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Europa

Deutschland als europäischer Zuchtmeister?

In der Finanzkrise werden Stimmen laut, die sich eine neue Rolle Deutschlands in der EU wünschen. Deutschland könnte diese Rolle übernehmen, doch nur mit dem richtigen Ton, wie Christoph Hasselbach kommentiert.

Symbolbild mit dem Schriftzug Kommentar

Jahrzehntelang hat sich die deutsche Europapolitik eine große Zurückhaltung auferlegt. Es galt die Devise, man wolle auf keinen Fall ein deutsches Europa, sondern ein europäisches Deutschland. Auch nur der leiseste Eindruck eines Hegemonialstrebens und damit Erinnerungen an die Geschichte sollten aus gutem Grund vermieden werden. Nationale Interessen wurden notfalls hintangestellt, um den "europäischen Geist" nicht zu gefährden. Und auch mit der Rolle des Zahlmeisters hatten die Deutschen lange kein Problem.

Deutschland als Zuchtmeister?

Angela Merkel (Foto: Daniel Kopatsch/dapd)

Kann Deutschland führen, ohne zu bevormunden?

Mit der Euro-Krise ändert sich das gerade - ebenso schnell wie radikal. Würden sich nur alle so verhalten wie die Deutschen, hätten wir die Probleme mit dem Euro nicht, ist der vorherrschende Eindruck in der deutschen Öffentlichkeit. Hätten doch alle so solide gewirtschaftet, fleißig gearbeitet und dafür vergleichsweise geringe Löhne verlangt! Und jetzt, so der Eindruck, sollen die Deutschen all die Schlendrian-Länder auch noch retten!

Natürlich ist das alles nicht so einfach. Deutschland hat einen erheblichen Beitrag zu der Misere geleistet. Aber ein Großteil der deutschen Öffentlichkeit und zahlreiche Medien drängen die deutsche Politik im Moment dazu, eine neue Rolle in Europa zu übernehmen: die des Zuchtmeisters. Hinter vorgehaltener Hand haben sogar Vertreter anderer, ebenso solider Staaten gesagt, dass sie sich das wünschen. Sie selbst trauen sich entweder nicht oder bringen einfach zu wenig Gewicht in die Waagschale, um sich auf europäischer Bühne durchzusetzen.

Der goldene Mittelweg

Christoph Hasselbach (Foto: DW)

Christoph Hasselbach berichtet aus Brüssel

Sollte also Deutschland eine neue Rolle in Europa übernehmen? Es kommt wohl vor allem auf den Ton an. Wird die Rolle als positive Führungsrolle wahrgenommen, die Deutschland durch sein Gewicht und bestätigt durch seine guten Wirtschaftdaten quasi auf natürlichem Wege zuwächst, ist dagegen nichts einzuwenden. Dann wäre es sogar unverantwortlich, sie abzulehnen. Die Angst, sich unbeliebt zu machen, darf kein Grund sein, das Richtige einzufordern.

Vor allem Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sich in Brüssel allerdings einen deutlich schulmeisterlichen Ton angewöhnt. Mit dieser Haltung wird Deutschland als bevormundend empfunden und entsprechend abgelehnt. Der Grat zwischen diesen beiden Seiten ist oft schmal. Aber die Wirkung ist entscheidend bei der Frage, ob Deutschland seinen Einfluss für Europa und damit für sich selbst nutzen kann.

Autor: Christoph Hasselbach
Redaktion: Julia Kuckelkorn