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Asien

Deutsche Träume, chinesische Wirklichkeit

Nicht alle Wünsche von Angela Merkel und ihrer Wirtschaftsdelegation werden in China perspektivisch in Erfüllung gehen. Dies ist jedoch kein Grund sich zu ärgern, meint DW-Kolumnist Frank Sieren.

Angela Merkel in China

Hoher Besuch in der Automobilfabrik in Chengdu: Bundeskanzlerin Angela Merkel, VW-Chef Martin Winterkorn (rechts) und Xu Jianyi, Chef der chinesischen First Automotive Works (links)

Mit zwei Dutzend Topmanagern, davon fünf Chefs von Dax-Konzernen, stieg Angela Merkel am vergangenen Samstag (5.7.) im südchinesischen Chengdu aus dem Regierungsflieger. Seit Dienstag (8.7.), dem letzten Tag von Merkels großer Chinareise, steht nun fest: Das Großaufgebot der deutschen Wirtschaft hat die chinesischen Partner am Ende weniger beeindruckt, als sich das mancher Reiseteilnehmer sicher erhofft hatte.

Viele deutsche Wünsche blieben unerfüllt

Längst nicht für alles, was bei den Wirtschaftsbossen aus Deutschland auf dem Wunschzettel stand, hatten die Chinesen am Ende auch tatsächlich ein Ohr. Insgesamt wurden auf der Reise Verträge in Wert von drei Milliarden Euro unterzeichnet. Eigentlich nicht schlecht. Doch wenn man sich vor Augen führt, dass Chinas Premier Li Keqiang alleine bei seiner letzten Auslandsreise nach England vor drei Wochen über 21 Milliarden verteilt hat, doch ein vergleichsweise kleines Paket.

Frank Sieren Kolumnist Handelsblatt Bestseller Autor China

DW-Kolumnist Frank Sieren

Einzig Volkswagen und Airbus konnten zufrieden sein. Und Airbus ist zur Hälfte französisch. VW vereinbarte mit seinem chinesischen Partner, dem Automobilhersteller FAW, zwei zusätzliche Standorte in China. Jeweils eine Milliarde Euro sollen investiert werden. Airbus sicherte sich einen Vertrag über die Lieferung von 100 Hubschraubern im Wert von rund 300 Millionen Euro.

Doch es gab eben auch viele Enttäuschungen: Siemens etwa schaffte es nicht, die geplante Absichtserklärung mit vier chinesischen Großstädten unter Dach und Fach zu bringen, die dem Konzern immerhin Aufträge in dreistelliger Millionenhöhe eingebracht hätten. Und die Deutsche Börse erhielt nicht den Zuschlag, mit der Börse in Shanghai ein Gemeinschaftsunternehmen zu gründen.

Deutsche Unternehmer klagen über unfaire Rahmenbedingungen

Noch wichtiger aber ist die Grundstimmung, die Deutschlands Wirtschaftsvertreter jenseits konkreter Deals auf der Reise transportierten: Merkel hatte auf dem Flug ins Reich der Mitte genug Zeit, sich die Klagen der deutschen Unternehmer anzuhören. Und nach wie vor empfinden viele von ihnen die Rahmenbedingungen bei Geschäften mit China als unfair. Sie fragen, ob es wirklich angehen kann, dass sich die Chinesen praktisch jeden deutschen Mittelständler kaufen können, auf den sie gerade Appetit haben? Aber ein deutsches Großunternehmen, das in China Geschäfte machen will, noch immer in ein Joint Venture gezwungen wird, an dem die chinesische Seite kräftig mitverdient. Besonders VW-Boss Martin Winterkorn kann ein Lied davon singen. Er kämpft seit Jahren darum, eine 100 Prozent Tochter gründen zu können.

China bestimmt das Tempo der Öffnung

Man kann verstehen, dass deutsche Manager das Vorgehen der Chinesen ärgert. Allerdings ist es nicht wahrscheinlich, dass sich dies bald ändert. Wer soll China dazu zwingen? Selbst Angela Merkel, die mächtigste Politikerin Europas, kann das nicht. Peking öffnet seine Wirtschaft in dem Tempo, das es für richtig hält und will sich die Regeln nicht vom Westen diktieren lassen. Und dass Peking in dieser Frage eigene Vorstellungen hat, war für Unternehmen aus dem Westen in den vergangenen Jahrzehnten nicht einmal immer von Nachteil.

Man muss sich nur einmal Chinas Finanzsektor ansehen. Nicht auszudenken, wie die Finanzkrise 2008 ausgegangen wäre, wenn Chinas Kapitalverkehr zu dem Zeitpunkt tatsächlich schon so liberal und mit dem Rest der Welt vernetzt gewesen wäre, wie sich westliche Banker das schon seit langer Zeit wünschen. Auch im Reich der Mitte wäre dann die Wirtschaft in eine tiefe Krise geraten und als Motor der Weltwirtschaft, auch für deutsche Unternehmen, ausgefallen. Weil die nach dem Lehman-Crash immerhin noch nach China zuverlässig ihre Waren verkaufen konnten, sind sie mit einem blauen Auge davon gekommen.

Deutsche Firmen verdienen weiter gut in China

Den eigenen Standpunkt gegenüber China deutlich zu vertreten, ist richtig. Zu sehr über die Verhältnisse in China jammern, ist aber nicht angemessen. Denn die deutsche Wirtschaft verdient gut im chinesischen Markt. Und das wird auch so weitergehen. Peking will nicht länger, dass China die Werkbank der Welt ist, sondern selbst innovativer werden. Und die Deutschen sollen dabei helfen.

Konkret heißt das, dass China an der schon seit mehr als zwei Jahrzehnten bestens erprobten deutsch-chinesischen Symbiose, also dem Tausch von chinesischen Marktanteilen gegen westliche Technologie, noch lange festhalten will. Dass die Chinesen damit langsam auch zum Wettberber deutscher Hersteller werden, lässt sich nicht vermeiden. Doch solange der gesamtwirtschaftliche Kuchen wächst, werden die deutsche Unternehmen weitermachen. Peking will in den nächsten Jahren der Mittelschicht höhere Einkommen verschaffen und im Westen des Landes weitere 200 Millionen Menschen aus der Armut holen. Auch wenn die Chinesen also weiterhin die Regeln diktieren werden: Der Konsum wird weiter steigen. Das bedeutet mehr Wettbewerb, aber auch mehr Wachstumschancen für deutsche Unternehmen.

Unser Kolumnist Frank Sieren gilt als einer der führenden deutschen China-Spezialisten. Er lebt seit 20 Jahren in Peking.