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Sport

Deutschland einig Pferdeland

Kaum eine Nation begeistert sich so für Pferdesport wie Deutschland. Das hat positive Auswirkungen auf Spitzensport und Wirtschaft – die Tiere sammeln Medaillen und schaffen Arbeitsplätze.

Deutschland ist ein Pferdeland. Von weltweit etwa 60 Millionen Pferden und Ponys leben nach Schätzungen mehr als eine Million auf deutschem Boden. Die Pferdepopulation hat sich hierzulande allein in den vergangenen 40 Jahren vervierfacht. Genutzt und bewegt werden die Pferde von etwa 1,7 Millionen Reitern, Fahrern und Voltigierern. Rund 720.000 von ihnen sind Mitglied in der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN). Die FN ist weltweit der größte Pferdesport-Verband.

Andrea Rieger, Leiterin der Reitschule Gut Ettenhausen bei Bonn mit Pferd im Innenhof von Gut Ettenhausen, aufgenommen am 18.06.2013 (Foto: Sten-Ziemons/DW)

Andrea Rieger von der Reitschule Gut Ettenhausen

In deutschen Reitschulen können schon kleine Kinder Kontakt mit Pferden aufnehmen. "Wir beginnen ab fünf Jahren zunächst mit dem Voltigieren", erklärt Reitlehrerin Andrea Rieger von der Reitschule Gut Ettenhausen bei Bonn. "Das Reiten selber machen wir ab acht Jahren, weil die Kinder dann auch körperlich in der Lage sind, gewisse Sachen umzusetzen." Der Großteil der Kinder sei zwischen acht und 15 Jahre alt und mit Begeisterung bei der Sache.

Weltweit führend in Sport, Zucht und Ausbildung

Und was im Bereich Breiten- und Freizeitsport tagtäglich auf Gut Ettenhausen und zahllosen anderen deutschen Reiterhöfen passiert, hat letztlich auch Auswirkungen auf den Spitzensport. Seit Jahrzehnten gehören die deutschen Reiter zur Weltspitze. Allerdings: "Die Kinder müssen das Interesse am Wettkampfsport haben. Wir zwingen keinen da rein", sagt FN-Generalsekretär Soenke Lauterbach. Wenn dieses Interesse dann aber da sei, gebe es eine Art Leiter der Talententwicklung. "Das geht von den Kreisverbänden über die Landesverbände bis hin zum Bundesverband, wo jeweils die besten Talente herausgepickt und gezielt gefördert werden."

Sönke Lauterbach, Generalsekretär der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (Foto: Friso Gentsch/dpa)

FN-Generalsekretär Soenke Lauterbach

Das Ergebnis kann sich sehen lassen: "Wir sind seit einhundert Jahren die erfolgreichste Nation im weltweiten Pferdesport. Auch in der Zucht. Pferde aus unseren Züchtungen sind weltweit begehrt", sagt Lauterbach. Eine Behauptung, die er auch mit Zahlen belegen kann: So gewannen bei den vergangenen Weltreiterspielen in Lexington in den USA Pferde deutscher Abstammung 53 von 185 möglichen Medaillen. "Ein weiterer Punkt ist das Thema Ausbildung", ergänzt Lauterbach. "Die Ausbildung von Reitern und Pferden ist ebenfalls weltweit anerkannt. Deswegen sind wir auch so erfolgreich, weil wir ein tolles, nachhaltiges, fundiertes Ausbildungssystem haben."

Wirtschaftsfaktor Pferd

Und nicht nur auf die Medaillenbilanz des deutschen Sports hat die Pferdesportbegeisterung einen positiven Effekt. Wer seinen Gaul liebt, der zahlt - so lautet eine goldene Regel. Im Laufe der Jahre hat sich so rund um den Pferdesport und die Pferdezucht ein starker Wirtschaftszweig entwickelt. In Deutschland sichern drei bis vier Pferde einen Arbeitsplatz. Insgesamt verdienen rund 300.000 Menschen hierzulande ihren Lebensunterhalt mit dem Pferdesport. Etwa 10.000 Firmen bieten ausschließlich Dienstleistungen und Produkte für Pferde und Reiter an - zum Beispiel auf der Equitana in Essen, der weltweit größten Messe für Pferdesport mit über 800 Ausstellern aus mehr als 30 Ländern.

###Equitana Weltmesse des Pferdesports 2013 / Blick in die Messehalle von oben (Foto: dpa)

Alles für Pferd und Reiter - die Equitana in Essen, Weltmesse des Pferdesports

Hier gibt es fast nichts, das es nicht gibt, um das Leben für und mit dem Pferd so angenehm und schön wie nur möglich zu machen. Neben normaler Ausrüstung wie Reitkleidung, Bürsten, Zaumzeug und Sätteln, werden dort auch ganze Zaunanlagen, Aquatrainer und Futterautomaten angeboten - und auch gekauft. "Der gesamte Sektor Pferd hat einen Beitrag von ungefähr fünf Milliarden Euro zum Bruttosozialprodukt in Deutschland", erklärt Soenke Lauterbach und zieht einen Vergleich. "Die Musikindustrie hat nur noch einen Anteil von knapp zwei Milliarden Euro - da sieht man, dass das Pferd schon eine Bedeutung hat." Rund die Hälfte der fünf Milliarden geben dabei die Hobby- und Profi-Reiter für ihren Sport aus.

Geringere Kosten, regelmäßige Reitstunden

Unter anderem in den Reitschulen. "Wir versuchen unsere Preise relativ niedrig zu halten, damit es sich wirklich jeder leisten kann zu reiten. Ich möchte keinen Unterschied machen: Der hat Geld, der hat kein Geld", sagt Andrea Rieger, räumt aber ein: "Wenn man sich ein eigenes Pferd anschaffen möchte, kommt man natürlich schon auf sehr hohe Kosten: Boxenmiete, Tierarzt, Hufschmied und so weiter. Das wird dann schon relativ teuer."

Eine Reiterin spritzt ein Pferd mit dem Wasserschlauch ab (Foto: Ingo Wagner dpa/lni)

Viele Hobbyreiter nutzen eine Reitbeteiligung, um regelmäßig reiten zu können

Doch auch hier gibt es bezahlbare Modelle, zum Beispiel eine Reitbeteiligung: Der Hobbyreiter zahlt einen festen monatlichen Betrag an den Reitstall und hat im Gegenzug regelmäßig Zugriff auf "sein" Pferd. Es kostet ihn aber viel weniger als ein eigenes. In der Regel liegen die Preise zwischen 50 und 100 Euro im Monat. Oft ist dabei sogar noch Reitunterricht inbegriffen. Der Vorteil für den Pferdebesitzer: Er verdient damit Geld, und das Tier wird von zusätzlichen helfenden Händen regelmäßig gepflegt und bewegt. Das Modell der Reitbeteiligung wird in Deutschland stark genutzt und trägt auch in der Reitschule Ettenhausen zum Erfolg bei.

Mehr Jungs in die Sättel!

Trotzdem - an einer Stelle gibt es doch noch Entwicklungsbedarf: Es kommen zu wenige Jungen in die Reitstunde. Besonders in der Altersgruppe der Acht- bis Dreißigjährigen sind die Reiterinnen deutlich in der Überzahl. "Die Jungenquote ist sehr gering", sagt Andrea Rieger. "Die Jungs fühlen sich meistens in dieser Frauendomäne nicht ganz so wohl, auch wenn sie vielleicht den Reitsport gerne machen. Aber auch in der Schule heißt es dann oft: 'Was, du reitest? Das ist doch ein Mädchensport!' Das ist eigentlich schade."

Gleicher Meinung ist auch Soenke Lauterbach. In anderen Ländern, zum Beispiel in Asien oder Südamerika, ritten genauso viele Männer wie Frauen. "Reiten hat hier, anders als bei uns, eher das Image des Abenteuerlichen." Und ein schlagendes Argument für Jungen, sich auch über das Grundschulalter hinaus für Pferdesport zu begeistern, hat Lauterbach auch: "Mit 14 oder 15 der einzige Junge unter fünf, sechs, sieben Mädchen im Stall zu sein – das ist doch super."

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