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Kultur

Deutschland im Fantasy-Fieber

Die Verfilmung des Hobbits von J.R.R. Tolkien sorgt auch in Deutschland für Aufregung. Das Fantasy-Genre boomt - im Film und in der Literatur. Das deutsche Kino kann auf eine lange Fantasy-Tradition zurückblicken.

Ein wenig verblüfft die Erkenntnis schon: Unter den erfolgreichsten Filmen aller Zeiten befinden sich vor allem Fantasy-Werke: "Avatar" und "Der Herr der Ringe", "Krieg der Sterne" und "Harry Potter", "Die Chroniken von Narnia" und "Batman". Auch wenn Filme mit Superhelden wie "Batman" im engeren Sinne Comic-Verfilmungen sind, bieten sie doch genau all das, was einen richtigen Fantasy-Film ausmacht: Die dort erzählten Geschichten existieren nur in der menschlichen Fantasie und sind in der Realität unvorstellbar.

Eine Welt zwischen Gut und Böse

Für einige Puristen spielen Fantasy-Filme ausschließlich in einer Welt, die der es keine moderne Technik gibt, dafür aber jede Menge Magie und Zauberkunst, Drachen, Kobolde und Elfen. Außerdem lässt sich diese Welt immer in Gut und Böse einteilen. Für den Filmwissenschaftler und Fantasy-Experten Rolf Giesen hingegen ist diese Klassifizierung unzureichend: "80 Prozent aller Science-Fiction-Filme sind nichts anderes als Fantasy-Filme im historischen Gewand. Ein Begriff wie 'Science-Fantasy' träfe ein Werk wie 'Star Wars' besser."

Fritz Lang bei Dreharbeiten zu Metropolis (Foto: picture alliance/pkg images)

Fritz Lang - Meister des frühen Fantasy-Films

Der Fantasy-Film beruht, ebenso wie die Fantasy-Literatur, in Deutschland auf einer langen Tradition. In der Literatur stehen dafür berühmte Autoren der deutschen Romantik wie E.T.A. Hoffmann, Ludwig Tieck oder Wilhelm Hauff. Und im Kino haben Friedrich Wilhelm Murnau mit "Nosferatu" und "Faust" sowie Fritz Lang mit "Die Nibelungen", "Metropolis" und "Der müde Tod" bahnbrechendes geleistet. Sie wurden zu Meilensteinen des Genres. Die großen und auch weltweit beachteten Filme, die in der Zeit der Weimarer Republik (1918-1933) entstanden, haben die düsteren Seiten ihrer Geschichten in den Vordergrund gestellt. Einerseits weil sie unter den Erinnerungen des 1. Weltkriegs gedreht wurden, andererseits möglicherweise auch, weil die Regisseure bereits das kommende Inferno vorausahnten.

Die Nazis duldeten keine dunklen Phantasien

Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen, änderte sich das Bild - zumindest auf der Leinwand: Statt düstere Fantasy-Filme zu produzieren, setzten Propaganda-Minister Joseph Goebbels und seine Regisseure auf Unterhaltung und siegreiche Helden. Auch die Märchenwelt wurde radikal überarbeitet: Die Geschichten waren weniger grausam, dafür familientauglich. Mit einem skeptischen, mit düsteren Geschichten konfrontierten Volk, ließ sich schließlich kein Krieg gewinnen.

Nach 1945 hatte es der deutsche Fantasy-Film besonders schwer. Selbst wenn es Bestrebungen gegeben hätte, an die filmische Tradition Weimars anzuknüpfen, wäre das kaum möglich gewesen: Auschwitz hatte auch die dunkelsten Fantasien übertroffen. So wurden in beiden deutschen Staaten lange Zeit nur Märchenfilme gedreht. Dabei konzentrierte man sich vor allem auf "harmlosere" Varianten der Märchen: "Der kleine Muck", "Die goldene Gans", "Das tapfere Schneiderlein" oder "Der Räuber Hotzenplotz".

Michael Ende (Foto: Jörg Schmitt dpa/lby)

Michael Ende

Im Westen Deutschlands war es dann in der 1970er Jahren der Autor Michael Ende, der mit den Romanen "Momo" und "Die unendliche Geschichte" berühmt wurde. Die Filmbranche ließ sich inspirieren und verfilmte beide Vorlagen im großen Stil. Vor allem "Die unendliche Geschichte" sorgte für eine kurze, aber intensive Renaissance des Fantasy-Genres hierzulande. Es war die Geschichte eines Jungen, der von seinen Schulkameraden traktiert wird und in die Phantasiewelt der Bücher flüchtet. Zwei Jahre später verfolgten die Kinozuschauer in "Momo" gebannt die Erlebnisse eines Waisenmädchens, das gegen die Vertreter einer sogenannten "Zeitsparkasse" kämpft, die das Leben der Menschen manipulieren. Auch das ein klassischer Fanatsy-Konflikt zwischen Ratio und Vernunft versus Phantasie und Liebe. Danach wurde es wieder ruhig um den Fantasy-Film in Deutschland.

Fantasy kostet Geld

Grundsätzlich gibt es hierzulande das Problem, dass es fast unmöglich ist, Budgets aufzutreiben, um große Fantasy-Filme zu produzieren. Rolf Giesen meint dazu: "Es ist ein Fehler, dass die deutsche Filmförderung jedes Jahr 100 Filmproduktionen unterstützt. Es wäre besser, die Gelder auf 20 Produktionen zu konzentrieren, von denen dann aber auch die Hälfte international konkurrenzfähig wäre." Fantasy-Produktionen für ein großes Publikum erfordern viel Geld für die Ausstattung. Das lässt sich in Deutschland nur selten auftreiben.

Szene aus Dennis Gansels Film Wir sind die Nacht aus dem Jahre 2010 (Foto: Copyright: 20th Fox-Filmverleih)

Fantasie und Vampir-Mythos: "Wir sind die Nacht"

In jüngster Zeit hat eine nachwachsende Regiegeneration wieder düsterere Fantasy-Stoffe auf die Leinwand gebracht. Regisseur Marco Kreuzpaintner ("Ich wollte einen deutschen Fantasy-Film mit internationalem Anspruch drehen") realisierte vor vier Jahren die phantastische Volkssaga "Krabat" nach dem Roman von Ottfried Preußler. Die Geschichte des Waisenjungen Krabat, der zurzeit des 30jährigen Krieges (1618-1648) in die Fänge eines schwarzen Hexenkünstlers gerät, kam beim Publikum gut an. Dennis Gansel drehte mit "Wir sind die Nacht" vor zwei Jahren gar einen modernen Großstadt-Vampir-Thriller, der das derzeit so populäre Vampirgenre aufgriff. Und "Cloud Atlas“ von Tom Tykwer ist ja auch nichts anderes als ein bombastischer Fantasy-Film. Verfolgt werden über fast drei Stunden die Schicksale von sechs Menschen über einen Zeitraum von 500 Jahren.

Szene aus dem Film Cloud Atlas von Tom Tykwer u.a. (Foto: X-Verleih AG)

Science fiction und Mittelalter: "Cloud Atlas"

Grundsätzlich ist Rolf Giesen der Ansicht, dass das Interesse am Fantasy-Film fortbestehen wird: "Dunkle Stoffe haben in Krisenzeiten immer Konjunktur. Wir leben in einer Zeitenwende, unsere Gesellschaft verändert sich gerade radikal." Es gebe keine Sicherheiten mehr, glaubt Giesen, die Virtualisierung des Lebens schreite unaufhaltsam voran: "All das lässt sich in Fantasy-Filmen am besten thematisieren."

Der nächste Fantasy-Kassenknüller...

Der nun auch in Deutschland gestartete Film "Der Hobbit" hat allerbeste Chancen, sich ebenso zu einem Publikumshit zu entwickeln wie die "Herr der Ringe"-Epen. Er wurde in 3D gedreht, zudem mit Hilfe einer neuen, revolutionären Technik in Szene gesetzt, die noch plastischere und tiefenschärfere Bilder erlaubt. Fantasy wird also scheinbar immer realistischer. Das dürfte auch das deutsche Kinopublikum überzeugen. Schon die literarische Vorlage von J.R.R. Tolkien ist seit Jahren ein beliebter Lesestoff in Deutschland - nicht nur bei einem jugendlichen Publikum.

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