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Europa

Deutschland profitiert von neuen EU-Bürgern

Als der deutsche Arbeitsmarkt 2011 für einige EU-Länder Osteuropas geöffnet wurde, blieb der befürchtete Massenansturm aus. Doch die neuen Arbeitskräfte sind ein Gewinn für Deutschland.

"Von dem Geld, das ich hier in zwei Monaten verdiene, kann ich in Polen ein halbes Jahr leben", sagt die 45-jährige Danuta Jasionek, während sie in der Küche eines Spargel- und Erdbeerhofs im rheinländischen Bornheim Geschirr spült. Schon seit neun Jahren arbeitet sie regelmäßig als Saisonkraft in Deutschland. "Früher haben wir etwa einen Monat gebraucht, bis wir Leute bekamen", erklärt der Betreiber des Hofes, Claus Ritter. "Jetzt genügt ein Anruf – innerhalb einer Woche sind die Arbeiter da." Der Grund dafür sei die Arbeitnehmerfreizügigkeit in der EU: Seit dem 1. Mai 2011 dürfen Bürger der mittel- und osteuropäischen EU-Staaten (außer Rumänien und Bulgarien) uneingeschränkt in Deutschland arbeiten.

Unter den etwa 1000 Saisonkräften, die von Frühjahr bis Herbst auf dem Hof in Bornheim arbeiten, gibt es zunehmend Bulgaren und Rumänen. Aber auch Deutsche arbeiten hier: zum Beispiel die 61-jährige Gisela Klein. "Ich bin jetzt seit sechs Jahren hier und komme sehr gut mit den ausländischen Saisonarbeitern aus", erzählt sie. "Nur mit der Sprache gibt es manchmal Probleme, aber sonst ist alles in Ordnung", sagt sie und zeigt auf ein ausgedrucktes Blatt Papier über der Küchentheke mit rumänischen, bulgarischen und polnischen Übersetzungen deutscher Wörter.

In Deutschland gelegentlich arbeiten, in Polen leben

In einigen Monaten werden sich diese Frauen wieder trennen – zumindest bis zur nächsten Saison. Danuta Jasionek geht wieder nach Hause, nach Polen, so wie viele ihrer Landsleute. Wenn sich die Gelegenheit bietet, arbeiten sie für einen oder zwei Monate in Deutschland, aber leben möchten sie doch in ihrem Land. So ähnlich denken inzwischen auch besser qualifizierte EU-Bürger aus den neuen mittel- und osteuropäischen Mitgliedsstaaten. "Vor 20 Jahren war das Lohngefälle zwischen Deutschland und dem Heimatland noch ein Anreiz, in die Bundesrepublik zu kommen", erklärt die Sprecherin der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung der Bundesagentur für Arbeit, Beate Raabe. "Das Lohngefälle hat aber abgenommen, die Verdienstmöglichkeiten in Polen sind besser geworden." Deswegen sei der Wunsch nach einem Job in Deutschland nicht mehr so verbreitet wie früher.

Das Landesschild der Bundesrepublik Deutschland steht am Grenzübergang Philippsreut.(Foto: Armin Weigel / dpa)

Der Ansturm nach der Öffnung des deutschen Arbeitsmarktes ist ausgeblieben



Als der deutsche Arbeitsmarkt 2011 für die Bürger der mittel- und osteuropäischen Staaten (außer Rumänien und Bulgarien) geöffnet wurde, kam trotz des steigenden Lebensstandards in diesen Ländern die Angst auf, Arbeitnehmer aus den neuen EU-Staaten würden den Markt überschwemmen. Doch die Küchenangestellte Gisela Klein versichert, dass Menschen wie ihre Kolleginnen aus Polen "Deutschen nicht die Arbeit wegnehmen".

Das kann auch Arbeitsmarktexperte Oliver Koppel vom Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln bestätigen. Die Angst vor der Überschwemmung des Arbeitsmarktes sei völlig unbegründet gewesen. "Zum einen haben sich die rein quantitativen Ausmaße in Grenzen gehalten. Die Zahlen sind überschaubar geblieben", sagt Koppel. "Zum anderen haben wir natürlich in Deutschland die vorteilhafte Situation, dass der Arbeitsmarkt sehr gut läuft, das heißt, wir haben einen sehr hohen Bedarf an Arbeitskräften."

2010 – also ein Jahr bevor die Freizügigkeitsregelung in Kraft getreten ist – seien etwa 130.000 Zuwanderer aus Polen, 75.000 aus Rumänien und 39.000 aus Bulgarien nach Deutschland gekommen. 2011 sind diese Zahlen kaum gestiegen, sagt der Arbeitsmarktexperte. Ein Jahr nach der Öffnung des deutschen Arbeitsmarkts für die Bürger der meisten neuen EU-Staaten seien zwischen 63.000 und 89.000 Menschen aus diesen Ländern nach Deutschland gekommen, berichten die Bundesagentur für Arbeit und das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF).

Polnische Auszubildende können Lücken in Ostdeutschland füllen

Ein polnischer Meister arbeitet auf der Baustelle Augustusplatz in Leipzig.(Foto: Wolfgang Kluge)

Die Angst vor dem "osteuropäischen Bauarbeiter" ist unbegründet, sagen Exerten


In der Bevölkerung kursierte die Angst vor der Überflutung des deutschen Arbeitsmarkts durch die neuen EU-Bürger und vor einem Lohndumping: Man befürchtete, dass osteuropäische Arbeitnehmer bereit seien, für niedrigere Löhne zu arbeiten als deutsche, und dass damit das allgemeine Lohnniveau sinken könnte. Doch dazu kam es nicht. Im Gegenteil: Die neue Arbeitnehmerfreizügigkeit ist ein Vorteil für die Bundesrepublik. Das bestätigen sowohl die Bundesagentur für Arbeit als auch zahlreiche deutsche Wirtschaftsexperten. "Dass diese Arbeitskräfte aus den neuen EU-Ländern nach Deutschland gekommen sind, hat maßgeblich dazu beigetragen, die Situation am deutschen Arbeitsmarkt zu entspannen", versichert Oliver Koppel vom Institut der Deutschen Wirtschaft.

Zum Beispiel auf dem Ausbildungsmarkt: "In Ostdeutschland stehen im Moment etwa 50 Prozent weniger Jugendliche bereit, um in das Ausbildungssystem überzugehen als noch vor 20 Jahren. Diese sehr große Lücke hat jetzt zu einem Überangebot an Lehrstellen geführt, die noch nicht besetzt sind." Denn nach dem Ende der DDR wurden in Ostdeutschland deutlich weniger Kinder geboren als davor. "Diese Lehrstellen können jetzt sehr gut durch polnische Auszubildende besetzt werden", erklärt Koppel.