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Asien

Deutsche Zeugin der Kulturrevolution: "Die Situation war hoch politisiert"

Nur wenige Ausländer wurden Zeuge der Kulturrevolution in China. Die Sinologieprofessorin Susanne Weigelin-Schwiedrzik erlebte als Studentin in Peking das Ende der von Mao initiierten Massenkampagne.

Rote Garden marschieren während der Kulturrevolution auf (Foto: Jean Vincent/AFP/Getty Images)

Rote Garden mit Mao-Bibeln

Mit einer Reise zum Mond vergleicht Susanne Weigelin-Schwiedrzik ihren ersten Chinabesuch 1975. Es war ein Schritt in eine nahezu völlig unbekannte Welt. Das Land hatte sich unter Mao Tse-tung gegenüber dem Ausland weitgehend abgeschottet. Seit fast einem Jahrzehnt tobte die

Kulturrevolution

.

Bereits einige Jahre zuvor hatte die Kulturrevolution Eindruck auf die junge Frau gemacht. Während ihrer Schulzeit verbrachte sie Anfang der 1970er eine Zeit in den USA. Dort wurde gerade bekannt, dass die Regierung Nixon diplomatische Kontakte zur Führung in Peking aufgenommen hatte. Die US-Zeitungen waren voll von China und der so genannten Ping-Pong-Diplomatie. Auch über die Kulturrevolution wurde berichtet, jedoch sehr unterschiedlich. In manchen Zeitungen und innerhalb der Studentenbewegung galt die Kampagne als wegweisend. Eher konservative Zeitungen berichteten über unvorstellbare Grausamkeiten. "Das ist für mich die Initialzündung gewesen. Damals habe ich entschieden, ich will jetzt Chinesisch lernen, ich will nach China gehen, ich will mir das anschauen", erklärt Weigelin-Schwiedrzik ihre Motivation in die Volksrepublik zu gehen. "Da war die Frage: Welcher Seite kann ich vertrauen in den Berichten über die Kulturrevolution?"

Kulturrevolution – oder nicht?

Mit einem DAAD-Stipendium reiste Weigelin-Schwiedrzik, heute Sinologieprofessorin an der Universität Wien, im September 1975 nach China. Zunächst wurde die Gruppe aus 15 deutschen Studenten am Spracheninstitut in Peking untergebracht, wo hauptsächlich Ausländer studierten. Weigelin-Schwiedrzik wollte jedoch mehr Kontakt zu Einheimischen bekommen und konnte im Januar 1976 nach einem bestandenen Sprachtest an die Peking-Universität wechseln. "Dort hatte ich eine chinesische Mitbewohnerin", erzählt Weigelin-Schwiedrzik. "Es war dort damals üblich, dass ein Ausländer mit einem Chinesen zusammenwohnte."

Die

Studenten aus Deutschland

waren nicht in dem Bewusstsein nach China gekommen, mitten in der Kulturrevolution zu landen. Damals galt auch in China für viele die Massenkampagne als bereits beendet. Doch in Zeitungen und auf Wandzeitungen gab es zahlreiche Beiträge, die das Ende der Kulturrevolution bestritten, eine neue Kulturrevolution forderten oder darauf aufmerksam machten, dass die Revolution ein permanenter Vorgang ist. "Die Situation an der Peking-Universität war hoch politisiert", erinnert sich Weigelin-Schwiedrzik. "Es gab keinen Tag, an dem wir nicht ganz intensiv Zeitung gelesen hätten." Darüber habe es dann Diskussionen mit den chinesischen Kommilitonen gegeben. "Die chinesischen Studenten haben auch immer wieder Wandzeitungen geschrieben, allerdings nicht aus eigenem Antrieb. Es gab die Anweisung, jetzt schreiben alle Studenten über dieses Thema und jetzt über jenes Thema."

Vermeintlich Geständige werden zur Schau gestellt (Foto: picture-alliance/CPA Media)

Vermeintlich Geständige werden zur Schau gestellt

Vermeintliche Offenheit

Der Umgang mit den chinesischen Professoren und Kommilitonen wirkte auf Weigelin-Schwiedrzik zunächst offen. Später stellte sich das jedoch als nicht ganz richtig heraus. "Vor allem wenn wir mit den Lehrern redeten haben wir schnell gemerkt, dass wir vom Inhalt des Gesprächs keiner dritten Person erzählen durften", sagt Weigelin-Schwiedrzik. Dabei habe es gar nicht unbedingt um kritische Dinge gehen müssen. In einer Situation sei ihre Gruppe zu spät zum Unterricht gekommen, weil sie zuvor mit einem Professor intensiv über die Rolle der Wissenschaft für die Entwicklung eines Landes diskutiert hatte. In der nachfolgenden Stunde entschuldigten sich die ausländischen Studenten und erklärten, Grund für die Verspätung sei die Diskussion mit dem Professor gewesen. "Diese Lehrerin, die wir dort hatten, hat diesen Umstand an ihren Vorgesetzten gemeldet und der Professor wurde dadurch bestraft, dass er uns nicht mehr unterrichten durfte."

Im Studentenwohnheim bemerkte Weigelin-Schwiedrik, dass ihre chinesische Mitbewohnerin nachts häufig weinte. Auf die Frage, was sie denn so traurig mache, antwortete die Kommilitonin, sie habe Probleme mit dem Studium. Erst nach dem Ende der Kulturrevolution stellte sich der wahre Grund heraus: Die Mitbewohnerin erzählte, ihre Mutter sei verhungert und sie befürchte, dass auch ihr kleiner Bruder verhungert sei.

Maos Rolle, Maos Tod

Seit Jahren waren immer wieder unterschiedliche politische Kampagnen gestartet worden, die sich teilweise widersprachen. Doch das politische Chaos wurde weder der so genannten Viererbande, der linken Führungsgruppe, die maßgeblichen Einfluss auf die Kulturrevolution hatte, noch Mao Tse-tung angekreidet. "Die chinesischen Studenten und wir waren uns der Tatsache bewusst, dass es in der Führung der Kommunistischen Partei eine Auseinandersetzung gab und es nicht klar war, in welche Richtung es geht", sagt Weigelin-Schwiedrzik. "Aber genau in dieser Situation war das Einzige, von dem man meinte, dass man sich irgendwie darauf verlassen konnte, die Existenz von Mao Zedong." Abends war es üblich, die Nachrichten im Fernsehen zu schauen, in denen Mao immer wieder auftauchte und ausländische Staatsgäste empfing. Zu einem Personenkult um den "Großen Vorsitzenden" wurden die Ausländer nicht gezwungen. "Es war nicht so, dass wir irgendwelche Sachen sagen mussten, um uns dort irgendwie einzuschmeicheln", sagt die Professorin.

Landarbeit während der Kulturrevolution (Foto: STR/AFP/Getty Images)

Wer sich nicht anpassen wollte, wurde zur Umerziehung aufs Land verschickt

Am 9. September 1976 starb Mao Tse-tung. "Menschen, mit denen ich vorher durchaus auch kritisch über Mao geredet hatte, verfielen in tiefe Verzweiflung", erinnert sich Weigelin-Schwiedrzik. Die deutschen Studierenden bastelten einen Kranz, den sie in der Trauerhalle auf dem Campus ablegten. Kurz darauf erhielten sie eine Einladung in das Ausländerbüro der Universität. "Unser Mentor, von dem wir ansatzweise wussten, was ihm in der Kulturrevolution passiert war, versuchte sich zu bedanken und fing an zu weinen." Weigelin-Schwiedrzik ist sich sicher, dass die Tränen echt waren. "Die Verzweiflung darüber, dass es vorgeblich niemanden mehr gab, auf den man sich irgendwie verlassen konnte, war der Grund für seine Tränen."

Das Ende mit Chopin

Am 21. Oktober 1976 wurde die Viererbande verhaftet. Früh am Morgen dieses Tages wurden alle ausländischen Studierenden der Peking-Universität in Busse gesetzt und aufs Land gefahren. In einer Volkskommune viele Kilometer außerhalb von Peking wurden die jungen Leute abgesetzt und mussten dort ein Reisfeld abernten. Die Studenten wussten nichts von der Festnahme der Viererbande. Am Abend wurde die todmüde Gruppe wieder zurück zum Campus gefahren. "Als der Bus vor dem Gebäude in dem wir wohnten anhielt, hörten wir plötzlich Chopin aus den Lautsprechern und sahen, dass die Leute auf den Straßen tanzten", erinnert sich Weigelin-Schwiedrzik. "Es war eine riesige Partystimmung auf dem Campus." Die Kulturrevolution war zu Ende. Nach einem Jahrzehnt des Chaos, der Gewalt und der Unsicherheit atmeten die Menschen auf.

Nach zwei Jahren in Peking, 1977, verließ Weigelin-Schwiedrzik China. "Ich bin mit einer eindeutigen Antwort, ob die Kulturrevolution gut war oder nicht, nach Hause gekommen", sagt sie rückblickend. Ihr

Fazit

ist kritisch. "Die Tatsache, dass mir Freunde, Bekannte und Professoren nach dem Oktober 1976 in drastischsten Farben erzählt haben, wie die Menschen aufeinander los gegangen sind, hat meinen Blick auf die Kulturrevolution bis heute sehr stark geprägt."

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