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Kultur

Deutsches Evangelisches Chorfest lockt Tausende

Zum ersten Mal trafen sich mehrere tausend Menschen zum Deutschen Chorfest in Leipzig. Gibt es eine neue Lust am Singen?

"So, das machen wir jetzt nochmal", ruft der Chorleiter in Richtung der Menschenmenge auf dem Leipziger Marktplatz. "Sie haben zwei Augen - das eine ist für die Noten, das andere für mich." Er hat am Samstag (28.06.2014) eine nicht alltägliche Aufgabe zu bewältigen: Von einer Bühne aus muss er einen Chor mit mehreren tausend Teilnehmern dirigieren - die Mehrzahl sind Laien. Es ist der Auftakt des Deutschen Evangelischen Chorfests. Die musikalische Veranstaltung ist etwas Besonderes: Es ist das erste Treffen gesamtdeutscher Kirchenchöre seit 1945. Die Wurzeln des Festes liegen im 19. Jahrhundert und seinen kirchlichen Gesangsfesten.

Erstes Evangelisches Chorfest in Leipzig 2014

Der sächsische Landesbischof Jochen Bohl begrüßt die Teilnehmer

Sänger aus mehr als 300 Chören sind aus ganz Deutschland nach Leipzig angereist, zu den bekannteren gehören zum Beispiel der Rostocker Motettenchor, die Stuttgarter Kantorei oder das Gospelkollektiv Berlin. Interessierte können klassischen Konzerten in Kirchen lauschen oder sich draußen beschallen lassen: Am Samstagabend singen zahlreiche Künstler auf Plätzen in der Innenstadt. Höhepunkt der Veranstaltung: Ein Abschieds-Gottesdienst im Stadion am Sonntag, zu dem auch der katholische Bischof des Bistums Dresden-Meißen, Heiner Koch, und die ehemalige EKD-Vorsitzende Margot Käßmann kommen werden. Der Kirchenmusiker und Komponist Ralf Grössler wurde dafür eigens mit der Komposition von zwei Musikstücken beauftragt.

Beliebtheit der kirchlichen Chöre nimmt ab

"Wir möchten die Sänger in Leipzig zusammenbringen, damit sie Neues kennenlernen und gemeinschaftlich die Kraft des Singens spüren", erklärt Christian Finke, Vorsitzender des Chorverbandes in der Evangelischen Kirche (EKD). "Wir haben nicht die Massen bekommen, die wir uns ursprünglich gewünscht haben - trotzdem spiegelt dieses Chorfest auch den Aufbruch des Chorsingens in Deutschland wider." Angemeldet haben sich rund 5000 Menschen und damit ein paar Tausend weniger als ursprünglich erwartet. Finke hofft auf einen Mitnahmeeffekt: "Denn die Menschen, die nach Leipzig kommen, bringen ihre Erfahrungen ja auch wieder mit in ihre Heimatgemeinden, wo es vielerorts eine neue und wachsende Kinder- und Jugendchorarbeit gibt."

Erstes Evangelisches Chorfest in Leipzig 2014

Teresa und ihre Freunde singen seit frühester Kindheit

Die jungen Sänger sind die Hoffnung des Chor-Experten, denn die klassischen Kirchenchöre verlieren stetig Mitglieder. Die beliebtere Alternative sind inzwischen Projektchöre: Anstatt über Monate und Jahre denselben Chor zu besuchen, probt man hier auf eine Aufführung hin und pausiert anschließend wieder. Trotz dieser Tendenz: Finke beobachtet eine neue Lust am Singen. "In den 1960er und 70er Jahren war ja Chorsingen eher verbrämt, es hatte den Ruf des Konservativen und des ewig Gestrigen - und das hat sich geändert", sagt er. "Die Menschen entdecken einfach ihre Stimme und das Gemeinschaftsgefühl von Chorsingen neu."

Singen als wichtiger Teil des Lebens

Erstes Evangelisches Chorfest in Leipzig 2014

Seniorin Elisabeth Buhrow: seit 50 Jahren im selben Chor

Das Gemeinschaftsgefühl ist auch das, was die 18-Jährige Teresa aus Leipzig am Chor begeistert. Gemeinsam mit ihren Freunden singt sie bereits seit der ersten Klasse, mit dem Kirchenchor besucht sie nun das Fest in ihrer Heimatstadt. "Man kann so mit seinen Freunden zusammen sein, außerdem macht Singen einfach Spaß", sagt sie. Zu den deutlich älteren Teilnehmern gehört Elisabeth Buhrow. Die 81-Jährige aus Bornheim bei Bonn singt seit rund 50 Jahren in ihrem Chor, davor viele Jahre in einer Kantorei. "Der Chor gehörte einfach immer zum Leben dazu", erzählt sie.

Im Laufe der Zeit hat sich einiges verändert, findet sie. "Ich mag am liebsten die Choräle von Schütz und Bach, aber das machen jetzt meistens die Profichöre." Zu Hause in Bornheim probt sie jede Woche, mehrmals im Jahr gibt es eine Aufführung. "Das ist das Schöne an den kleinen Chören, dass man da als älterer Mensch überhaupt noch mitsingen darf." In den größeren Chören werden ältere Sänger häufig aussortiert, weil die Stimme an Klarheit verliert. Für Buhrow eine erschreckende Vorstellung: "Wir singen sehr gerne und wollen unser Alter nicht ohne Singen verleben."

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