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Kultur

„Deutschland gibt es überhaupt nicht“

Herbert Grönemeyer ist einer der erfolgreichsten deutschen Sänger. Als Redner war er dagegen bislang unbekannt. In Berlin sprach der Musiker erstmals über die Zerrissenheit seiner Heimat, Krieg und Kultur.

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Seit drei Jahren lebt Herbert Grönemeyer in London

Obwohl Herbert Grönemeyer schon auf unzähligen Bühnen gestanden hat, war dem deutschen Popstar das Lampenfieber deutlich anzusehen, als er am Sonntag ans Rednerpult im Berliner Renaissance-Theater trat. "Wohin soll ich nur mit dem Wust von Zetteln", fragte er und blickte Hilfe suchend ins Publikum. Nach mehrmaligem tiefen Durchatmen begann dann ein provokanter Vortrag über die Zerrissenheit seiner Heimat, den Krieg in Afghanistan und Pop.

"Deutschland befindet sich in der Pubertät"

"Deutschland gibt es überhaupt nicht", erklärte Grönemeyer, der mit elf Millionen verkaufter Platten zu den bekanntesten deutschsprachigen Musikern zählt. Im Jahre zwölf nach der Einheit befinde sich das Land in der Pubertät und sehe der Reifeprüfung noch entgegen, befand der Musiker und Schauspieler, der vor 18 Jahren mit seinem Debüt-Album "Bochum" schlagartig populär wurde. Er forderte von seinen Landsleuten in Ost und West, sie sollten sich bewusst werden, dass niemand "hier klug und dort dümmer" sei.

"Heimat im Land der Mitte"

Grönemeyer hielt seine "Berliner Lektion" auf Einladung der Berliner Festspiele und des Bertelsmann Konzerns, die gemeinsam die gleichnamige Vortragsreihe veranstalten. Der Künstler, dessen Vortrag den Titel "Heimat im Land der Mitte" trug, rief die Deutschen zu mehr Selbstbewusstsein auf. Freilich dürfe mehr Selbstbewusstsein nicht mit Größenwahn und Nationalismus einhergehen. "Ich hoffe, dass Deutschland nie ein Gesicht bekommt, sondern sehr viele unterschiedliche behält", sagte Grönemeyer, der seit gut drei Jahren in London lebt. Er selbst hatte sich im vergangenen Jahr als Mitherausgeber einer CD-Sammlung mit deutscher Popmusik aus fünf Jahrzehnten vor der deutschen Flagge fotografieren lassen. Auf diese Weise habe er demonstriert, "wie gelassen und selbstbewusst man sich der eigenen Identität vergewissern kann, ohne dabei das Bewusstsein für die Abgründe deutscher Geschichte zu verlieren", so die Veranstalter der Berliner Lektionen.

"Verzweifelter nachdenken als andere Länder"

Während seines engagierten Vortrags vertrat der Rockstar auch mit Nachdruck seine Meinung zum schwierigen Verhältnis zwischen Kultur und Politik. Es spreche für Deutschland, wenn es über einen potenziellen Kriegseinsatz verzweifelter nachdenke, als andere Länder. Den Leuten dann allerdings mangelnde Solidarität oder Anti-Amerikanismus vorzuwerfen, sei "hanebüchener Unsinn". Auch die öffentliche Schelte von Bundeskanzler Gerhard Schröder für Friedensnobelpreisträger Günter Grass wegen dessen Ablehnung des Krieges in Afghanistan prangerte Grönemeyer an. "Der Begriff Abkanzeln stammt eigentlich von Helmut Kohl." Der Altkanzler hatte 1986 Grönemeyers Platte "Sprünge" als "deutsche Unkultur" bezeichnet und kann sich seitdem der herzlichen Abneigung des Erfolgsmusikers gewiss sein.

"Heimat ist ein Gefühl"

Nach seiner gut einstündigen Rede sagte Grönemeyer: "Und jetzt das Ganze nochmal als Lied", setzte sich ans Klavier und sang seinen Hit "Heimat". Darin heißt es unter anderem: "Heimat ist kein Ort, Heimat ist ein Gefühl". Zuvor hatte er unter tosendem Beifall bekundet: "Erst wenn wir lernen, zwei Berliner zu sein, wird aus zwei Deutschland eins. Ich bin zwei Berliner!" (es)

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