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Sport

Deutschland hat die Nase leicht vorn

Wer ist denn nun Favorit im Nachbarschaftsduell zwischen Frankreich und Deutschland? Wer hat die besseren Spieler? Und wer den besseren Trainer? DW-WM-Reporter Joscha Weber gibt Antworten.

Wer ist Favorit?

Die Antwort fällt zunehmend schwerer: Vor dem Turnier wäre Deutschland in dieser Partie noch relativ klarer Favorit gewesen, nun ist die deutsche Nationalelf allenfalls noch um eine Nasenspitze vorne. Das hat mehrere Ursachen. Zunächst spielt Frankreich besser als erwartet. Die Abwehr steht kompakt, lässt kaum Tore zu. Und vorne überrennen Karim Benzema und Co. die Gegner förmlich mit ihrer Angriffswucht. Doch nun kommt der erste wirklich schwere Gegner für Frankreich: Deutschland.

Die DFB-Elf hat mehr internationale Erfahrung und individuelle Qualität in ihrem Kader, blickt aber bisher auf ein WM-Turnier mit Licht und Schatten zurück. Der Gala gegen Portugal folgten maue Auftritte gegen Ghana und Algerien und ein solider Sieg gegen die USA. Aktuell haben einige deutsche Spieler über Erkältungssymptome, deren Auswirkung auf die Form ungewiss ist.

Wer sind die Schlüsselspieler?

DW-WM-Reporter Joscha Weber am Trainingsplatz der deutschen ationalmannschaft in Santo André in Brasilien (Foto: Peter Wozny/DW)

Immer am Ball: DW-WM-Reporter Joscha Weber

Auf französischer Seite steht momentan Karim Benzema im Mittelpunkt. Der Stürmer von Real Madrid ist der Mittelpunkt des französischen Offensivspiels, vor allem wenn er im Zentrum stürmen darf. Schon 25 Mal schoss der schnelle Benzema auf das gegnerische Tor - Rekordwert in diesem Turnier. Allerdings glückten ihm dabei erst drei Treffer, richtig effizient war er also nicht. Unterstützt wird er von den starken Mittelfeldspielern Blaise Matouidi und Paul Pogba, die mit viel Durchsetzungsvermögen durch das Zentrum nach vorne stoßen und dort die Spitzen bedienen. Torhüter Hugo Lloris hielt seinen Kasten - abgesehen von der Schlussphase des Schweiz-Spiels als Frankreich nach 5:0-Führung zwei Gänge zurückschaltete und sich zwei Gegentreffer einfing - bisher beeindruckend sauber. Der beste Spieler Frankreichs fehlt allerdings: Bayern-Star Franck Ribéry muss die WM verletzungsbedingt vom Fernseher aus verfolgen.

Das gilt bekanntlich auch für Deutschlands Kreativkraft Marco Reus. Doch die DFB-Elf hat auf dieser Position mehr Alternativen als Frankreichs Elf, der man Ribérys Fehlen anmerkt. Viel lief im deutschen Spiel bisher über Toni Kroos, mit dessen Leistung auch die Leistung des gesamten Teams schwankte. Spielte er stark, war Deutschland schwer beizukommen wie gegen Portugal. Leistete er sich Konzentrationsschwächen, tat sich das gesamte deutsche Mittelfeld schwer. Viel hängt im deutschen Spiel aber auch von Philipp Lahm ab, um dessen ideale Position in den vergangenen Tagen eine hitzige Debatte entbrannte. Außerdem erfüllen Torwart Manuel Neuer mit seiner Zusatzfunktion als Libero und Stürmer Thomas Müller mit seinen bislang vier Toren Kernaufgaben im DFB-Team. Insgesamt steckt etwas mehr spielerische Qualität im deutschen Kader.

Welcher Trainer hat das bessere Händchen?

Frankreichs Nationaltrainer Didier Deschamps im Porträt (Foto: FABRICE COFFRINI/AFP/Getty Images)

Akribischer Arbeiter: der Franzose Didier Deschamps

Didier Deschamps gegen Joachim Löw ist auch ein Duell zweier Individualisten auf der Trainerbank. Beide vertreten konsequent und bisweilen stur ihre Philosophie, lassen sich nicht reinreden. Deschamps, Weltmeister 1998, war als Spieler ein giftiger Arbeiter, ein Abräumer und vor allem erfolgsbesessen. Diese Eigenschaft zeichnet ihn auch als Trainer aus. Detailversessen will er das Optimum aus seinem Team herausholen, was ihm sowohl bei seinen Vereinsstationen (Monaco, Turin, Marseille) als auch im Nationalteam bisher gelang, wo er einen Haufen komplexer und teilweise egoistischer Charaktere zu einer Einheit formen konnte. Sein Stil galt zunächst als italienisch-defensiv geprägt, hat inzwischen aber eine erfrischend offensive Note bekommen.

Sein Gegenüber Joachim Löw gelang es zweifellos Deutschland eine Nationalmannschaft zu schenken, die schöner spielt als es je eine andere deutsche Elf vermochte. Natürlich profitiert er dabei auch vom großen fußballerischen Potential der aktuellen Spielergeneration. Aber Löw formte aus ihnen ein Kollektiv, das es stets weit brachte: Bei der EM 2008 bis ins Finale, bei der WM 2010 und EM 2012 bis ins Halbfinale. Trotz oder doch vielleicht eher wegen dieser Erfolge erwartet Fußball-Deutschland nun den Titel von Löw - er selbst übrigens auch, wie er betont. Vielleicht hat er auch deshalb bei diesem Turnier von offensivem Schöngeist auf kontrollierten Ergebnisfußball umgestellt. Das Trainer-Duell endet unentschieden.

Was sagt die Statistik?

Joachim Löw (l.) und Miroslav Klose (r.) sitzen entspannt auf der Trainerbank (Foto: Martin Rose/Getty Images)

Ganz entspannt: Joachim Löw (l.) und Miroslav Klose

Die Spielbilanz spricht für Frankreich: Bei bisher 25 Aufeinandertreffen gewann die Grande Nation elfmal, Deutschland konnte acht Spiele für sich entscheiden, sechs Partien endeten mit einem Unentschieden. Das letzte WM-Spiel zwischen beiden Nachbarländern ist schon eine ganze Weile her: 1986 gewann Deutschland mit 2:0 im WM-Halbfinale in Mexiko. Das letzte Duell im Februar vergangenen Jahres gewann ebenfalls Deutschland mit 2:1 im Stade de France.

Interessant ist ein Blick in die Spielstatistik bei dieser WM: Frankreich schießt häufiger aufs Tor (19,3-mal pro Spiel) als Deutschland (durchschnittlich 16,5-mal pro Spiel) und schlägt mehr Flanken (114) als die deutsche Mannschaft (97), aber die DFB-Elf ist bisher deutlich mehr gelaufen (117 Kilometer) als Frankreich (107 Kilometer). Auch die Anzahl der gespielten Pässe liegt bei Deutschland (3060) klar über der bei Frankreich (2248). Was bedeuten diese Zahlen? Sie verraten, dass zwei völlig unterschiedliche Spielsysteme aufeinandertreffen: Frankreich sucht mit viel Dynamik in der Vorwärtsbewegung den Weg über die Außen und auch schnell den Abschluss, Deutschland behauptet den Ball mit vielen sicheren Pässen und kontrolliert das Spiel.

Wer hat mehr Fan-Unterstützung?

Laut dem französischen Generalkonsulat in Rio werden bis zu 15.000 französische Fans erwartet. Nicht alle von ihnen werden eins der in Rio sehr begehrten Tickets ergattern können, dennoch dürfte man im Stadion viel Blau sehen. Auf deutscher Seite sollen rund 10.000 Anhänger ins Maracanã pilgern. "Alleeez les Bleus", könnte also etwas lauter erklingen als "Super-Deutschland".

Das Zünglein an der Waage könnten aber die brasilianischen Zuschauer werden. Die haben bisher große Sympathien für die deutsche Mannschaft bekundet. An allen Spielorten wurde die DFB-Elf freundlich begrüßt und teilweise auch gefeiert. Nicht wenige Brasilianer haben sich das deutsche Auswärtstrikot gekauft, weil es dem von Rio de Janeiros Vorzeigeklub Flamengo auffallend ähnelt - ein guter Marketing-Schachzug des DFB-Ausrüsters Adidas.

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