Deutsche Wirtschaft verliert etwas an Tempo | Wirtschaft | DW | 15.05.2018
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Konjunktur

Deutsche Wirtschaft verliert etwas an Tempo

Geringere Staatsausgaben und rückläufige Exporte: Europas größte Volkswirtschaft drosselt ihr Wachstumstempo. Eine Delle oder Vorboten eines Abschwungs? Die Experten sind sich ziemlich einig.

Die deutsche Wirtschaft hat zum Jahresbeginn etwas an Schwung verloren. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) stieg im ersten Quartal 2018 um 0,3 Prozent gegenüber dem Vorquartal, wie das Statistische Bundesamt am Dienstag in Wiesbaden in einer ersten Schätzung mitteilte. Im vierten Quartal 2017 hatte sich die Wirtschaftsleistung noch um 0,6 Prozent erhöht, im dritten Vierteljahr um 0,7 Prozent.

Die Statistiker wiesen aber auch darauf hin, dass das BIP damit das 15. Mal in Folge gegenüber dem Vorquartal gestiegen sei. "Das ist die längste Aufschwungphase seit 1991."

Konsum, private Investitionen und Bauboom halten weiter an

Getragen wurde das Wachstum von der Konsumlust der Verbraucher, den Investitionen der Unternehmen in Maschinen und andere Ausrüstungen sowie dem Bauboom. Die Konsumausgaben des Staates waren dagegen erstmals seit knapp fünf Jahren rückläufig und dämpften das Wirtschaftswachstum. Zudem verlor der Außenhandel den Angaben zufolge an Dynamik, weil sowohl die Exporte als auch die Importe im Vergleich zum Vorquartal rückläufig waren.

Ökonomen hatten mit einer Delle gerechnet. Sie verwiesen unter anderem auf die Warnstreiks in der Metall- und Elektroindustrie, die Grippewelle und das kalte Wetter im März. Mit einem Ende des Aufschwungs rechnen Volkswirte von Banken und Wirtschaftsforschungsinstituten derzeit aber nicht.  "Wir betrachten die eher verhaltene wirtschaftliche Entwicklung zu Jahresbeginn als eine temporäre Wachstumsdelle und nicht als den Beginn einer längeren Wachstumsabschwächung", erklärten beispielsweise Allianz-Volkswirte.

Volkswirte bleiben optimistisch

"Es gibt keinen Grund, den Aufschwung kaputtzureden", sagte Alexander Krüger vom Bankhaus Lampe. Der Zuwachs sei zwar niedriger ausgefallen als in den Vorquartalen, er sei aber nicht wirklich niedrig. 

"Die deutsche Wirtschaft profitiert nach wie vor davon, dass gute Arbeitsmarktdaten und steigende Löhne die Binnennachfrage antreiben", sagte Gustav Horn, Direktor des gewerkschaftsnahen IMK-Instituts. Deshalb sei der Aufschwung weitaus unempfindlicher gegen weltwirtschaftliche Verwerfungen als noch vor zehn Jahren, "und wenn diese Stabilitätskräfte weiter wirken, sind wir optimistisch, dass er sich fortsetzt".

Bank-Analysten schätzen dies ähnlich ein: "Delle oder Abwärtstrend, das ist hier die Frage. Delle lautet unsere Antwort", sagte Andreas Scheuerle von der DekaBank. "Trotz politischen Störfeuers wie Zollandrohungen oder Sanktionen, sind die Rahmenbedingungen für die nähere Zukunft unverändert gut.

Video ansehen 02:26
Jetzt live
02:26 Min.

DW-Interview mit Isabel Schnabel, Sachverständigenrat für Wirtschaft

  

Bundesregierung setzt auf kräftiges Wachstum

Auch die Bundesregierung erwartet eine Fortsetzung des kräftigen Wirtschaftswachstums in Europas größter Volkswirtschaft. Für das laufende Jahr rechnete sie zuletzt mit einem Plus von 2,3 Prozent und für das kommende Jahr mit 2,1 Prozent. Im vergangenen Jahr war die Wirtschaft in Deutschland um 2,2 Prozent gewachsen. Es war das stärkste Plus seit sechs Jahren. 

Einen Grund zur Sorge sieht Bundesbank-Präsident Jens Weidmann allerdings in den schwelenden Handelskonflikten. "Hierin liegt tatsächlich ein Konjunkturrisiko - ja letztlich sogar ein Risiko für Wachstum und Wohlstand", sagte der Notenbankchef jüngst. Auch die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute sehen in den insbesondere von den USA angeheizten internationalen Handelskonflikten ein Risiko für die exportorientierte deutsche Wirtschaft.

USA schüren Risiken

Für Unsicherheit sorgte zuletzt auch die Aufkündigung des Atomabkommens mit dem Iran durch die USA. Wegen des US-Sanktionsrechts würden von den neuen Strafmaßnahmen auch deutsche Unternehmen getroffen werden, wenn diese zum Beispiel im Iran Geschäfte machen und zugleich in den USA auch tätig sind, warnte der Deutschen Industrie- und Handelskammertag.

Auch Wachstum in der Euro-Zone verlangsamt

Auch das Wirtschaftswachstum in der Euro-Zone hat zu Jahresbeginn deutlich nachgelassen. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) legte zwischen Januar und März nur noch um 0,4 Prozent zum Vorquartal zu, wie das Statistikamt Eurostat am Dienstag mitteilte. In den drei Vorquartalen war jeweils ein Plus von 0,7 Prozent herausgesprungen.

Damit bleibt der Euro-Raum konjunkturell hinter den USA zurück, deren BIP zu Jahresbeginn um 0,6 Prozent zulegte. Auch in Frankreich und Italien wurde lediglich ein Plus von 0,3 Prozent erreicht. Spanien hielt sein relativ hohes Wachstumstempo mit 0,7 Prozent.

Artikel wurde um 15.00 MESZ aktualisiert.

ul/hb (dpa, rtr, afp)

Audio und Video zum Thema