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Flüchtlinge

Deutsches Kinderhilfswerk fordert mehr Hilfe für vermisste Flüchtlingskinder

In Deutschland gelten über 5000 unbegleitete Flüchtlingskinder als vermisst. Betroffen sind vor allem besonders schutzlose Minderjährige, sagt Linda Zaiane vom Deutschen Kinderhilfswerk. Für sie könne man mehr tun.

DW: Frau Zaiane, einmal mehr hat das Kinderhilfswerk auf die hohe Zahl von verschwundenen Flüchtlingskindern aufmerksam gemacht. Warum dieser Aufruf gerade jetzt?

Linda Zaiane: Wir fragen das Bundeskriminalamt jedes Quartal nach den neuen Zahlen. Dabei fällt uns auf, dass bei den Kindern unter 13 Jahren die Zahl konstant steigt. Zudem ist es ein gesamteuropäisches Problem. Insgesamt gelten auf dem Gebiet der Europäischen Union 10.000 Flüchtlingskinder als vermisst. Die EU-Staaten scheinen dieser Situation machtlos gegenüberzustehen. Darum jetzt dieser Aufruf.

In Deutschland, hat das Kinderhilfswerk nun informiert, gelten 945 Kinder unter 13 Jahren und 5502 Jugendliche zwischen 14 und 17 Jahren als vermisst. Wie erklären Sie sich diese Zahl?

Wir haben nicht genügend Informationen, um zuverlässige Aussagen machen zu können. Es gibt aber einige regelmäßig wiederkehrende Erklärungen. So ist ein Teil der Kinder weiter in andere europäische Länder gereist, in denen sie Freunde und Familie haben. Andere Kinder sind mehrfach registriert, etwa aufgrund unterschiedlicher Schreibweisen ihres Namens. Aber diese Fälle decken nicht sämtliche Flüchtlinge ab. Ein Teil der Vermissten, so unsere Befürchtung, ist Kriminellen in die Hand gefallen. Es gibt dazu aber keine zuverlässigen Zahlen. Einige vermisste Flüchtlingskinder sind ja wieder aufgetaucht. Sie berichten von Drogenhandel. Andere von sexuellem Missbrauch, teils auch von Menschenhandel. Aber nochmal: Eindeutige Zahlen liegen nicht vor.

Sind die vermissten Kinder allesamt in Deutschland verschwunden?

Die Kinder, von denen wir sprechen, wurden allesamt bei der Einreise nach Deutschland registriert. Es gibt allerdings auch Kinder, die gar nicht erfasst werden, die sich nicht registrieren lassen und durch das System fallen. Insofern gibt es auch noch eine gewisse Dunkelziffer. Die Zahl der tatsächlich vermissten Kinder dürfte also noch höher sein.

Wie ließe sich die Sicherheit der Flüchtlingskinder verbessern?

Linda Zaiane Referentin am Deutschen Kinderhilfswerk. (Deutsches Kinderhilfswerk)

Linda Zaiane

Es gibt Studien, etwa aus Schweden. Dort hat man die Hintergründe des Verschwindens erforscht und kam zu einem Schluss: Je unsicherer die Situation für die Kinder ist, je schlechter sie geschützt werden, desto höher ist das Risiko, dass sie verschwinden. Wenn sie etwa keine Familie oder Verwandtschaft in Schweden, stattdessen aber in einem anderen Land haben, machen sie sich auf eigene Faust auf den Weg zu ihnen. Das zeigt unserer Einschätzung nach, dass die Staaten, in denen diese Kinder verschwinden, nicht genügend tun, um diesen bei der Suche nach ihren Verwandten zu helfen oder ihnen die legale Einreise in ein Land zu ermöglichen, um ihrer Familie nachzuziehen.

Wie gehen in Deutschland Ihrer Einschätzung nach die Institutionen mit dem Problem der vermissten Flüchtlingskinder um?

Unserer Einschätzung nach tun sie nicht genug. Darum ist auch die Aufklärungsquote so schlecht. Fragt man beim Bundeskriminalamt nach, erhält man zur Antwort, dass es keinen kriminellen Hintergrund für diese Fälle gebe. Die Behörde verweist auf den Umstand der Mehrfachregistrierung und der Weiterreise ohne vorherige Abmeldung. Das zeigt unserer Auffassung nach, dass das Thema nicht wirklich ernst genommen wird. Auch die Kooperation auf gesamteuropäischer Ebene wird nicht forciert.

Was ließe sich denn aus Ihrer Sicht gegen das Problem tun?

Die grenzübergreifende Kooperation der Polizeibehörden sollte verbessert werden. Es sollte zudem ein zentrales Erfassungssystem und auf der Ebene von Europol einen Sonderbeauftragten für vermisste Flüchtlingskinder geben. Er sollte mit den EU-Mitgliedsstaaten zusammenarbeiten und sie dabei unterstützen, diese Kinder wiederzufinden. Zum anderen sollten die nationalen und grenzübergreifenden Schutzsysteme verbessert werden. So ließe sich das Risiko, dass Kinder verschwinden, reduzieren. Es gibt in Europa die kostenlose Hotline 116000. Dort können Eltern und Familien 24 Stunden am Tag Vermisstenmeldungen abgeben. Bürger können Hinweise geben, Vermisste können unter dieser Nummer um Hilfe bitten.  

Linda Zaiane ist Referentin für Kinderrechte beim Deutschen Kinderhilfswerk.

Das Interview führte Kersten Knipp. 

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