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Deutschland

Deutsche Tafel-Bewegung hat sich etabliert

Seit 1993 gibt es in vielen Städten so genannte Tafeln. Dort können sozial Schwache unentgeltlich Lebensmittel bekommen. 17 Jahre nach der Gründung in Berlin gibt es mehr als 850 Tafeln in ganz Deutschland.

Mann vor einem Brot-Stapel (Foto: AP)

Als eine Gruppe Berliner Frauen am 22. Februar 1993 vor die Presse trat und die Eröffnung der ersten Tafel in Berlin bekanntgab, ahnte niemand, dass damit der Startschuss für eine landesweite Initiative gegeben war. Berliner Lebensmittelproduzenten, Einzelhändler und Restaurants hatten zugesagt, jene Lebensmittel kostenlos abzugeben, die nicht mehr verwendet oder verkauft werden durften. Mitunter war das Haltbarkeitsdatum nahezu abgelaufen, manchmal waren Brötchen und Brote übrig geblieben, die am folgenden Tag nicht mehr verkauft werden konnten.

Vorwurf: Sozialer Kahlschlag wird übertüncht

Obdachlose (Foto: AP)

Früher waren es vor allem Obdachlose, die von den Tafeln versorgt wurden

Der Abfall der Gesellschaft für die Armen - so lautet einer der Kritikpunkte an der Tafelbewegung in Deutschland. Anstatt die sozial Bedürftigen in die Lage zu versetzen, sich mit hochwertiger Nahrung selbst zu versorgen, übertünchten die Tafeln den sozialen Kahlschlag, argumentiert etwa der Soziologie-Professor Stefan Selke. Sein Kollege Peter Grottian vom Berliner Sozialforum geht noch weiter und sagt: "Die Tafeln schaden den Armen, weil sie durch Abspeisung das soziale Grundrecht aushebeln, das jedem und jeder menschenwürdige Grundsicherung zuerkennt".

Als 1994 auch in Hamburg eine Tafel eröffnet wurde, war von derartiger Kritik noch nichts zu vernehmen. Dafür gab es umso mehr Presserummel, der dafür sorgte, dass die Idee der Tafeln überall im Land Nachahmer fand. 2003 - zehn Jahre nach Gründung der Berliner Tafel - waren es bereits 320 Tafeln, Mitte 2010 sind es mehr als 850.

Steigende Zahlen

Drei Rentner warten an einer Bushaltestelle und reden miteinander (Foto: dpa)

Immer mehr Rentner und Geringverdiener sind auf die Tafeln angewiesen

Geändert hat sich nicht nur die Zahl der Tafeln, sondern auch die Klientel. Waren es ursprünglich vor allem Obdachlose, die versorgt wurden, sind es heute Rentner, Arbeitslose und Geringverdiener. Noch alarmierender ist die steigende Zahl bedürftiger Kinder und Jugendlicher, die ohne die Tafeln keine warme Mahlzeit am Tag bekämen. Sie machen mit 23,5 Prozent fast jeden vierten Besucher aus.

Die Hartz-IV-Gesetzgebung sorgt dafür, dass ihre Zahl weiter steigen wird. Den Betreibern der Tafeln wird in diesem Zusammenhang Heuchelei vorgeworfen. Sie würden durch ihre Tätigkeit den Sozialabbau bemänteln und gleichzeitig jene Politiker auf Festveranstaltungen bejubeln, die für die entsprechenden Gesetze verantwortlich sind.

Der Politikwissenschaftler Peter Grottian argwöhnt, dass Armut politisch nützlich sei, weil die für den Staat kostenfreien Tafeln zu einem sozialpolitischen Instrument würden, das den heruntergekommenen Sozialstaat kaschiert.

Freiwillige Helfer sind wichtig

Die Tafeln würden ohne freiwillige und ehrenamtliche Helfer nicht funktionieren. Mehr als 40.000 Menschen sind notwendig, um das Essen einzusammeln, zu lagern und zu verteilen. Knapp 5000 Fahrzeuge werden jeden Tag bewegt und so rund eine Million Menschen pro Woche versorgt.

Auf das Logo der Berliner Tafel auf einem roten Lieferwagen deutet die Gründerin der Organisation Sabine Werth in Berlin (Foto: dpa)

Sabine Werth, eine der Gründerinnen der ersten Tafel in Berlin

Sabine Werth, eine der Gründerinnen der ersten Berliner Tafel, hält den Kritikern entgegen, dass ohne die Arbeit der Tafeln viele Betroffene keine ausreichende Ernährung hätten. Sie richtet ihren Fokus auf die Frage, was die Gesellschaft gegen Armut tun kann und fordert die zahlreichen Armutskonferenzen auf, sich damit zu beschäftigen. Sie sollten Hetze und Boykottforderungen gegen die Tafeln einstellen, solange sie keinen der Betroffenen angehört hätten.

Autor: Matthias von Hellfeld
Redaktion: Kay-Alexander Scholz