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Fußball

"Deutschland gewinnt? Auch nicht schlimm!"

Deutschland gegen Türkei - für viele Deutschtürken spielen an diesem Freitag gleich zwei Heimatländer gegeneinander. Ein Besuch bei Türkiyemspor Berlin, Deutschlands erfolgreichstem Fußballklub für türkische Migranten.

Junge schwenkt große Türkeifahne und kleine Deutschlandfahne (Foto: dpa)

Sympathien für beide

Wenn am Freitagabend (08.10.2010) das EM-Qualifikationsspiel Deutschland gegen Türkei im Berliner Olympiastadion angepfiffen wird, kann sich die deutsche Mannschaft zumindest auf eines nicht verlassen: auf den Heimvorteil. Da ist sich der 16jährige Kaan Gül sicher. "Ich denke, das ist eine einmalige Gelegenheit für die Türken hier in Berlin, die Nationalmannschaft live zu erleben. Das wird ein Heimspiel für die Türkei."

Erste große Liebe gegen zweite große Liebe

Bild eines Betreuers von Türkiyemspor im Berliner Jahnstadion (Foto: Lydia Leipert)

Türkiyemspor spielt im Berliner Jahnstadion

Kaan selbst hat kein Ticket ergattert und will das Spiel mit Freunden in einem Café schauen. Kaan spielt in der B-Jugendmannschaft von Türkiyemspor, einem von mehreren türkischen Fußballklubs in Berlin und fiebert dem Spiel wie viele Deutschtürken entgegen. Das Stadion ist längst ausverkauft. Nur ein paar Jungs von der B-Jugend haben noch Tickets ergattert. Inzwischen werden die Karten auf dem Schwarzmarkt mit weit über 100 Euro gehandelt. Yunus Durmaz, der Jugendtorwart, hat keine Karte und will das Spiel ebenfalls mit Freunden gucken. Schließlich ist es ja ein ganz besonderes Spiel: "Meine erste große Liebe gegen meine zweite große Liebe." Die erste Liebe sei die Türkei, "wegen Heimat und so". Die zweite sei Deutschland, weil er hier aufgewachsen sei. "Ich hoffe, dass die Türkei gewinnt. Aber wenn Deutschland gewinnt, wäre es auch nicht so schlimm."

Seit 1978 gibt es den Fußballclubs. In den 1980er Jahren stand die 1. Mannschaft von Türkiyemspor mehrmals vor dem Aufstieg in die zweite Bundesliga, ganz gereicht hat es aber nie. Heute spielt der Verein in der Regionalliga Nord. Auch die B-Jugend ist in diesem Jahr in die Regionalliga aufgestiegen. Evran Emre ist vor kurzem aus einer anderen Jugendmannschaft zu Türkiyemspor gewechselt. In einer türkischen Mannschaft sei die Atmosphäre eben anders, sagt er. "Und ich kenne hier auch einige Jungs aus der Schule, ganz ordentliche Jungs."

Mesut Özil beim WM-Spiel der deutschen Elf gegen England (Foto: AP)

Deutschtürke, der für Deutschland spielt: Mesut Özil

Trainingssprache Deutsch

Die Jungen haben sich umgezogen und kommen nach und nach aus der Kabine. Zweimal die Woche abends um 19.30 Uhr trainiert die B-Jugend von Türkiyemspor im Scheinwerferlicht auf einem Kunstrasenplatz in Berlin-Kreuzberg. Rund 200.000 Türken oder türkischstämmige Deutsche leben in Berlin. Bei Türkiyemspor sind nicht alle, aber die meisten Spieler türkischstämmig. Auf dem Platz wird trotzdem Deutsch gesprochen, auch weil die meisten einfach sicherer sind im Deutschen. "Das Türkische können wir schon sprechen, aber grob und nicht unbedingt richtig."

Auch wenn viele Deutschtürken nie in der Türkei gelebt haben, bei Welt- und Europameisterschaften sind oft ganze Straßenzüge in Berlin mit dem Halbmond und Stern der Türkei beflaggt. Ein Spiel Deutschland gegen Türkei ist in Berlin deshalb ein ganz besonderes Ereignis. Bei der Europameisterschaft 2008 standen sich beide Mannschaften im Halbfinale gegenüber. Mancher Kommentator warnte damals vor Randale türkischer Fans, wenn Deutschland gewinnen, oder von deutschen Rechtsradikalen, wenn die Türkei siegen sollte. Am Ende gewann Deutschland und alles blieb friedlich. Und so soll es auch diesmal sein, hofft der Torwart Yunus, auch wenn er nicht ganz darauf vertrauen will. "Wenn Emotionen im Spiel sind, ist es ja auch normal, dass es Auseinandersetzungen gibt. Aber ich hoffe, dass keiner verletzt wird und es nur bei mündlichen Auseinandersetzungen bleibt."

Nuri Sahin jubelt mit einem Dortmunder Mitspieler über ein Tor (Foto: dpa)

Deutschtürke, der für die Türkei auflaufen wird: Nuri Sahin (l.)

Özil oder Sahin?

In der Bundesliga sind türkische Nachwuchs- und Profispieler längst Normalität. Nuri Sahin, Profi bei Borussia Dortmund, spielt für die türkische Nationalmannschaft, während Mesut Özil, früher bei Werder Bremen, jetzt bei Real Madrid unter Vertrag, bei der Weltmeisterschaft in Südafrika zum Star der deutschen Mannschaft geworden ist. Yusuf Kova ist einer der jungen Türkiyemspor-Spieler, die im Stadion sein werden. Er wird beide Fußball-Stars aufeinandertreffen sehen. "Eigentlich finde ich schon, dass jeder Spieler für sein Vaterland spielen sollte", findet er. "Aber da Özil kein Angebot von der türkischen Nationalmannschaft hatte, ist es in Ordnung, dass er sich für die deutsche entschieden hat." Sollte er selbst einmal Profifußballer werden, ist er sich jedenfalls sicher, dass er nur dann für Deutschland spielen würde, wenn er kein Angebot von der Türkei bekäme.

Am Freitag im Stadion wird Yusuf auf jeden Fall mit der türkischen Mannschaft mitfiebern. Und er ist überzeugt, dass sie es schaffen kann. Denn wenn man ihn fragt, was die Türken besser können, als die Deutschen muss er keinen Moment lang überlegen: "Kämpfen!"

Autor: Mathias Bölinger
Redaktion: Stefan Nestler

Hinweis: DW-Radio überträgt das EM-Qualifikationsspiel Deutschland gegen Türkei am Freitag (08.10.2020) live. Die Sondersendung beginnt um 20.30 Uhr MESZ.

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