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Politik & Gesellschaft

Deutschland hat ein neues Sorgenkind

Wohlstand ist in Deutschland sehr unterschiedlich verteilt, das bestätigt der neue Armutsatlas. Es gibt das Nord-Süd-Gefälle und den Ost-West-Unterschied. Hinzugekommen ist ein großes Problemgebiet im Westen.

Der Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbandes, Ulrich Schneider stellt den neuen Armutsatlas vor (Foto: dapd)

Der Paritätische Wohlfahrtsverband stellte den neuen Armutsatlas vor

Das Ruhrgebiet sei das neue Sorgenkind Nummer eins bei der Armutsgefährdung in Deutschland - mit dieser Einschätzung überraschte der Paritätische Wohlfahrtsverband am Mittwoch (21.12.2011) in Berlin bei der Vorstellung des Berichts zur regionalen Armutsentwicklung in Deutschland.

Der Verband gehört zu den sechs Spitzenverbänden der Wohlfahrtspflege in Deutschland. Unter seinem Dach arbeiten 10.000 Organisationen, Einrichtungen und Gruppierungen im Sozial- und Gesundheitsbereich. Im Mai 2009 hatte der Verband erstmals einen Armutsatlas für Deutschland vorgestellt. Mit dem neuen Bericht sei es dank des längeren Erhebungszeitraumes nun auch möglich, Entwicklungstrends und nicht nur eine Momentaufnahme festzuhalten, sagte Hauptgeschäftsführer Ulrich Schneider.

(Infografik: DW/Pock)

Als von Armut gefährdet wird in Deutschland eingestuft, wer weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens hat. Kontinuierlich mehr Armut gibt es den Zahlen des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes zufolge vor allem in Teilen des westdeutschen Bundeslandes Nordrhein-Westfalen. "Das dortige Ruhrgebiet ist zum Sorgenkind Nummer eins in Deutschland geworden", so Schneider. Der neue Armutsatlas belege beispielsweise für die Stadt Dortmund eine höhere Armutsquote als Mecklenburg-Vorpommern, das im Bundesländer-Ranking den letzten Platz belegt. Einst Zentrum der Stahl- und Kohleindustrie, leben heute fünf Millionen Menschen im größten Ballungsgebiet Deutschlands. Viele Kommunen leiden unter hohen Schulden und sind kaum noch handlungsfähig. "Sollte der Kessel Ruhrgebiet einmal anfangen zu kochen, dürfte es sehr schwer werden, ihn wieder abzukühlen", warnte Schneider. Hier könne eine ähnliche Lage wie in den sozialen Brennpunkten von London oder Paris entstehen.

Positiver Trend im Osten

Ein weiterer Trend, den der Verband feststellte, sei, dass sich die durch die deutsch-deutsche Teilung bedingte größere Armutsgefährdung im Osten Deutschlands abschwäche. Und zwar flächendeckend in allen ostdeutschen Bundesländern, so Schneider. Dabei habe es Brandenburg vor allem dank des sogenannten Speckgürtels um Berlin - also durch gutverdienende Berliner, die ins Umland ziehen - im Bundesländer-Ranking sogar ins Mittelfeld geschafft. Einen stabilen Aufwärtstrend gibt es den Zahlen nach auch in Thüringen und Hamburg.

Ulrich Schneider (Foto: dapd)

Ulrich Schneider: "Wir brauchen 20 Milliarden Euro für die Armutsbekämpfung."

Auf das gesamte Land bezogen lag die Armutsgefährdungsquote in Deutschland im Jahr 2010 bei 14,5 Prozent. Das heißt: 12 Millionen Bürger sind in Deutschland von Armut bedroht beziehungsweise arm.

Seit 2005 habe sich diese Quote kaum verändert, so Schneider, obwohl es in einigen Jahren wirtschaftlich bergauf ging. "Der Markt kann zwar Reichtum produzieren, aber nicht verteilen." Regional gesehen könne eine gute Struktur- und Wirtschaftspolitik aber durchaus positiv wirken, wie das Beispiel Brandenburg und Thüringen zeige, sagte Schneider auf Nachfrage.

Forderung nach mehr Geld

Der Paritätische Wohlfahrtsverband nutzte die Vorstellung des neuen Armutsberichts für eine Halbzeitbilanz der Sozialpolitik der Bundesregierung aus CDU/CSU und FDP, die seiner Meinung nach nicht gut ausfalle. "Die Bundesregierung ist nicht Willens oder in der Lage, das Geld zu besorgen, das für eine wirksame Sozialpolitik nötig sei." Und noch schlimmer, die Maßnahmen der Regierungskoalition würden das Armutsproblem eher noch verschärfen, sagte Schneider und nannte Kürzungen bei der Betreuung von Arbeitslosen und die Neuordnung des Kindergelds als Beispiele. Die Verteilungsfrage zwischen arm und reich müsse generell neu gestellt werden. "Sonst fährt der Sozialstaat gegen die Wand", sagte Schneider.

Autor: Kay-Alexander Scholz
Redaktion: Pia Gram