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Wirtschaft

Deutsches Handwerk weltweit gefragt

Dass deutsche Handwerker nur lokal tätig sind - das war gestern. Längst verkaufen mittelständische Betriebe ihre Waren und Dienstleistungen ins Ausland, wie der bayerische Innenausbauer Reisinger.

Mitarbeiter beim Aufbau einer verschiebaren Wand (Foto: Reisinger)

Mit verschiebbaren Wänden auf Erfolgskurs

Wenn es im Winter schneit - und das ist in Ostbayern ja keine Seltenheit - dann ist es recht mühsam zur Firma Reisinger nach Reichenbach zu kommen. Denn die schmale Strasse, die dann rutschig und glatt ist, führt steil hinauf auf das rund 40.000 Quadratmeter große Betriebsgelände. Doch die Räumfahrzeuge des 1.200-Einwohner zählenden Ortes sind sofort zur Stelle: diese Zufahrtsstrasse wird als erste freigeschaufelt. Schließlich ist Reisinger für die Gemeinde ein wichtiges, weil sehr erfolgreiches Unternehmen, das zudem mit zahlreichen kleineren Betrieben in der Region zusammen arbeitet.

Ein Millionenauftrag aus Nigeria

Lagerhalle der Firma Reisinger (Foto: DW)

Für jeden Auftrag alles auf Lager

Angefangen habe alles vor rund 20 Jahren mit drei Mitarbeitern in einem gemieteten Büro, erzählt Schreinermeister Gerhard Reisinger. Eine kleine Garage sei damals das Lager gewesen. Heute gibt es zwei Lager, die wesentlich größer sind, und die Mitarbeiterzahl ist auch mittlerweile auf 25 angewachsen. 22 von ihnen, so Reisinger, habe er selbst ausgebildet: "Wir übernehmen alle Lehrlinge, weil das für unser Unternehmen die Facharbeiter der Zukunft sind." Der Betrieb hat sich auf den Innenausbau beispielsweise von Hallen, Schwimmbädern, Arztpraxen und kleineren Wohn- und Geschäftsräumen spezialisiert. Heute ist der in seiner Heimat sehr sozial engagierte Unternehmer, der ursprünglich einmal Pfarrer werden wollte, weit über Deutschlands Grenzen hinaus tätig.

Schreiner, Schlosser, Maler und Anstreicher – aus zahlreichen Berufen setzt sich Reisingers Mitarbeiterteam zusammen. Die Handwerker arbeiten mit Holz, Metall, Glas, Textilien oder anderen Materialien – eben ganz nach den Wünschen der Kunden. Und wenn die Auftragslage es erfordere, so Gerhard Reisinger, seien sie auch für einen Einsatz im Ausland bereit.

Ein erster Millionenauftrag für den Betrieb kam 2003 aus Nigeria. In dem afrikanischen Land baute das Unternehmen die Europäische Botschaft und die Banketthalle des nigerianischen Staatspräsidenten aus. Ein paar Jahre später folgten exklusive Wohnhausausbauten in England.

Das Internet brachte die Kontakte

Als erster ostbayerischer Hanwerksbetrieb hat Reisinger 1998 seine Dienste im Internet angeboten: "Viele der Kollegen haben gedacht," erzählt Reisiger, "der ist völlig verrückt, was will der denn da?" Doch dann seien die ersten Anfragen gekommen. Mittlerweile erhält Reisinger rund 70 Prozent aller Aufträge über das Internet.

Ob Kuba, Russland oder Bolivien, der Chef selbst ist weltweit unterwegs, um Aufträge an Land zu ziehen - die dann vielfach mit Partnern vor Ort durchgeführt werden. Auch auf internationalen Baumessen ist Reisinger vertreten. Der nächste Messebesuch steht im August an - in Istanbul. Der Exportanteil des Unternehmens beträgt mittlerweile rund zehn Prozent. Das ist viel für einen Handwerksbetrieb. Das wurde auch prompt vom Freistaat gewürdigt: 2009 erhielt Reisinger den bayerischen Exportpreis.

Schreinermeister Gerhard Reisinger (Foto: Reisinger)

Unternehmer und Berater Gerhard Reisinger

Und auch mit Patenten kann die Firma aufwarten: "Easy Wall" heißt eine leichte und schnell zu montierende Trennwand für Büros und Krankenhäuser, die die Firma auf den Markt gebracht hat: "Wir haben Patente im Schallschutz, Patente für Bürotrennwände und für Schallschutzkabinen für Hörgeräteakustiker", sagt Reisinger. Der Erfolg hat ihn in den letzten Jahren auch zum Berater anderer Unternehmer gemacht: "Weil wir so gut sind, haben mich viele meiner Kollegen gefragt, möchtest du uns nicht beraten? Und dann kam auch die Firma Reisinger Consulting hinzu."

Gütesiegel "made in Bavaria"

Knapp 40 Kilometer liegt Reichenbach entfernt von der tschechischen Grenze. Die vor Jahren immer wieder viel zitierte Angst deutscher Betriebe vor der EU-Osterweiterung kann Gerhard Reisinger bis heute nicht nachvollziehen. Der gute Ruf des deutschen Handwerks, davon ist der 47jährige überzeugt, eile den Aufträgen voraus: "Heute ist das so, dass mehr ostbayerische Firmen in Böhmen oder in der ganzen Tschechei arbeiten als tschechische Firmen bei uns." Denn auch die Tschechen, davon ist Reisinger überzeugt, seien darauf gekommen, dass deutsche Handwerksqualität eben doch noch besser sei als ihre eigene.

Mit der Qualität nimmt es der Schreinermeister im Übrigen sehr genau. Auf den Visitenkarten seiner Firma ist zu lesen: "Wir stehen für kreative Qualität". Auf der Rückseite dann - genauso wie es sich für ein international arbeitendes Unternehmen geziemt - in englischer Sprache: "Creative solution made in Bavaria". Bavaria? Warum nicht Germany? "Das hat seinen Grund", erklärt Gerhard Reisinger, "weil Bayern eben weltweit bekannt ist", sagt er verschmitzt. "Da ist das Oktoberfest, der Fußballverein Bayern München, da ist Franz Beckenbauer, der Autobauer BMW - alles kommt aus Bayern!" Und das sei doch wohl ein Gütesiegel, fügt er hinzu.

Autorin: Monika Lohmüller

Redaktion: Rolf Wenkel