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Wirtschaft

Deutschland: Profiteur der Krise?

In Deutschland ist nicht viel von der Euro-Krise zu spüren. Manche halten die Deutschen sogar für Krisengewinner, die von den Problemen der anderen profitieren. Was ist dran an dieser These?

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Champagnerpyramide Pyramide Champagner Sekt Sektpyramide

Während in den Ländern am Südrand der Eurozone die Krise zum Dauerzustand geworden ist, sieht es in Deutschland ganz anders aus: Der ehemalige Exportweltmeister glänzt immer noch mit einem Handelsbilanzüberschuss, seine Waren sind weltweit gefragt. Sein Wirtschaftswachstum weist höchstens einmal eine Delle auf und ist stabil, sein Arbeitsmarkt robust. Der Finanzminister freut sich über hohe Steuereinnahmen und ein ausgeglichener Haushalt ist endlich wieder in Sichtweite.

Des einen Leid, des andern Freud?

Das sei auch kein Wunder, hört man immer wieder. Zum Beispiel verbillige die Euroschwäche die deutschen Exporte und die mangelhafte Bonität vieler anderer Euroländer habe einen Run auf deutsche Anleihen ausgelöst. Das führte im vergangenen Jahr beispielsweise dazu, dass deutsche Papiere mit negativen Zinsen ausgegeben werden konnten. Investoren zahlten dann sogar dafür, dass sie Deutschland ihr Geld leihen durften.

Emblems of VW Golf VII car are pictured in a production line at the plant of German carmaker Volkswagen in Wolfsburg in this February 25, 2013 file photo. Volkswagen said February 27, 2013 it will pay its German workers a 7,200-euro ($9,400) bonus for 2012, a reduction of 4 percent on the previous year's payout despite Europe's biggest car maker having posted a record profit and sales. Picture taken February 25, 2013. REUTERS/Fabian Bimmer/file (GERMANY - Tags: TRANSPORT)

Die Autoproduktion ist eines der Standbeine der deutschen Wirtschaft - vor allem wegen ihrer Exporterfolge.

Und das Beste, so die Verfechter der Krisengewinnler-Theorie, käme erst noch: Sollte die Krise überwunden sein und sich die Pleitekandidaten am Südrand Europas erholen, könnten sie ja die Kredite zurückzahlen, die ihnen Brüssel in der Not gewährt hatte. Deutschland, als größter Geldgeber von EZB, EFSF und ESM, könnte sich dann jedes Jahr auf zusätzliche Einnahmen in Milliardenhöhe freuen.

Der Finanzminister kann sich freuen

Muss Deutschland deshalb als Krisengewinnler in Europa gelten? "Teilweise ja, teilweise nein", sagt Heike Joebges, Wirtschaftswissenschaftlerin an der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) in Berlin. Es stimme allerdings schon, dass Deutschland "im Vergleich zu anderen Ländern als sicherer Hafen gilt und deswegen deutsche Staatsanleihen gern gekauft werden. Dadurch sind die Renditen sehr stark zurückgegangen." In dieser Hinsicht profitiere Berlins Finanzminister von der Eurokrise. Joebges rechnet im Gespräch mit der DW vor, dass wir "nur noch ein Drittel dessen zahlen, was wir vor der Krise zahlen mussten."

German Chancellor Angela Merkel pauses before speaking during a media conference at an EU summit in Brussels on Friday, Dec. 14, 2012. After months of bitter debate, European Union countries finally reached two crucial agreements Thursday: They decided to give Greece desperately needed bailout funds and found a compromise to create a single supervisor for their banks, a significant step toward curbing the lenders? power to ruin the finances of governments. (Foto:Michel Euler/AP/dapd)

Ist Deutschland wirklich der große Gewinner?

Der Tübinger Wirtschaftsprofessor Joachim Starbatty sieht das ganz anders: Für ihn ist der Run auf deutsche Staatsanleihen die Folge von Kapitalflucht aus den Krisenländern. Der scheinbare wirtschaftliche Vorteil, den Deutschland durch diese Kapitalflucht hat, würde schnell wieder verpuffen. Denn bei dieser Kapitalflucht, so Starbatty zur DW, " müssen wir auf andere Art und Weise das Geld zurückgeben, beispielsweise in Form von Rettungsschirmen."

Starbatty hält die Frage, ob Deutschland von der Krise profitiert, generell für "eine falsche Perspektive". Er sieht das Problem grundsätzlicher: "Die haben über ihre Verhältnisse gelebt und das schlägt jetzt auf sie zurück. Die Banken sind überschuldet, die Unternehmen sind überschuldet. Die Leute haben zu viel Geld ausgegeben, die Staaten haben zu viel Geld ausgegeben. Und jetzt müssen sie das zurückholen."

Es wird besser, weil es besser werden muss

Die Berliner Ökonomin Joebges weist daraufhin, dass Deutschlands größter Gewinn die Überwindung der Krise sein wird: "Wenn die Länder die Rettungshilfen zurückzahlen, machen wir am Ende einen großen Gewinn." Bei diesem Argument muss der Euro-Kritiker Starbatty hörbar nach Luft schnappen. "Das ist wie das Hoffen auf den Sankt Nimmerleinstag." Dass sich die europäischen Pleitekadidaten in absehbarer Zeit erholen, erwartet er nicht.

Joachim Starbatty, Ökonom, Euro-Kritiker, aufgenommen am 08.09.2011 während der ZDF-Talksendung Maybrit Illner zum Thema: Union der Verschwender: Europa ist, wenn Deutschland zahlt? im ZDF-Hauptstadtstudio im Berliner Zollernhof Unter den Linden. Foto: Karlheinz Schindler

Das kann man so nicht sagen, meint Joachim Starbatty.

Heike Joebges ist nicht so pessimistisch. Die Krise werde überwunden, weil sie überwunden werden muss – wenigstens aus deutscher Sicht: "Die größten Kritiker sollten sich immer vor Augen halten, dass Deutschland als Gläubigerland sehr daran gelegen ist, dass die Krise überwunden wird." Und sollte die Stabilisierung der Krisenländer gelingen, "dann winkt da eine ganze Reihe von zusätzlichen Einnahmen".

Aufwertung: Fluch und Segen

Heike Joebges nennt noch einen weiteren Grund, warum Deutschland so gut durch die Krise kommt: Die Schwäche der von der Pleite bedrohten Euro-Südländer habe dazu geführt, dass die Gemeinschaftswährung relativ schwach ist. Der Euro hat in der jüngeren Vergangenheit sogar etwas an Wert gegenüber dem Dollar verloren. Das, so Joebges, spiele der Exportnation Deutschland in die Karten. Wäre der Euro stärker bewertet, würde das die Exporte verteuern und die davon abhängige deutsche Wirtschaft schwer belasten.

Und ohne den Euro, sagt die Ökonomin von der Berliner HTW, würden die Deutschen sogar schwer unter der Krise in Europa leiden, denn "hätte Deutschland noch die D-Mark, würde sie sehr stark aufwerten und wir würden dann nur noch schlecht exportieren können."

One hundred Mark notes and fifty Euros note are seen in this photo illustration taken in Berlin on December 30, 2011. Ten years ago Saturday, the European Union celebrated the launch of the first euro coins. REUTERS/Pawel Kopczynski (GERMANY - Tags: BUSINESS)

Die D-Mark ist Geschichte - und wie es uns heute mit ihr gehen würde, reine Spekulation.

Für Joachim Starbatty ist das kein stichhaltiges Argument: "Deutschland war immer Aufwertungsland. Der Dollar war einmal DM 4,20 wert und 1995 war er nur noch DM 1,35 wert." Aufwertung sei nichts grundsätzlich Verwerfliches, denn "jede Aufwertung erhöht die Kaufkraft der inländischen Konsumenten, der inländischen Arbeitskräfte." Das wiederum würde die Wirtschaft in Deutschland ankurbeln, eine Aufwertung könnte eher Segen als Fluch sein.

Das Leiden unter einem Geburtsfehler

Für den Tübinger Wirtschaftsprofessor Starbatty ist die Frage der Währungsstabilität ein entscheidendes Kriterium. Die D-Mark sei während ihres Bestehens immer wieder aufgewertet worden, und das habe der Wirtschaft gut getan. Das gelte aber nicht für alle 17 Länder, in denen der Euro jetzt wie in Deutschland die Landeswährung ist. Für Starbatty ist der kardinale Geburtsfehler der Gemeinschaftswährung, "dass wir innerhalb der Währungsunion zwei Gruppen haben: Die einen sind aufwertungsverdächtig, die anderen sind abwertungsverdächtig. Und so lange man diejenigen, die abwertungsverdächtig sind, im Euro hält, werden die nie auf einen grünen Zweig kommen. Das ist das Problem!" Und deshalb könne man auch nicht davon reden, dass Deutschland von der Krise in Europa profitiert.

Und die deutschen Arbeitnehmer schon gleich gar nicht, meint Starbatty. Deutschland habe zehn Jahre lang de facto abgewertet, ist er überzeugt – durch übermäßigen Lohnverzicht. So seien die Einkommen "nicht gestiegen, sondern teilweise sogar gesunken. Und die Gehälter der DAX-Vorstände? Die sind seit 2000 um 170 Prozent gestiegen! Hier ist die Aufwertung angekommen, und nicht bei der Bevölkerung."

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