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Wirtschaft

Deutsche Pharmaindustrie fällt im internationalen Vergleich zurück

Absatz und Vertrieb stark, aber Forschung schwach

Die Europäische Union will bis zum Jahr 2010 der weltweit führende Standort für Forschung und Entwicklung werden. Das heisst schlichtweg, die Vereinigten Staaten von Amerika zu überholen. Das wird ein harter Wettbewerb, prognostiziert der Verband Forschender Arzneimittelhersteller.

Er hat untersucht, welche Position Deutschland in der Arzneimittelforschung und -entwicklung derzeit weltweit einnimmt. Über hundert Experten aus Politik, Industrie und Wissenschaft sowie über 300 betroffene Patienten ließ der Verband durch die Unternehmensberatung Boston Consulting Group befragen.

Das Resultat fiel nüchtern aus, wie Michael Steiner von der Boston Consulting Group feststellte. Die deutsche Arzneimittelforschung, die auf eine lange und erfolgreiche Tradition zurückblicke, sei mittlerweile selbst ein Patient, den es zu behandeln gelte:

"In den 70er Jahren galt Deutschland noch als die 'Apotheke der Welt'. Heute hat die pharmazeutische Industrie in Deutschland bei Forschung und Entwicklung den Anschluss an die Weltspitze verloren und kann nur noch einen Platz im Mittelfeld behaupten."

Die Diagnose gelte - mit unterschiedlicher Gewichtung - für die biomedizinische Grundlagenforschungen ebenso wie für die klinische Forschung und die Arzneimittelzulassung. In Sachen Grundlagenforschung sei Deutschland beispielsweise keine Forschungshochburg mehr wie früher. Weltweit betrieben die 30 umsatzstärksten pharmazeutischen Unternehmen 130 Forschungsstandorte. Nur zehn davon befänden sich noch in Deutschland.

Das bedeutet, sagte Steiner, dass Deutschland zwar ein starker Vertriebsstandort und Absatzmarkt sei, aber in der Forschung längst nicht mehr die Nase vorn habe. Hier müsse dringend aufgestockt werden, um den Anschluss im internationalen Wettbewerb nicht zu verlieren. Rund um akademische Forschungszentren müssten sich wieder vermehrt Unternehmen ansiedeln. Das setze voraus: Die Forschung müsse überdurchschnittlich sein - und dazu bedürfe es nicht zuletzt auch eines guten finanziellen Polsters. Das sei, sagt Michael Steiner, in Deutschland nicht ausreichend:

"Die öffentlichen Fördermittel, die Deutschland jährlich für biomedizinische Wissenschaften bereitstellt, sind mit 46 Euro pro Einwohner im internationalen Vergleich zu gering. Pro Einwohner stehen beispielsweise in den USA mit über 64 Euro rund 40 Prozent mehr öffentliche Forschungsmittel zur Verfügung. Doch die finanziellen Mittel für die biomedizinische Forschung sind nicht nur zu knapp bemessen, nein sie werden auch nicht effizient genug eingesetzt."

Es fehlten einfach Wettbewerbsanreize. Steiner nannte ein Beispiel: Nur 30 Prozent der rund vier Milliarden Euro Fördergelder in Deutschland würden leistungsorientiert vergeben. Ansonsten gelte das so genannte "Gießkannenprinzip". Daher würde für Großforschungsprojekte - beispielsweise am menschlichen Erbgut - vier- bis fünfmal weniger Gelder zur Verfügung gestellt als in den USA.

Der Verband der Arzneimittelsteller bemängelt ferner, dass auch die klinische Forschung in Deutschland geradezu Seltenheitswert habe. Hier fehle es nicht nur an entsprechenden Forschungseinrichtungen in Universitätskliniken, sondern die vorhandenen seien nicht effektiv miteinander "vernetzt".

Und noch eine nüchterne Diagnose ist in der vom Verband der Arzneimittelhersteller in Auftrag gegebenen Studie zu finden: Ehe ein neues Medikament auf den Markt kommt, vergeht viel zu viel Zeit. Durchschnittlich müssten die Patienten in Deutschland zwei Jahre länger auf neue Arzneimittel warten als beispielsweise Patienten in den USA.