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Alltagsdeutsch – Podcast

Deutsche Vereinsmeierei

In Deutschland entstanden Vereine im 18. Jahrhundert. Jeder kann einen gründen, wenn die gesetzlichen Voraussetzungen erfüllt werden. Bei den Aktivitäten gilt: Alles ist möglich! Vom Taubenzüchter- bis zum Hunnenverein

Sprecher:

Die Deutschen sind für vieles bekannt, unter anderem dafür, dass sie eine große Vorliebe haben, sich in Vereinen zu engagieren. Für Menschen, die diese Neigung etwas übertreiben und sich in ihrer Freizeit fast nur noch mit ihrem Verein beschäftigen, hat die Umgangssprache den abschätzigen Begriff der Vereinsmeierei geprägt. Die Vereinsmeierei drückt mit der Entstellung des in Deutschland sehr häufigen Namens Meier aus, dass die Vereinsmitglieder sich zu sehr auf ihren Verein beschränken und ihr Vereinsleben nach übertrieben strengen Regeln ordnen. Rein statistisch allerdings sind die Deutschen nicht häufiger in Vereinen engagiert, nicht mehr Vereinsmeier als ihre europäischen Nachbarn. Dennoch sind die Zahlen beachtlich: Zwischen zweihundertfünfzig- und dreihunderttausend Vereine gibt es heute in Deutschland.

Sprecherin:

Von der Seite der Mitgliedschaften aus bedeutet das: Rund 35 Millionen Deutsche sind in einem Verein tätig, wobei sich in den letzten Jahren die Tendenz verstärkt hat, in mehr als nur einem Verein Mitglied zu sein. Einen rechtsfähigen Verein zu bilden ist heute eine Selbstverständlichkeit. Voraussetzungen sind mindestens sieben Gründungsmitglieder und eine Satzung, die Ziele, Organisation und Bedingungen des Vereins deutlich macht. Dass diese Vereins- oder Vereinigungsfreiheit eine Errungenschaft demokratischer Bewegungen darstellt, ist heute nur noch den wenigsten bewusst. Dr. Johann Heinrich Best, Soziologe an der Universität Jena:

Johann Heinrich Best:

"Das war so der Zeitraum zwischen 1819, also der Zeit nach den Napoleonischen Kriegen bis zur '48er Revolution, wo es dann zum Beispiel den ersten deutschen Industriellenverband gab. Und das war eben nun die Stunde Null der Verbandsentwicklung in Deutschland. Vorher gab es Kooperationen, das heißt etwa die Zünfte, die man ja kennt. Aber das waren Zwangsvereinigungen, aber es waren keine freien wirtschaftlichen Verbände."

Sprecher:

Etwa in der Mitte des 19. Jahrhunderts war die Stunde Null der deutschen Verbandsentwicklung. Die Stunde Null ist der Zeitpunkt, an dem etwas völlig neu beginnt – so wie um null Uhr der neue Tag anbricht. Die gängige Wendung wird vor allem zur Beschreibung politischer Entwicklungen verwendet. Am häufigsten benutzt wurde der Begriff "die Stunde Null" für den Beginn des deutschen Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg.

Sprecherin:

Zwischen 50 und 60 Prozent der deutschen Bevölkerung sind in Vereinen organisiert. Doch gilt diese Zahl nur für die alten Bundesländer. In der ehemaligen DDR gab es kaum privat organisierte Vereine. Diese Rolle übernahmen staatliche Einrichtungen. Nach der politischen Wende 1989 kam es zwar zu einem starken Anstieg der Vereinsmitgliedschaften im östlichen Teil Deutschlands, doch liegt deren Anteil immer noch deutlich unter dem westdeutschen Schnitt. Bei Ziel und Inhalt eines Vereins gilt grundsätzlich: Alles ist möglich! Dr. Johann Heinrich Best:

Johann Heinrich Best:

"Das ist natürlich dann ein unglaublich weites Feld. Es gibt eigentlich keine Aktivität legaler Art, die nicht als Verein organisiert werden kann. Also da gibt es dann Vereine, die Cowboys des Wilden Westens dann nachspielen, in hochkompetenter Weise. Es gibt Vereine, bei denen das Gleiche für die Indianer passiert. Und die Hunnen zum Beispiel, das ist etwas, was in Köln existiert und zwar keineswegs unter dem Stichwort Karneval, sondern im Sinne so einer, ja, ethnischen Identitätsübernahme in der Freizeit."

Sprecher:

Die Aktivitäten der deutschen Vereine sind ein weites Feld, auf dem man Kurioses und Ernsthaftes nebeneinander findet. Der bildhafte Begriff des großen Feldes, auf dem das Auge viele verschiedene Dinge entdecken kann, wird häufig benutzt, um die Vielfalt – manchmal auch die nicht zu überblickende Größe – einer Sache auszudrücken.

Sprecherin:

Die Gründe, warum Menschen einem Verein beitreten, sind vielfältig. Es geht oft nicht nur darum, zum Beispiel Gleichgesinnte zu finden, um über Modelleisenbahnen zu diskutieren, sondern auch um die Möglichkeit, Gemeinschaft und Geselligkeit zu erleben. Manchmal spielen in Vereinen auch Motive eine Rolle, die nichts mit der Vereinsarbeit zu tun haben und erst bei längerer Betrachtung deutlich werden.

Johann Heinrich Best:

"Die Kölner Karnevalsvereine sind ein ganz bedeutender Nukleus dessen, was man Klüngel nennt. Das ist, ja, ein bekanntes Phänomen und das hängt etwas damit zusammen, dass Karnevalsvereine in ihrer Zusammensetzung, Mitgliedschaft eben, halt eine stärker mittelständische Orientierung haben. Und das ist natürlich dann auch ein Forum, wo man dann eben auch neben der Geselligkeit und dem Frohsinn auch mal an 's Geschäft etwa denken kann. Völlig legitim natürlich. Jede Art von Wirtschaft ist irgendwo Vetternwirtschaft. Ja, das heißt also sie basiert auf persönlichen Kontakten, ja. Und wenn diese persönlichen Kontakte dann auf Dauer gestellt werden in einem solchen Vereinskontext, in dem man sich dann vor allen Dingen kennt und vielleicht auch Vertrauen lernt, dann ist das sehr naheliegend."

Sprecher:

Der Klüngel war in früheren Jahrhunderten ein kleines Knäuel. Nicht ohne Grund verbreitete sich dann aber der Begriff Klüngel im übertragenen Sinn von Köln aus in den Rest Deutschlands. Klüngel und Vetternwirtschaft, die in gebildeten Kreisen auch Nepotismus genannt werden, bezeichnen im Grunde das gleiche – nämlich die wirtschaftliche Bevorzugung von Freunden, Geschäftspartnern oder Familienmitgliedern, um letztlich sich selbst zu bereichern. Wenn also ein Bauauftrag nicht an den preiswertesten Anbieter vergeben wird, sondern an denjenigen, der mit dem Sachbearbeiter des Bauauftrages befreundet ist, dann wäre das ein klassischer Fall von Klüngel und Vetternwirtschaft. Vettern müssen die derart verbundenen Geschäftspartner allerdings nicht sein.

Sprecherin:

Den größten Anteil mit 25 Millionen Mitgliedschaften stellen die deutschen Sportvereine. Von Organisationen, die vor allem an der körperlichen Ertüchtigung der Arbeiterklasse interessiert waren, haben sie sich zu modernen Freizeitverbänden entwickelt. Bestand das Angebot früher im Wesentlichen aus Leichtathletik und Fußball, ist heute auch Tanz, Yoga und Selbstverteidigung im Sportverein zu finden.

Sprecherin:

Zu den Klassikern in der deutschen Vereinslandschaft zählen auch die Brieftaubenzüchter. Rund 75.000 Mitglieder – in den allermeisten Fällen Männer – engagieren sich bundesweit in etwa 8000 Vereinen. Eine anerkannte Autorität unter ihnen ist Hans-Peter Kluth.

Hans Peter Kluth:

"Irgendwann bin ich dann durch Holland, Belgien, Deutschland überall gewesen auf den Top-Meisterschlägen und hab' mir dat angesehen und gelernt an den besten Tauben durch Fühlen, Gucken und dann sich da welche geholt und dann denken, das könnten sie sein, die zu mir passen. Dat is' natürlich wie bei jeder Sache: Et geben Leute, die hab 'n eben 'n Händchen 'n bisschen besser wie der andere. Dat ist auch im Taubensport so. Da werden et also immer Millionäre geben, die sich die besten Tauben kaufen und keine Preise fliegen. Und da wird et einfache Leute geben mit 'm normalen Lohn, die hab 'n Händchen dafür und die machen die Preise."

Sprecher:

Hans Peter Kluth hat eindeutig ein Händchen im Umgang mit Tauben. Ein Händchen für oder in etwas haben bedeutet, ein besonderes Talent für eine Sache zu besitzen. Dabei kann es sich um etwas sehr Praktisches handeln wie das Reparieren von Autos. Man kann aber auch genauso ein Händchen haben im Umgang mit Aktien – also ohne etwas in irgendeiner Weise direkt zu berühren.

Sprecherin:

Obwohl die Taubenzüchter eine klassische Vereinsdisziplin betreiben und über ein ausgebautes Vereinsnetz verfügen, haben sie Nachwuchssorgen. Für Hans Peter Kluth liegt das nur an der mangelnden Information. Wüssten mehr Menschen, wie schön und spannend der Umgang mit Tauben sein kann, wäre das mit dem Nachwuchs kein Problem.

Hans Peter Kluth:

"Et müssen nicht Jugendliche sein. Jugendliche wachsen nit mehr nach. Die machen auf Computer und andere Spiele, aber der Mann von, sag' ich einfach, von 35 an aufwärts, besser noch von 45, der hat alles im Lot, den könnte man gewinnen."

Sprecher:

Männer ab 35, die alles im Lot haben, hofft Hans Peter Kluth durch etwas mehr Werbung für die Taubenzucht zu gewinnen. Wenn jemand alles im Lot hat, ist bei ihm wirtschaftlich alles in Ordnung. Die Wendung kann sich aber genauso auf die Familie oder auf das Verhältnis zu Freunden beziehen. Etwas im Lot haben oder ins richtige Lot bringen bezieht sich auf das Senkblei des Maurers. Damit prüft er, ob eine Wand oder Mauer genau senkrecht und gerade – also in Ordnung – ist.

Sprecherin:

Für Hans Peter Kluth ist die Taubenzucht genauso anregend und vielseitig wie Fußball, Tennis oder der Radrennsport. Nur dass seine Disziplin nicht das gleiche Ansehen genieße wie diese sportlichen Medienattraktionen.

Hans Peter Kluth:

"Da hat man schon Schwierigkeit manchmal überzeugend das darzustellen. Aber wenn ich dann 'ne Stunde Zeit habe, ob dat zweimal oder 200 sind, die überzeug' ich. Mit solchen Sportarten, die so publik sind, hat man viel bessere Karten."

Sprecher:

Wenn man von bekannten Sportarten erzählt, hat man viel bessere Karten, interessierte Zuhörer zu finden, als wenn man von der Taubenzucht berichtet, meint Hans Peter Kluth. Die gebräuchliche Redewendung benutzt das Bild der höherwertigen Spielkarten um auszudrücken, dass man in einer bestimmten Situation günstigere Voraussetzungen besitzt als andere.

Sprecherin:

Die deutsche Vereinslandschaft ist ein weites Feld. Sie vereint unterschiedlichste Interessen mit Geselligkeit und manchmal kann man sich auch durch Klüngel und Vetternwirtschaft bessere Karten verschaffen. Aber Hauptsache ist, hinterher kommt alles wieder ins rechte Lot.

Fragen zum Text

Der Begriff Stunde Null ist ursprünglich die Bezeichnung für …

1. die Versöhnung in Deutschland nach dem 2. Weltkrieg.

2. die Kapitulation Hitler-Deutschlands und die Zeit danach.

3. den Fall der Berliner Mauer.

"Klüngel" ist ein Wort aus dem …

1. Sächsischen.

2. Bairischen.

3. Kölsch.

Gibt es zu einem Thema viel zu sagen, kann man sagen: …

1. "Wir bewegen uns da auf unbekanntem Feld."

2. "Das ist aber ein sehr weites Feld."

3. "Sie haben doch ein Händchen für dieses Thema."

Arbeitsauftrag

Das Vereinswesen ist in Deutschland sehr weit verbreitet. Es gibt unter anderen Musikvereine, Kunstvereine, Sammlervereine, Sportvereine – selbst einen Grillverein sowie einen "Polarwölfe Verein". Welchen Verein würden Sie gründen, wenn Sie die Wahl hätten? Begründen Sie Ihre Entscheidung in einem Text von einer DIN A4-Seite.

Autor: Günther Birkenstock

Redaktion: Beatrice Warken

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