andere Glaubensbrüder kämpfen als gegen die Truppen der irakischen Regierung. Dies sei vielen nicht klar, sagt er. "Außerdem lehnen viele Syrer die Präsenz der Ausländer ab", ergänzt Neumann einen weiteren Aspekt.

Prävention mit Aussteigern

Eine ähnliche Haltung vertritt Susanne Schröter vom

Frankfurter Forschungszentrum globaler Islam

. Am wirkungsvollsten in der Präventionsarbeit wären ihrer Ansicht nach Videobotschaften von Aussteigern. "Entweder Männer, die sagen: Das war überhaupt nicht das, was ich erwartet habe. Ich bin nicht da hingegangen, um andere Muslime zu töten. Und junge Frauen, die dann sagen: Ich bin da mit jemandem verheiratet worden, der war mir total fremd. Ich wollte da nur wieder weg und wusste nicht wie", so Schröter gegenüber der Deutschen Welle.

Prävention als Ländersache

Um Lebensläufe wie den des

Pizzaboten aus Dinslaken

zu verhindern, der sich in Syrien als Selbstmordattentäter in die Luft sprengte, gibt es zahlreiche Präventionsinitiativen in Deutschland. Die sind allerdings von Bundesland zu Bundesland verschieden. Es liegt in der Verantwortung der 16 Länder, junge Menschen so zu informieren, dass sie den extremistischen Ideen nicht verfallen. Manchmal bekommen die Länder dafür Geld vom Bund. Aber eine gemeinsame Präventionsstrategie auf Bundesebene gibt es bislang nicht. Anfang Dezember brachten die Grünen im Bundestag eine Vorlage ins Parlament ein, um ein nationales einheitliches Vorgehen überhaupt erst einmal auf den Weg zu bringen.

Screenshot eines Youtube Videos. Im Vordergrund Philipp B. aus Dinslaken

Vom Pizzaboten zum Selbstmordattentäter: Philipp B.

Immerhin, es gibt erste Ansätze, damit sich die unterschiedlichen Akteure in Deutschland besser untereinander abstimmen. Die Innenminister von Bund und Ländern tauschen ihre Erfahrungen mit unterschiedlichen Präventionsansätzen auf einer Sitzung in Köln aus. Im Stadtstaat Hamburg, in dem einige der Attentäter vom 11. September 2001 lebten, haben in diesem Sommer mehrere Behörden gemeinsam mit muslimischen und alevitischen Verbänden ein Konzept erarbeitet, um religiös motiviertem Extremismus entgegenzuwirken. 1,1 Millionen Euro lässt sich die Stadt die Aufklärungsarbeit kosten. Schulen und Kitas sollen angesprochen werden, Jugendarbeit und soziale Dienste inbegriffen. Die Verantwortung dafür trägt die Sozialbehörde.


Prävention durch Verfassungsschutz

Das bevölkerungsreichste Bundesland, Nordrhein-Westfalen, hat einen anderen Weg gewählt: Dort liegt die Präventionsarbeit in der Verantwortung des Verfassungsschutzes, dem deutschen Inlandsnachrichtendienst. Der stellt im kommenden Jahr 600.000 Euro für Präventionsarbeit zur Verfügung. An sechs Standorten sollen Beratungsstellen betrieben werden, eine landesweite Hotline ist geschaltet. Besorgte Eltern, Lehrer oder Mitschüler können dort anrufen, wenn sie meinen, dass jemand aus ihrem Umfeld ins militant-islamistische oder salafistische Umfeld abzurutschen droht. Seit Mitte des Jahres ist die Hotline "Wegweiser" freigeschaltet, an drei Standorten wird das Projekt erprobt, insgesamt gehen in der Woche bis zu 50 Hinweise ein. Der Verfassungsschutz legt Wert auf die Feststellung, dass seine Beamten keinen Zugriff auf diese Informationen haben und die Sozialarbeiter eigenständig über das weitere Vorgehen entscheiden. In Zusammenarbeit mit Vereinen, muslimischen Gemeinden, Jugendhäusern, Sozialämtern und Schulen versucht "Wegweiser" zurzeit, etwa 30 Menschen vom Abgleiten in die islamistische Radikalisierung abzubringen.

Prävention im Islamkundeunterricht

Eine Präventionsmaßnahme liegt dabei in den Händen der Lehrer für islamischen Religionsunterricht. Bernd Ridwan Bauknecht unterrichtet in Bonn etwa 300 Schüler pro Woche. An einer Hand könne er davon diejenigen abzählen, die radikalen Positionen zuneigen, so Bauknecht. Die seien nicht allein durch Prediger im Internet radikalisiert worden, da gebe es jemanden im persönlichen Umfeld, der die Jugendlichen beeinflusse. Bauknecht versucht dann, die islamistische Propaganda zu entschlüsseln. Er erläutert Begriffe, wie Dschihad oder Scharia, aus einer anderen Perspektive als die der Islamisten, aber auf Basis des Koran und der Überlieferungen. Aber bei wirklich radikalisierten Jugendlichen kommt Bauknecht auch damit nicht weiter. Er konzentriert sich deshalb auf jene Schülerinnen und Schüler, die zunächst nur Sympathien für radikalere Formen des Islam zeigen.

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