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Kultur

Deutsches Kino - der Blick von außen

"Good Bye, Fassbinder!" nennt Pierre Gras seine deutsche Filmgeschichte der letzten 25 Jahre. Der Blick von Frankreich nach Deutschland eröffnet überraschende Perspektiven. Ein Buch, das provoziert.

Es musste erst einmal ein Franzose kommen, um die jüngere deutsche Filmgeschichte kompakt und komprimiert in Buchform darzulegen. So geschehen im Fall des französischen Filmpublizisten Pierre Gras.

Gras, Jahrgang 1960, langjähriger Mitarbeiter der Cinémathèque française und Dozent für Film an der Sorbonne in Paris, hat sich in seinem jüngsten Buch dem deutschen Kino der letzten 25 Jahre zugewandt.

Das ist zunächst einmal eine kleine Sensation. Denn ein vergleichbares Buch aus der Feder eines Deutschen gibt es nicht. Bereits vor vier Jahren in Frankreich erschienen, wurde die deutsche Ausgabe vom Autor jetzt auf den neuesten Stand gebracht.

"Lola rennt" und "Good Bye, Lenin!" als Wegmarken

Gras beschränkt sich strikt auf die Regie-Generation, die in den 1990er Jahren und später begann. Rainer Werner Fassbinder, 1982 gestorben und der wohl auch im Ausland bekannteste deutsche Regisseur, verdankt das Buch lediglich seinen Titel. Es sind im Wesentlichen zwei Filme, die für Gras den Anfang einer neuen Ära im deutschen Kino nach Fassbinder markieren: Tom Tykwers "Lola rennt" (1998) und Wolfgang Beckers "Good Bye, Lenin!" (2003).

Deutschland Film Geschichte Filmszene Good Bye Lenin (Foto: l picture-alliance/dpa)

Großer Erfolg für das deutsche Kino: Daniel Brühl in "Good Bye, Lenin!"

Mitte der 1990er Jahre sei ausgerechnet "der Exportweltmeister Deutschland paradoxerweise vom Kinoweltmarkt nahezu verschwunden" konstatiert Gras verblüfft. Tykwer und Becker hätten das geändert. Dem ist nicht zu widersprechen, waren es vor allem diese beiden Filme, die dem deutschen Kino nach einer langen Durststrecke wieder zu künstlerischem und auch kommerziellem Erfolg verhalfen. Zudem riefen sie auch im Ausland in Erinnerung, dass da doch mal eine große Filmnation war.

Zwiespältiger Eindruck

Die 1994 in Berlin von Tykwer, Becker, dem Regisseur Dani Levy und dem Produzenten Stefan Arndt gegründete Produktions- und Verleih-Firma "X-Film Creative Pool" steht dann auch am Anfang von Gras' Untersuchung. Doch das Fazit, dass der französische Autor in der Folge zieht, fällt zwiespältig aus: Tykwer habe "als Filmemacher kein künstlerisches Werk geschaffen", "Good Bye, Lenin!" sei ein Einzelstück geblieben und Dani Levys Filme würden nur "oberflächlich modern" daherkommen. Der von X-Film mitproduzierte künstlerische Welterfolg "Das weiße Band" sei von den Berlinern ausschließlich "aus rein ökonomischen Erwägungen" auf den Weg gebracht worden. Das ist schon starker Tobak.

Den Hauptteil des Buches nehmen im Folgenden die Filmemacher ein, die man hierzulande gern unter dem Signet "Berliner Schule" zusammenfasst und die in Frankreich als "Nouvelle Vague Allemande" gefeiert wurden: Regisseure wie Christoph Hochhäusler und Christian Petzold, Thomas Arslan und Angela Schanelec. Ihnen attestiert Gras hohen künstlerischen Anspruch: "In Frankreich hat das klar wertende Etikett der 'Nouvelle Vague Allemande' bei aller Kritik am Begriff dazu geführt, dass sie als Filmbewegung von den Zuschauern wahrgenommen wird - sehr zum Vorteil der deutschen Filmemacher", schreibt der Franzose.

Schwerpunkt "Berliner Schule"

Gras beschreibt die Werke der Regisseure ausführlich, charakterisiert deren filmische Ästhetik. In Paris, Marseille und Lyon dürften einige der Filmemacher der "Berliner Schule" zumindest bei einem cineastisch geschulten Publikum bekannter und auch erfolgreicher sein als in ihrer eigenen Heimat. Offenbar übt der in diesen Filmen angewandte distanzierte Blick der Regisseure, deren Verzicht auf große Emotionen und Pathos auf der Leinwand, das strenge dramaturgische Konzept auf ein anspruchsvolles französisches Publikum einen besonderen Reiz aus.

Deutschland Film Regisseur Christian Petzold (Foto: ddp images/AP Photo/Hermann J. Knippertz)

Galt als einer der ersten Vertreter der sogenannten "Berliner Schule": Christian Petzold

Die Gewichtung, die Gras hier vornimmt, sagt aber möglicherweise mehr über ihren Autor aus als über die dargestellten Filme. Dass ausgerechnet in der traditionsreichen Kinonation Frankreich mit seinen großen Stars, seinen Kino-Millionenerfolgen, die ja auch stets viele Emotionen hervorrufen, die strenge deutsche Filmästhetik so hochgeschätzt wird, ist wohl auf die kulturellen Unterschiede beider Länder zurückführen. Das "Fremde" wirkt fern der vertrauten Heimat meist interessanter, faszinierender. Nichtsdestotrotz ist Gras´ Einschätzung des Kinos des Nachbarlandes natürlich legitim - es kann auch eine Perspektive auf das heimische Filmgeschehen eröffnen, die hier manchmal fehlt.

Leuchtfigur Romuald Karmakar

Im weiteren Teil des Buches gibt sich Gras nicht weniger meinungsfreudig. Dass der Franzose dem Werk des (hierzulande bei einem größeren Publikum weniger beachteten) Regisseur Romuald Karmakar sehr viel Platz einräumt, fällt auf. Karmakar ist sicher einer der interessantesten, weil kaum klar einzuordnenden Regiepersönlichkeiten einer mittleren Generation. Weniger fair hingegen fällt das Urteil von Gras im Falle von ihm weniger geschätzten Filmemachern aus. Dass beispielsweise ein Oskar Roehler in einen Topf mit Sönke Wortmann und Detlef Buck geworfen wird, erscheint äußerst fragwürdig und zeugt auch von wenig Sachkenntnis.

Biennale 2013 Venedig Romuald Karmakar (Foto: Ulrike Sommer/DW)

Arbeitet mit allen Filmformen und in allen Genres: Romuald Karmakar, hier bei der Biennale in Venedig 2013

Roehler, ein Kritiker der "Berliner Schule" urteilte einst: "Berliner Schule, das sind Filme, in denen nichts passiert, die von der französischen Kritik gefeiert werden und zwischen 5.000 und 10.000 Zuschauer haben." Da wirkt die Einschätzung des Roehlerschen Werkes von Gras wie ein übles Revanchefoul. Bezeichnend auch, dass Roehlers Meisterwerk "Die Unberühbare" überhaupt nicht erwähnt wird.

Erfreuliche Neuerscheinung

Pierre Gras bietet dem Leser mit seiner Filmgeschichte "Good Bye, Fassbinder!" insgesamt ein meinungsfreudiges und zudem provokantes Werk an. Man muss den Urteilen des Pariser Filmexperten nicht folgen.

Dass es aber ausgerechnet ein Franzose ist, der dem deutschen Publikum ein solches Buch vorlegt, ist bezeichnend. Und spricht wiederum für die cineastische Tradition in Frankreich. Offenbar ist dort das Interesse an der siebenten Kunst immer noch deutlich größer als in Deutschland.

Pierre Gras: "Good Bye, Fassbinder! - Der deutsche Kinofilm seit 1990", mit einem Vorwort des Leiters des Berlinale-Forums Christoph Terhechte, aus dem Französischen übersetzt und herausgegeben von Marcus Seibert, Alexander Verlag Berlin, 364 Seiten, ISBN 978-3-89581-343-6.

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