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Aktuell Deutschland

Deutschland gedenkt der Opfer des Neonazi-Terrors

In Berlin haben bei einem Staatsakt rund 1200 Gäste der Opfer der im November aufgedeckten Mordserie der rechtsextremen Terrorgruppe gedacht. Ins Konzerthaus am Gendarmenmarkt kamen auch zahlreiche Angehörige der Opfer.

Zwölf weiße Kerzen, hineingetragen von Schülern verschiedener Berliner Schulen. Ein Licht der Erinnerung - symbolisch für jedes der zehn Opfer der Thüringer Nazi-Terrorgruppe. Zudem eine Kerze für alle Opfer rechtsextremistischen Terrors. Die zwölfte Kerze wurde für die Hoffnung entzündet, dass sich solche Taten nie wiederholen würden.

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Gedenken an Opfer der Neo-Nazi-Mordserie

Sehr ergreifend begann die Trauerfeier zum Gedenken an die Toten im Konzerthaus am Gendarmenmarkt. "Kerzen für Menschen, deren Leben ausgelöscht wurde, durch kaltblütigen Mord", mit diesen Worten begann Bundeskanzlerin Angela Merkel ihre Rede. Sie sprach anstelle des zurückgetretenen Bundespräsidenten Christian Wulff, der noch als Staatsoberhaupt zu der Gedenkveranstaltung eingeladen hatte.

Jedes einzelne Opfer stellte die Regierungschefin vor. Ob der Blumenverkäufer, Lebensmittelhändler, Imbissbesitzer oder Kioskbetreiber - Angela Merkel erinnerte mit sehr persönlichen Worten an die neun Männer mit türkischen und griechischen Wurzeln sowie die Polizistin, die wahrscheinlich von der sogenannten Zwickauer Terrorzelle erschossen wurden.

Merkel bekräftigte, es werde alles getan, um die Morde und Hintergründe der Taten vollständig aufzuklären. Sie unterstrich, man werde entschieden gegen diejenigen vorgehen, die Menschen wegen ihrer Herkunft und Hautfarbe diskriminierten. Die Morde der Terrorgruppe "Nationalsozialistischer Untergrund" - NSU - seien auch ein Anschlag auf Deutschland gewesen.

Merkel entschuldigte sich auch bei den Angehörigen für falsche Verdächtigungen seitens der Ermittlungsbehörden. In einigen Fällen wurden Familienmitglieder verdächtigt, an den Ermordungen beteiligt gewesen zu sein. "Dafür bitte ich um Verzeihung", sagte die Kanzlerin. Die Jahre vor der Aufklärung müssten ein "nicht enden wollender Alptraum" gewesen sein.

Auch drei Angehörige der Opfer der Mordserie ergriffen das Wort: Zunächst trat der Vater eines Opfers ans Rednerpult. Auf Türkisch dankte er für die Trauerfeier und erinnerte an seinen Sohn, der 2006 in einem Internet-Café erschossen wurde.

Ihm folgte Semiya Simsek mit einer sehr persönlichen Rede: "Hörst Du das? Die Glöckchen der Schäfchen." So erinnerte Semiya Simsek an eine Nacht in der Türkei, in der sie mit ihrem Vater dem Läuten der Schäfchen-Glöckchen lauschte. "Mein Vater war glücklich." Ein Jahr später im Sommer 2000 war Enver Simsek tot. Erschossen an einem Blumenstand am Straßenrand in Nürnberg.

Mein Vater wurde von Neonazis ermordet", stellte die heute 25-Jährige in ihrer Ansprache fest. Sie berichtete von den Verdächtigungen der Behörden. Selbst ihre Mutter sei unter Verdacht geraten, mit der Ermordung in Verbindung zu stehen. Nach der Aufklärung im letzten Herbst hätten sich ihr viele Fragen gestellt: "Bin ich in Deutschland noch Zuhause? Na klar bin ich das." Zudem fragte sich die junge Frau nach einer Lösung für ihre neue Angst und ihre Trauer. "Soll ich gehen? Das kann keine Lösung sein." Sie rief Politik, Justiz und Gesellschaft auf, gemeinsam zu handeln: "Meine Damen und Herren, wir alle gemeinsam, zusammen, nur das kann die Lösung sein."

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Neonazis mordeten unerkannt

Auch Gamze Kubasik erinnerte an ihren Vater mit einem kurzen Gedicht. Danach trugen die beiden jungen Frauen die Kerze der Hoffnung aus dem Saal und setzten sie auf eine Stele. Zum Abschluss der Trauerfeier zogen alle Gäste, darunter Vertreter von Regierung, Bundestag, Bundesrat und Verfassungsgericht, an dem Hoffnungs-Licht vorbei.

Bundesweite Gedenkminute

Bundesweit sind Millionen Menschen dem Aufruf von Gewerkschaften und Arbeitgebern gefolgt und haben am Mittag mit einer Schweigeminute der Opfer der Terrorgruppe gedacht. In vielen Städten stand der öffentliche Nahverkehr still. In Behörden und Betrieben ließen die Beschäftigten die Arbeit kurz ruhen. Auf einigen Radio- und TV-Kanälen herrschte für eine  Minute Funkstille. Für die  Bundesbehörden in Berlin und Bonn war Trauerbeflaggung angeordnet worden..

li/je/wl (dpa, epd)

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