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Sport

Deutschland enttäuscht - Türkei jubelt

Die Abwehr ein Torso, das Mittelfeld ohne Ideen, der Angriff nicht vorhanden: Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft hat acht Monate vor der WM gegen die Türkei einen Offenbarungseid geleistet.

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Lukas Podolski (r.) kämpft gegen den Türken Ümit Özat

So sauer und laut war Jürgen Klinsmann noch nie, aber vom Titelgewinn als WM-Ziel will er trotz der erneuten Ernüchterung und des aufkommenden Gegenwindes aus der Bundesliga nicht abweichen. Als der Bundestrainer nach dem entlarvenden 1:2 (0:1) in der Türkei am Sonntag (9.10.2005) das Charter-Flugzeug nach Hamburg bestieg, wo am Mittwoch die Wiedergutmachung gegen China ansteht, hatte der Daueroptimist erstmals seit seinem Amtsantritt sein Lächeln verloren. Zumal er vor dem Abflug auch noch Kapitän Michael Ballack endgültig für das China-Spiel streichen musste.

"Das war gar nichts", wetterte Klinsmann mit geballter "Faust in der Tasche" über die desaströse erste Spielhälfte von Istanbul. Das Personal hatte fast geschlossen die Vorgaben seines Chefs ignoriert und war nur durch die Großzügigkeit der Gastgeber einer größeren Blamage entgangen. "Da platzt einem schon mal ein bisschen der Kragen", verriet Klinsmann. In der Pause hatte der Bundestrainer seinem Ärger lautstark Luft gemacht, nach der zweiten Auswärtspleite nacheinander diskutierte die sportliche Leitung im Teamquartier "Ciragan Palace" bis nachts um halb drei die Ursachen für den erschreckenden Auftritt am Bosporus. "Natürlich macht man sich viele Gedanken", berichtete Klinsmann am Sonntag. "Ratlos waren wir nicht - aber sauer", beschrieb Assistent Joachim Löw die Stimmungslage.

Kahn rätselt

Die Verantwortlichen berieten besonders darüber, warum es trotz einer intensiven Auswertung so viele negative Parallelen zum 0:2 vor einem Monat in der Slowakei gab. "Ich weiß nicht, wovor wir Angst hatten", rätselte auch Kapitän Oliver Kahn über die alarmierenden Fehlleistungen seiner Vorderleute.

Acht Monate vor dem WM-Start wird immer deutlicher, dass Klinsmann besonders in der Schulung seiner Azubi-Abwehr die Zeit fehlt. In fremden Stadien ist die Selbstsicherheit völlig verloren gegangen. Gegen ihre Bundesliga-Kollegen Halil Altintop (Kaiserslautern) und Yildiray Bastürk (Hertha) waren Patrick Owomoyela und Lukas Sinkiewicz auch deshalb völlig überfordert, weil im Mittelfeld die Routiniers Torsten Frings und Bernd Schneider ihre Abwehrarbeit sträflich vernachlässigten. "Die erfahrenen Spieler haben keine oder wenig Verantwortung übernommen", kritisierte Löw. Klinsmann strafte Frings und Kevin Kuranyi mit der Auswechslung schon zur Pause ab.

Ballack fehlte

Dazu konnte Tim Borowski den Ausfall von Ballack nie kompensieren. "Michael hat an allen Ecken und Enden gefehlt", urteilte Kahn. Auch gegen China wird der von einer Grippe genesene Kapitän nicht dabei sein. Der Trainingsrückstand sei zu groß und es mache "keinen Sinn, etwas übers Knie zu brechen", erklärte Klinsmann.

"Wir hatten große Probleme in der Abstimmung im Mittelfeld sowie zwischen Mittelfeld und Abwehr. Bastürk konnte 30 Minuten machen, was er wollte", analysierte Klinsmann den spielentscheidenden Punkt. Dazu ließen die deutschen Spieler "Herz und Leidenschaft" vermissen, wie DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder kritisierte. Nur Lukas Podolski sowie nach der Pause Sebastian Deisler und Oliver Neuville, der in seinem 50. Länderspiel das späte 1:2 markierte, strahlten in Ansätzen jene Entschlossenheit aus, die Klinsmann eingefordert hatte. "Wir sind insgesamt zu ängstlich und lethargisch aufgetreten. Wir haben dann in der Kabine Tacheles geredet", erklärte Kahn, der sich trotz persönlich guter Form den motivierten Bundesliga-Kollegen Halil Altintop (25.) und Nuri Sahin (89.) geschlagen geben musste.

Klinsmann kündigte bereits wenige Stunden nach der Partie weitere Analysen an, "damit so etwas nicht wieder vorkommt". Er hält aber am hehren Ziel WM-Titel fest. "Das Ziel zu korrigieren wäre fatal. Dann würden wir der Mannschaft zeigen, dass wir nicht an sie glauben. Aber wir glauben an sie." Wichtig sei für den Lernprozess, "so einen Dämpfer aufzunehmen und zu verarbeiten", betonte der 41-Jährige.

Kritik

Der Bundestrainer muss sich auch verstärkt gegen Gegenwind aus der Bundesliga wehren. "Es beginnt so ein leichtes Murren, da muss er schleunigst das Gespräch suchen", warnte Franz Beckenbauer. Klinsmann werde langsam dahinter kommen, angebotene Hilfe anzunehmen. Der "Kaiser" verlangt jedoch auch von der Liga ein sofortiges Ende aller Diskussionen: "Was man jetzt am wenigsten braucht, ist, dass wir uns selbst das Leben schwer machen. Wenn jeder seinen Senf dazu gibt, ist das gefährlich." Klinsmann beobachtet die Situation noch gelassen: "Ich kann ein Murren in der Bundesliga überhaupt nicht ausmachen."

Wie schon nach der Pleite in der Slowakei muss die DFB-Elf wieder zu Hause den Schaden begrenzen. Kahn forderte für die Partie gegen Aufbaugegner China, bei der Miroslav Klose wieder dabei ist, eine "große Reaktion", auch um die Diskussion über die WM-Tauglichkeit einzudämmen. Die hatte in Istanbul als Erster "Fast-Bundestrainer" Christoph Daum verschärft: "So habe ich größte Bedenken für die Weltmeisterschaft 2006. Das waren in der ersten Halbzeit nur Einzelspieler, das war keine Mannschaft. Die Spieler finden keine Bindung untereinander und zum Gegner. Mit Begeisterung allein kann man auf Dauer keine Erfolge erzielen." (dpa)