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Wirtschaft

Deutsche Unternehmen scheuen das Risiko

Gestürzte Herrscher, neue Verfassungen: Die arabische Welt befindet sich im Wandel und die Reformen bieten auch der Wirtschaft neue Möglichkeiten. Deutsche Unternehmen sehen jedoch eher die Risiken.

"Das ist ein richtungsweisendes Projekt", freut sich Gerd Pommerien, Geschäftsführer der AS-Solar aus Hannover über seinen Erfolg in Marokko. Seine Firma für Photovoltaik- und Photothermieanlagen hat in Rabat eine netzgekoppelte Solaranlage auf dem Dach des Energieministeriums installiert. "Die Leute dort arbeiten gerne mit uns zusammen", hat Pommerien festgestellt, "das Qualitätsargument Made in Germany zieht bei den Arabern."

Gerd Pommerien, Geschäftsführer der AS-Solar Hannover (Foto: AS Solar / Tom Baerwald)

Gerd Pommerien, Geschäftsführer der AS-Solar Hannover

Die Geschichte mit dem Solardach passt eigentlich sehr schön in diese Zeit der Aufbrüche. Dort der arabische Frühling mit einer Gesellschaft, die nach mehr Demokratie und Offenheit strebt, hier ein aufstrebender deutscher Wirtschaftsbereich, der nach neuen Geschäftsfeldern sucht.

Mehr Transparenz

"Wir stellen ein erhöhtes Interesse der deutschen Wirtschaft an den arabischen Transformationsländern fest", sagt Abdulaziz Al-Mikhlafi, Generalsekretär der Arabisch-Deutschen Handelskammer Ghorfa. Es hat sich politisch etwas bewegt und das könnte nach Al-Mikhlafi dazu führen, dass mit der Demokratiebewegung auch mehr Transparenz in wirtschaftliche Prozesse kommt.

"Wenn die Ausschreibungen für Projekte offener werden, dann dürfen sich auch deutsche Unternehmen mehr Hoffnungen auf Aufträge machen", vermutet der ehemalige Diplomat. "Die Unternehmen sind durch die Umwälzungen neugierig geworden und wir können jetzt schon positive Tendenzen feststellen."

Handel konzentriert auf Ölstaaten

Arabische Revolution Chancen und Risiken für deutsche Unternehmen. Abdulaziz Al-Mikhlafi, Generalsekretär der arabisch-deutschen Handelskammer Ghorfa (Bild: DW / Kiesel)

Abdulaziz Al-Mikhlafi, Generalsekretär der arabisch-deutschen Handelskammer Ghorfa

Al-Mikhlafi verweist auf Zahlen des Statistischen Bundesamtes, nach denen sich die Geschäftsbeziehungen Deutschlands mit der arabischen Welt stetig intensivieren. So sind in den ersten drei Quartalen des Jahres 2012 rund 19 Prozent mehr Waren in die Mena-Länder (Middle East/North Africa) exportiert und 22,5 Prozent mehr von dort eingeführt worden. In der Gesamtschau scheint das überzeugend - allerdings wurde der deutsche Exporterfolg im letzten Jahr vor allem durch Libyen angekurbelt. Ohne das ölreiche nordafrikanische Land und seinen Investitionsbedarf nach dem Sturz Muammar Al- Ghadafis wäre die Bilanz sogar negativ. Ein Run auf den arabischen Markt nach der Arabellion sieht anders aus. 70 Prozent des Handelsvolumens wird mit den Staaten des Golfkooperationsrates abgewickelt - stabile, ölreiche und vornehmlich autokratische Staaten. Die Transformationsländer lösen bei deutschen Unternehmern eher Skepsis aus. "Es besteht eine gewisse Zurückhaltung", sagt der Ghorfa-Generalsekretär schließlich.

Wer da ist, bleibt

Felix Neugart, Bereichsleiter International AHK beim DIHK (Foto: DW / Kiesel)

Felix Neugart, Nahost-Experte des DIHK

Diese Zurückhaltung steht bei Felix Neugart deutlich im Vordergrund, wenn er über den arabischen Raum spricht. "Die Liefergeschafte laufen wunderbar, aber bei Investitionen warten die deutschen Unternehmen ab." Neugart ist beim Deutschen Industrie und Handelskammertag DIHK für die Region zuständig. "Wir wissen noch nicht, welche wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sich aus den politischen Reformen ergeben und diese Unsicherheit verschreckt naturgemäß Investoren." Gut ließe sich das an Tunesien und Ägypten beobachten, sagt Neugart, deutsche Unternehmen vor Ort behielten ihre Standorte zwar bei, neue kämen aber kaum dazu. Die westlichen Gesellschaften begrüßen den politischen Aufbruch, aber - so Neugart - "da gibt es keine parallele Reform im Wirtschaftssektor." Es treten hier eher negative Effekte in den Vordergrund. In der jetzigen Phase der Überganges zeigten sich die Bürokratien zögerlich bei Entscheidungen über Investitionen. "Der Umgang mit den Behörden ist ziemlich umständlich und zäh", bestätigt auch AS-Solar-Geschäftsführer Pommerien.

Schwieriges Umfeld für Geschäfte

Öffentliche Gelder, so berichtet der Internationale Währungsfonds IWF, werden verstärkt verwendet, um Konsumgüter für die Bevölkerung billig zu halten, statt in den Ausbau der Infrastruktur zu fließen. Nemat Shafik, Stellvertreterin der IWF-Chefin Christine Lagarde, fordert ganz vehement einen wirtschaftlichen Frühling für die arabische Welt. Die Ägypterin beklagte Mitte dieses Jahres in ihrem Blog, dass zwar Parteien gebildet, Verfassungen umgeschrieben und die Jugend einer neuen Zeit entgegenfiebere, aber kaum jemand über die Ökonomie spräche. Dabei gingen die Indikatoren für alle arabischen Länder, die keine Ölreserven hätten "in die falsche Richtung". Konsequenterweise hat der IWF seine Wachstumsprognosen für die Mena-Region immer weiter nach unten korrigiert, auf 3,3 Prozent. Die Transformationsstaaten liegen mit 3,6 Prozent leicht über dem Schnitt.

Potential ist vorhanden

Die arabischen Staaten bilden einen sehr heterogenen Wirtschaftsraum. Von den finanzstarken Ölstaaten bis zu den agrarisch- und serviceorientierten Ländern im Maghreb. Allen gemeinsam ist ein hoher Bedarf an Investitionen in ihre Infrastruktur und Bildung. Es sind junge Gesellschaften mit einer stark wachsenden Bevölkerung. Das Potential für gute Geschäfte ist hoch und die Araber schätzen die Deutschen. "Wir haben zuverlässige Produkte und hochwertige Dienstleistungen", betont Jürgen Hogrefe, der eine Consulting-Firma leitet, die sich auf Kontakte in die arabischen Länder spezialisiert hat, "wir sind teurer, aber die Araber wissen, dass sich das lohnt." Hogrefe weiß um die Gründe für die deutsche Zurückhaltung, aber er wünscht sich trotzdem, dass sich die Geschäftsbeziehungen intensivieren. Deutschland verliere schon seit Jahren an Boden in einer vielversprechenden und nahegelegen Wirtschaftregion. "Briten, Franzosen, Amerikaner oder Südkoreaner sind in diesen Regionen schon mit einer ganz andern Präsenz da", hat der Unternehmensberater beobachtet.

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