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Sport

Deutschland im Fußballfieber

Die Fußball-WM in Brasilien hat für viele Deutsche erst jetzt so richtig angefangen. Beim Auftaktspiel der DFB-Elf gegen Portugal sind die Biergärten und Kneipen voll, die Stimmung aber zunächst zurückhaltend.

Bange Blicke richten sich in Richtung Himmel. Die dunklen Wolken verheißen nichts Gutes. Von wegen Sommermärchen - ausgerechnet zum deutschen WM-Auftakt spielt das Wetter nicht mit. Dennoch haben sich in Köln tausende Fußballfans in den Biergärten und an Public-Viewing-Orten versammelt - scharenweise sind sie mit schwarz-rot-goldenen Fahnen, Hawaiiketten und Trikots in die Stadt geströmt. Unter dem Motto "Ramba Samba Do Brasil" werden am Aachener Weiher die WM-Spiele auf Großbildschirmen und kleineren Fernsehern übertragen. Die Stimmung dort ist zunächst angespannt. Wie wird sich die deutsche Elf schlagen? Wie fit ist Torwart Manuel Neuer wirklich und wie stoppt man am besten Portugals Superstar Cristiano Ronaldo?

Papa Carsten muss noch arbeiten

Doch das sind nicht die einzigen Sorgen. In dem riesigen Biergarten finden rund 1000 Zuschauer Platz, doch weitaus mehr quetschen sich bald zwischen Stühle, Bänke und Tische. Das Problem: Wer an bestimmten Tischen im Biergarten sitzt, kann nicht mehr uneingeschränkt auf die Bildschirme gucken. Auch der Rasen rund um Biergarten und Weiher ist schon proppenvoll. Die Lösung: auf alles klettern, was hält - Bänke, Tische, Mülltonnen. Der fünfjährige Miko hat einen guten Platz erobert - aber dennoch keine Chance. Zu groß sind die Erwachsenen um ihn herum. Mit einer Portion Pommes lenkt Mama Leonie den kleinen Fan im Trikot des heimischen Fußballvereins 1. FC Köln bis zur Halbzeitpause ab. Mikos große Schwester Kira schwenkt ihre Deutschlandfahne und ist im Torwarttrikot erschienen - Manuel Neuer ist ihr großer Star. Papa Carsten muss noch arbeiten. "Mama - in welchem Tor steht der Neuer - rechts oder links?" fragt die Achtjährige. Mama Leonie erklärt alles ganz geduldig, dann beginnt das Spiel.

Nur Kira hat Mitleid

Familienausflug zum Aachenener Weiher: Mama Leonie mit ihren Kindern Miko und Kira. (Foto: Olivia Gerstenberger)

Familienausflug zum Aachenener Weiher: Mama Leonie mit ihren Kindern Miko (l.) und Kira (2.v.l.).

Schnell wird klar: Die Leute, die einen Platz vor der begehrten Großbildleinwand ergattert haben, sehen die Bilder aus Brasilien - in diesem Fall wertvolle und entscheidende - Sekunden früher als der Rest. Auch der Ton ist schneller als das Bild - für einen Fußballfan die "Vollkatastrophe"! Als der halbe Biergarten beim 1:0 durch Thomas Müller in die erste Ekstase gerät und sich in den Armen liegt, ist der Ball auf den Bildschirmen der anderen Hälfte des Biergartens noch gar nicht im Tor. Das dämpft die Stimmung ein wenig, auch beim Elfmeterpfiff, 2:0 und 3:0. Freudengesänge sind fast gar nicht zu hören. Der Applaus für die Rote Karte gegen Pepe fällt dagegen schadenfroh und laut aus. Nur die kleine Kira zeigt Mitleid mit den unterlegenen Portugiesen: "Der arme portugiesische Torwart", sagt sie und guckt ganz traurig. Zur Halbzeit beginnt es dann tatsächlich zu regnen.

Leere Straßen, volle Kneipen

Zahlreiche Fans verlassen den Aachener Weiher und wechseln ins Trockene. Kaum ein Auto ist unterwegs, in den Supermärkten herrscht gähnende Leere. Aber die Kneipen sind voll. Im Petersberger Hof ist die Stimmung zu Beginn der 2. Halbzeit ausgelassen. Inhaber Chris Epting und seine brasilianische Frau Shirleide haben die Gaststätte weltmeisterlich geschmückt. An den Wänden hängen die Fahnen verschiedenster Nationen, die Miniaturausgabe des Weltpokals steht allerdings vor der brasilianischen. Auch die Speisekarte ist auf die WM abgestimmt.

Brasilien zu Gast am Petersberger Hof. (Foto: Petersberger Hof)

Brasilien zu Gast am Petersberger Hof

Es gibt typische Speisen der WM-Teilnehmer sowie eine Extrakarte mit brasilianischen Delikatessen: Caipirinha und natürlich auch das Nationalgericht Feijoada (Bohneneintopf mit Fleisch) kann man während der WM-Zeit bestellen. Zum Eröffnungsspiel waren sogar brasilianische Tänzerinnen mit musikalischer Begleitung da. "Kultur wollen wir neben Fußball auch bieten", sagt Epting, dem beim Deutschlandspiel zwischenzeitlich die Biergläser ausgegangen sind.

In der Kneipe ist es gemütlich

Draußen sitzen die Leute im kleinen Biergarten der Kneipe, sogar auf dem Gehweg haben sie es sich gemütlich gemacht - ein großer Fernseher hängt an der Außenwand. Drinnen gibt es zwei große Leinwände und zwei Fernseher - hier hat jeder den perfekten Blick aufs Geschehen. Auch wenn es hier etwas gemütlicher zugeht als bei den großen Public-Viewing-Veranstaltungen, ist man seit heute so richtig im WM-Fieber. Stunden vorher seien die ersten Gäste da gewesen, um sich die besten Plätze zu sichern, erzählt Chef Epting - Premiere bei diesem Turnier.

Als Thomas Müller dann noch sein drittes Tor schießt, ist die Stimmung auf dem Höhepunkt - mit Standing Ovations wird der Bayern-Spieler bei seiner Auswechslung gefeiert und bekommt damit ebenso viel Applaus wie der für ihn eingewechselte ehemalige Kölner Lukas Podolski. Die zahlreichen Kellner haben bis zum Schlusspfiff alle Hände voll zu tun, es wird eifrig Bier bestellt. Doch trotz der aufkeimenden Euphorie verfolgen viele fast ungläubig den furiosen WM-Auftakt. Damit hat nun wirklich niemand gerechnet! Nach dem Abpfiff legt sich auf fast alle Gesichter ein zufriedenes Lächeln. Nach etwas holprigem Start ist auch Deutschland endlich bei der WM angekommen - und das mit dem Wetter wird auch bestimmt bald besser.