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Bücher

Deutsches Buch über Kommunismus sorgt für Aufruhr in den USA

Viele halten "Communism for Kids" für ein Kinderbuch, obwohl es keines ist. Die amerikanische Rechte läuft trotzdem Sturm und möchte das Werk verbieten lassen. Die Autorin muss eine Flut von Hasskommentaren ertragen.

2004 veröffentlichte Bini Adamczak beim Münsteraner "Unrast Verlag" das Buch "Kommunismus: Kleine Geschichte, wie endlich alles anders wird". Vorgestellt wurde der Band damals bei einem internationalen Kulturkongress in Frankfurt am Main, der unter dem Namen "Indeterminate! Kommunismus" lief und Philosophen aus aller Welt anzog, darunter den Slowenen Slavoj Žižek und Simon Critchley aus Großbritannien. Es ging darum, ob man den Kommunismus auch aus einer unorthodoxen Perspektive betrachten könne.

Sie habe das Buch so geschrieben, dass der Leser Lust auf eine andere Welt bekommen sollte, erklärt Adamczak der Deutschen Welle im Interview. "Diese Hoffnung ist vom autoritären Sozialismus enttäuscht worden, betäubt während des sogenannten 'Ende der Geschichte'", meint die Autorin, und bezieht sich dabei auf die These, es könne sich ein politisches, wirtschaftliches oder soziales System entwickeln, das zu einer endgültigen Regierungsform wird und damit die soziokulturelle Evolution der Menschheit beendet.

Buchcover Communism for Kids, von Bini Adamczak (2017 MIT PRESS)

Buchcover der US-amerikanischen Ausgabe

Die Tatsache, dass die Kulturstiftung des Bundes den Kongress finanziell unterstützte, wurde damals zwar kritisiert, doch das Buch fand außerhalb von Staatslehrekursen wenig Beachtung. Für den kleinen Verlag war das Buch ein Erfolg, aber Diskussionen über die Neu-Veröffentlichung hielten sich in Grenzen - lediglich einige autoritäre Marxisten-Leninisten störten sich an der Darstellung des Kommunismus, erinnert sich Adamczak.

In den US-Medien braut sich ein Sturm zusammen

Anders in den USA: Dort hat eine illustrierte Übersetzung ("Communism for Kids") einen Aufschrei der Empörung ausgelöst, vor allem aus der politisch rechten Ecke. In Publikationen wie "Breitbart", "The National Review" und "The American Conservative" erschienen erboste Artikel zur Veröffentlichung bei "MIT Press". Einige gehen so weit, ein Verkaufsverbot oder sogar die Verbrennung des Buches zu fordern. Dabei haben es die wenigsten tatsächlich gelesen; vielmehr stören sich die Autoren am Thema und an dem ironischen Titel: "Kommunismus für Kinder".

"Nichts hat sich geändert, egal wie sehr der MIT-Verlag und die Autorin den Leser überzeugen möchten, dass Adamczak (…) verstanden hat, wie man Kommunismus nicht anwendet", heißt es bei "The Daily Beast". "Die blutige Geschichte der Linken im 20. Jahrhundert mit ihren erbarmungslos repressiven Versuchen, den Kommunismus zu etablieren, war, dass der Traum nicht enden darf, egal wie viele Millionen mit ihrem Leben für solche Sturheit bezahlen müssen, bis die Kommunisten endlich alles richtig machen", heißt es weiter auf der US-amerikanischen Website für Nachrichten und Meinungen.

Ähnlich äußern sich User in den Sozialen Medien, in Kommentaren und sogar bei Amazon.com. Andere kritisieren den Titel als einen Versuch der "Indoktrination". Garry R. Smith, Abgeordneter in South Carolina, befindet, das Buch mache aus einer "tödlichen Ideologie ein Märchen".

Marc Lowenthal, Lektor bei "MIT Press", verteidigte das Buch in einem Beitrag auf der Internetseite des Verlags: "Ich glaube, dass man nirgendwo eine bessere Erklärung für Dinge wie Verdinglichung, Entfremdung, oder dafür was eine Finanzkrise auslöst, findet, als in diesem Buch." Und fügte hinzu: "Das Manuskript hat viel Humor und Charme. Ich denke, es unternimmt einen aufrichtigen Versuch, eine andere Perspektive auf die möglichen politischen und sozialen Verhältnisse der Zukunft zu geben - eine, die sich von den Dystopien, die die Menschen zurzeit eher beschäftigen, abgrenzt." 

Lowenthal betonte aufgrund der entstandenen Missverständnisse rund um den Buchtitel "Communism for Kids", dass "MIT Press" kein Verlag für Kinderbücher sei. "Wir führen dieses Buch unter der Kategorie 'Politik' nicht unter 'Kinderliteratur'", so der Lektor. "Die anscheinend weitverbreitete Annahme, wir würden Kinderbücher herausgeben, brachte mich zum Schmunzeln - vor allem, weil wir gerade dafür bekannt sind, wie akademisch anspruchsvoll unsere Bücher sind." 

Bini Adamczak kann über diese Debatte wohl eher nicht lachen. Seit der Veröffentlichung ihres Buches wird sie immer wieder zur Zielscheibe für Verleumdung und Hasskommentare, die teilweise auch vor antisemitischen Verschwörungstheorien nicht zurückschrecken. "Es überrascht mich, dass Menschen ängstlich auf ein Buch reagieren, das eigentlich darauf abzielt, ihnen die Angst zu nehmen", sagte die Autorin.

Verkaufszahlen bleiben trotz Aufschrei stabil

In einem Interview mit mit der Zeitschrift "Publisher's Weekly" erklärte die Pressesprecherin von "MIT Press", Amy Brand, dass sie nach der Veröffentlichung des Buchs zwar mit einer "ganzen Reihe von unterschiedlichen Reaktionen" gerechnet habe, jedoch "nicht in diesem Ausmaß und Tonfall".

"Publisher's Weekly" schrieb, die Debatte um das Buch offenbare die "polarisierende Macht von Ideen und Worten" und erinnere an eine "von den Sozialen Medien angeheizte Schwarm-Mentalität". Gleichzeitig verdeutliche sie die "Verantwortlichkeit bestimmter Berufsgruppen für den Schutz der Meinungsfreiheit", so die Zeitschrift. Es gab aber auch humoristische Kommentare, wie der hier von Sarah Broullette, Professorin für englische Literatur an der Carleton University und Autorin des Buchs: "Postcolonial Writers and the Globale Literary Marketplace" (2007).

Bisher scheint die Kontroverse um das Buch die Verkaufszahlen jedoch nicht beeinflusst zu haben. Im vergangenen Monat blieben sie konstant. Zunächst in einer kleinen Auflage erschienen, belegt die englischsprachige Ausgabe bei Amazon den zweiten Rang der Bestsellerliste in der Kategorie "Kommunismus und Sozialismus". Die meisten Abnehmer findet das Buch bei Großhändlern und Museen, was nicht unüblich ist für Werke, die in einem Universitätsverlag erscheinen.

"Die Autorin hatte mich vor der Veröffentlichung gefragt, ob Amerikaner aufgrund des Titels der englischen Ausgabe das Buch für ein Kinderbuch halten könnten und ich erwiderte, dass die Vorstellung, dass MIT Press ein Kinderbuch veröffentlicht, absurd sei", erklärte Lowenthal in seinem Beitrag auf der Verlags-Website. "In dieser Einschätzung habe ich mich offensichtlich gründlich geirrt."

ct (db/fs)

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