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Kultur

"Deutschland. Made by Germany" - Ein Tag im Leben der Deutschen

Ein "kollektives Selbstporträt" nennt Regisseur Sönke Wortmann sein neues Projekt: Am 20. Juni lädt er die Deutschen ein, Teil seines "Deutschland-Selfies" zu werden. Im DW-Interview verrät er, was ihn dazu inspirierte.

Filme wie "Der Bewegte Mann", "Das Wunder von Bern" oder "Deutschland. Ein Sommermärchen" machten Regisseur Sönke Wortmann hierzulande berühmt. Mit seinem neuen Filmprojekt "Deutschland. Made By Germany" betritt er jetzt ungewohntes Terrain: Er gibt den Regiestuhl ab und bittet die Deutschen, ihm selbstgedrehte Videos zuzuschicken, in denen sie erzählen, was sie bewegt. Daraus möchte er sozusagen ein filmisches "Deutschland-Selfie" realisieren, möchte einen Tag im Leben der Deutschen abbilden.

DW: Der Plan, den Sie da als ambitioniertes Filmprojekt geschmiedet haben, klingt nach einem echten Abenteuer - zumindest für einen Regisseur, der normalerweise Kinofilme nach durchgearbeitetem Drehbuch und mit festen Schauspielern dreht. Was hat Sie an diesem Projekt gereizt?

Sönke Wortmann: Eben genau das, das Abenteuer, wie sie es nennen. Es ist für mich mal was anderes, eine andere Art der Filmherstellung. Ich bin eigentlich immer neugierig auf neue Formate und freue mich auch, dass ich verschiedene Dinge tun kann. Im Filmbereich kann ich in verschiedenen Genres arbeiten und dann mache ich ja auch Werbung und Theater. Und jetzt hat sich etwas völlig Neues ergeben, nämlich einen Film zu begleiten, den ich gar nicht selber inszenieren kann, weil "Deutschland. Made by Germany" ein ganz anderes Konzept ist. Wir rechnen schon so mit 60, 80 oder 100.000 eingesandten Beiträgen aus ganz Deutschland.

Gibt es dafür eine Formatvorlage? Wer hat überhaupt diese Idee entwickelt?

Premiere von Sönke Wortmanns WM-Film in Berlin

Zur Premiere von "Deutschland.Ein Sommermärchen" kam sogar Kanzlerin Merkel

Die Idee stammt vom großen Kollegen Ridley Scott, einem englischen Regisseur, der viel in Hollywood gearbeitet hat. Er hat 2010 ein Filmprojekt ins Leben gerufen mit dem Namen "Life in a Day". Er hat weltweit gemacht, was wir jetzt auf Deutschland beschränkt auch machen. Weltweit wurde damals dazu aufgerufen, youtube-Filme zu drehen und hochzuladen, die er dann zusammen mit dem Regisseur Kevin McDonald zu einem 90-Minuten-Film zusammengeschnitten hat. (80.000 Filme aus 190 Ländern, insgesamt 4500 Stunden Material wurden eingeschickt, Anmerk. d. Red.)

Bevor man so ein Projekt startet, geht es nicht nur um Geld, sondern auch um Formatvorgaben. Geldgeber und Sponsoren wollen natürlich vorher wissen, was für einen Plan Sie als Regisseur haben. Gab es da zumindest ein Gerüst? Wie sieht Ihr Plan aus für dieses Projekt?

Ich habe nicht richtig einen Plan, den kann man auch gar nicht haben bei so einem Projekt. Natürlich habe ich Hoffnungen und Erwartungen und meine größte Hoffnung ist, dass möglichst viele mitmachen, genau an diesem speziellen Tag. Jeden Tag passieren schöne Dinge, schreckliche Dinge und wenn jeder oder möglichst viele da eine Kamera zur Hand haben und das filmen, was sie in Deutschland erleben oder was sie an diesem 20. Juni 2015 bewegt, dann wird da ein sehr spannender Film herauskommen - der im Übrigen auch viel über Deutschland erzählt. Und das ist mir wichtig: einen Querschnitt dieses Landes an einem Tag zu erzählen.

Welche Geschichten sollen denn erzählt werden, haben Sie da grob auch konkrete Fragen vorgegeben?

Erst einmal ist es so, dass man völlig frei ist. Was auch immer einen bewegt, kann man, wie auch immer, filmisch begleiten. Es gibt eine sehr kleine Möglichkeit, direkt in die Webcam rein zusprechen und zu schimpfen, zu loben oder zu erzählen, was einen gerade bewegt. Für Leute, die es etwas größer angehen wollen und nicht wissen, wie sie den Einstig schaffen - es fehlt ja oftmals die Idee - haben wir drei Fragen entwickelt, eine Art Leitfaden: Erstens, "was macht dich glücklich?", zweitens, "wovor hast du Angst?" und drittens, "was bedeutet Deutschland für dich?" Und daran kann man sich vielleicht ein bisschen orientieren.

Filmstill Der bewegte Mann

"Der bewegte Mann" (1994) mit Til Schweiger und Katja Riemann ist einer von Wortmanns bekanntesten Filmen

Wie haben Sie diese Fragen denn "unter das Volk" gebracht, um es mal so zu sagen? Per SMS oder hatten Sie eine spezielle Werbestrategie?

Es gibt eine große Werbekampagne, die gerade läuft. Es gibt Aufrufspots im Fernsehen, wo auch Prominente dazu beitragen, das Projekt unters Volk zu bringen. Es gibt riesige Anzeigenkampagen auf Plakaten. Also, es müssten schon sehr viele Leute davon gehört haben. Das wird hoffentlich dazu beitragen, dass das Projekt bekannt wird und an diesem Samstag (20.06.2015) viele Leute mitmachen.

Was denken Sie, wer da alles mitmachen wird? Nur die Digital Natives, für die ja Selfies und Smartphone-Konferenzen zu Frühstück, Mittag- und Abendessen dazu gehören?

Es ist so, dass es natürlich ein sehr junges Medium ist und das heißt, dass sich wahrscheinlich eher jüngere Leute angesprochen fühlen werden. Also meine Kinder sind 12 und wollen da auch mitmachen. Und sind auch technisch in der Lage, mit einem Smartphone als Filmkamera umzugehen. Aber das wäre mir ein bisschen zu wenig.

Wir wollen auch Leute erreichen, die zunächst vielleicht meinen, dass ihre Geschichte gar nicht so interessant ist. Oder die eine größere Hemmschwelle haben, weil sie Angst vor der Technik haben. Diese Gruppen werden nochmal extra angestupst und ihnen wird nochmal gesagt: "Alles ist interessant." Ich denke zum Beispiel auch an Gefängnisse, an Bergleute unter Tage, um die Bandbreite möglichst groß zu machen, um nicht nur Zwanzigjährige dabei zu haben, die Party machen.

Und was ist mit denen, die kein Smartphone besitzen und gar keine Kamerafunktion an ihrem Handy haben?

Da könnte zum Beispiel deren Tochter oder Sohn sagen, "Hör mal Papa, ich komme mal zu dir und leihe dir mein Handy. Dann kannst du auch mitmachen." Einigen wenigen Leuten - wir haben zum Beispiel einen Einsiedler, einen Eremiten ausfindig gemacht, den wir ganz spannend finden– leihen wir ein Handy. Aber es ist nicht so, dass wir die dann filmen. Das Konzept soll schon erhalten bleiben, dass man das selber macht. Aber wer dann keins hat, der kriegt eins von uns geliehen.

Deutschland. Made By Germany Sönke Wortmann und Judy Tossell

Das kreative Team hinter "Deutschland. Made By Germany"

Schimmert da so ein bisschen ein vorgefertigter Plan als Regisseur hervor?

Nein, eigentlich nicht. Der einzige Plan ist wirklich eine möglichst große Bandbreite zu haben. Ich kenne das auch von mir selber: Wenn man versucht ein Drehbuch zu schreiben, braucht man eine Initialzündung. Und für die Leute könnten das diese drei Fragen oder auch nur eine dieser Fragen sein. Mehr ist nicht geplant, ansonsten freue ich mich auf das, was kommt.

"Deutschland. Ein Sommermärchen", Ihr Kino-Dokumentarfilm über die Fußball- Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland, war ein sehr erfolgreicher und bewegender Kinofilm. Was wünschen Sie sich denn von diesem Sommerfilm? Wann wären Sie glücklich?

Das Glück kommt da stufenweise. Das erste Glück würde ich empfinden, wenn ganz viele Leute mitmachen, mehr als ich erwarte. Dann bin ich schon glücklich. Und dann kommt es natürlich auf die Qualität des Materials an, das muss nicht besonders spektakulär sein. Kleine Geschichten sind da genauso wichtig und oft bewegender als große Bilder.

Wovor haben Sie Angst? Um mal Ihre drei Fragen aufzugreifen…

Vor Schlangen. Vor dicken, fetten Riesenschlangen, die einen erwürgen könnten. Woher das kommt, weiß ich allerdings nicht.

Und ganz privat gefragt: Was bedeutet Deutschland für Sie?

Das kann ich jetzt zitierfähig gar nicht sagen. Das ist ein größeres Konstrukt. Vielleicht fällt mir dazu an diesem Samstag, dem 20. Juni etwas ein. Ich werde selbst auch drehen, aber ich weiß noch nicht genau was. Da werde ich mich dann filmisch zu dieser Frage äußern.

Das Interview führte DW-Autorin Heike Mund.