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Welt

Deutschland: Liebesbrauch Maibaumstellen

Europas Männer greifen oft zu Schmuck oder Blumen, um das Herz ihrer Angebeteten zu erobern. Doch im Rheinland - der Region rund um Köln, Bonn und Aachen muss gleich ein ganzer Baum her!

Eine Frau steht unter einem Maibaum

Wer freut sich nicht über einen Maibaum?

Maibaum an einer Hauswand in Köln-Süd

Maibaum an einer Hauswand in Köln-Süd

Junge Männer stellen der Auserwählten in der Nacht zum 1. Mai eine mit Krepppapier geschmückte Birke in den Vorgarten. Woher kommt dieser Brauch des Maibaumstellens, und welche Bedeutung hat er heute noch?

Wenn im Rheinland der April zu Ende geht, werden die Mädchen unruhig. Auf den Schulhöfen beschäftigt die Freundinnen nur noch eine Frage: "'Und? Kriegst du einen Maibaum?' 'Nein, von wem denn?' 'Nein, der schenkt mir bestimmt keinen'", erzählt die heute 30-jährige Anke Baldus. "Je näher dann der Mai rückt mit dem Tanz in den Mai, desto rappeliger werden alle". Anke Baldus kommt aus Zons, einem kleinen Dorf nördlich von Köln. Dass junge Männer ihrer Angebeteten in der Nacht zum ersten Mai einen Baum in den Garten stellen, ist hier seit Jahrhunderten Tradition.

Der Baum ist nur noch Nebensache

Das Rheinland um Bonn herum

Das Rheinland um Bonn herum

30. April, 11 Uhr vormittags auf einem Innenhof im Dörfchen Rheidt: Janusz, Freddi und acht weitere Jungs sind perfekt vorbereitet. In der Einfahrt steht ein Lieferwagen mit drei Meter langem Anhänger. Darin eine Motorsäge, zwei Äxte - und fünf Kisten Bier. Gleich fahren sie in den Wald zum Maibaumschlagen. Und dabei geht es den jungen Rheinländern nicht nur darum, die Mädchen zu beglücken, sagt der 23-jährige Janusz: "Es geht um die Musik und das Bier! Um den Spaß, mit Freunden im Wald rumzulaufen und einen Baum zu fällen. Na gut, man stellt seiner Freundin auch einen Baum hin - das ist ein schöner Nebeneffekt!"

Zwei Stunden und einige Biere später sind sie im Wald angekommen und suchen sich die schönsten Maibäume aus. Janusz setzt die Motorsäge an eine fast 15 Meter hohe Birke an, Schweiß rinnt seine Stirn hinunter, die Sonne brennt ungewöhnlich stark für Ende April. Nachdem die Birke am Boden liegt, erklärt Janusz, worauf es bei der Baumwahl ankommt. "Der Stamm darf nicht zu dick sein, man muss ihn auch noch aufstellen können. Ein perfekter Maibaum hat einen relativ dünnen Stamm ist aber schön hoch und hat eine schöne Krone."

Nach mehr als einer Stunde Fällarbeiten im Birkenwald liegen die Maibäume auf dem Anhänger des Lieferwagens, die meisten über zehn Meter lang. Am Ausgang des offiziellen Maibaumforstes wird gezahlt: 15 Euro pro Birke nimmt der Förster den neun Jungs ab, dann geht es zurück nach Rheidt.

Ursprünglich ging es ums Ehelichen

Männer stellen einen Maibaum auf

Auch in ganz Bayern werden am 1. Mai traditionell Maibäume aufgestellt

Ursprünglich war das Maibaumstellen Teil des so genannten "Mailehenbrauchs", einer Art dörflicher Partnervermittlung, die im 17. Jahrhundert entstand. Dabei wurden die unverheirateten jungen Frauen eines Dorfes den Junggesellen für eine bestimmte Zeit als "Lehen", als Leihgabe übergeben. Das geschah nach einem bestimmten Verfahren, erläutert der Bonner Volkskundler Alois Döring: "Die unverheirateten jungen Männer eines Dorfes ersteigern die unverheirateten Mädchen und bilden so Maipaare."

Wer das höchste Gebot für ein Mädchen abgibt, ist Maikönig und sie entsprechend Maikönigin. Dabei gehört es zum festen Brauch, dass jeder Maibräutigam seiner Maibraut einen mit bunten Bändern geschmückten Baum aufstellt. Diese Tradition hat sich in vielen rheinischen Dörfern bis heute gehalten, der damalige Zweck ist jedoch fast vergessen: "Es sollten Ehen zustande kommen. Einer der Grundgedanken der Maiversteigerungen war, dass auf diese Weise der dörfliche Heiratsmarkt geregelt wurde. Man versuchte so, Ehen innerhalb des Dorfes zu schließen."

Heute ist dabei sein alles

Damit sollten Heiraten in der Fremde verhindert werden, um die Strukturen in den bäuerlich geprägten Dörfern zu erhalten. Heute ergeben sich aus den Maifeiern nur noch selten Ehen, zum Flirten und als Single-Börse sind sie aber noch immer beliebt. Und die Maibäume sind Indiz dafür, wer bei den Jungs gefragt ist und wer nicht. Im Heimatdorf von Anke Baldus wird Jahr für Jahr mehr als die Hälfte der jungen Mädchen mit einem Maibaum beglückt, schätzt sie. Umso schlimmer für die anderen. "Das ist eine ganz große Katastrophe, man kann nicht mehr mitreden, mittuscheln, das heißt, nicht mehr beliebt zu sein nicht mehr zu den In-Girls zu gehören." Deshalb werde bereits Anfang des Jahres darauf hingearbeitet, einen Maibaum zu bekommen, sagt Anke.

Tanz in den Mai

Der Maibaum wird noch auf traditionelle Art transportiert

Der Maibaum wird noch auf traditionelle Art transportiert

Im 40 Kilometer entfernten Rheidt waren mindestens sieben Mädchen in diesem Bemühen erfolgreich. Genau so viele Bäume liegen jetzt auf dem Anhänger des Lieferwagens. Es ist dunkel geworden, die Mädchen tanzen auf dem Dorfplatz in den Mai - und die Jungs machen sich auf den Weg. Mit lauter Musik geht es durch die laue Mainacht, Janusz und Freddi sitzen auf dem Anhänger zwischen den Maibäumen, bis der Wagen vor dem Haus der Angebeteten hält.

Zu zehnt tragen sie die 13 Meter lange Birke in den Innenhof des Hauses. "Können wir rüberziehen? Habt ihr ihn oben fest? Eins, zwei, drei" - und der Maibaum steht. Am Stamm bringt Freddi noch ein großes Schild in Form eines Herzens an, darauf in schwarzem Lack ihren Namen: Ines. Die Jungs machen sich wieder auf in die Nacht, sechs Maibäume liegen noch vor ihnen.

Wie Nikolaus

Wenn die Mädchen am nächsten morgen in den Garten schauen, stellt sich vielen noch die große Frage: Wer hat ihn gebracht? So war es auch bei Anke Baldus, als sie im Alter von 15 Jahren ihren ersten Maibaum bekam. "Da musste dann ein riesiges Freundinnentreffen her." Zusammen zogen die Mädels dann durchs Dorf, um Indizien zu sammeln. "Wer war gestern auf welcher Maifeier? Und wer hat wen gesehen, der so einen Maibaum transportiert haben könnte?"

Ein paar Stunden später war klar, wer sie mit einem Maibaum beehrt hatte. Ganz unauffällig ging sie an ihrem Verehrer vorbei und fragte unschuldig: "Was hast denn du am 30. April so gemacht?" Und der Rest ergab sich dann wie von selbst, erzählt die Rheinländerin. Denn manchmal gewinnt die Maibaum-Tradition auch heute noch ihren ursprünglichen Sinn zurück: Was aus dem Gespräch mit dem Verehrer geworden ist? "Ich hab ihn geheiratet!"

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