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Deutschland

Deutsche Patriot-Staffeln für die Türkei

Deutschland wird bis zu 400 Soldaten ins türkisch-syrische Grenzgebiet entsenden. Die Bundeswehr steht damit vor ihrem nächsten Auslandseinsatz. Für die deutschen Patriot-Staffeln ist der Kriseneinsatz eine Premiere.

Ein sehr abwechslungsreicher Job sei die Arbeit in der Raketenabwehrtruppe, sagt Major Sven Evers vom Flugabwehrraketengeschwader 1 in Husum. Und für Bundeswehr-Verhältnisse auch weniger gefährlich, ergänzt er auf Nachfrage. Aus einem Geländewagen heraus beobachtet der Staffelchef, wie seine Soldaten auf einem stillgelegten Flugplatz in Schleswig-Holstein den Ernstfall proben. Sie bringen das Startgerät für die Raketen (Launcher) auf einem Lastwagen in Position, richten das ferngesteuerte Hochleistungsradar aus und stellen die Funkverbindung zum Gefechtsstand her. Nach gut einer Stunde könnte der Feind kommen: Die Stellung ist einsatzbereit.

Mit dem Ernstfall allerdings hat diese Übung wenig zu tun. Schon die Konfiguration, wie Evers es ausdrückt, sei unrealistisch. Im Einsatz würden die Raketenabschussbasis und das Radar keinesfalls direkt nebeneinander aufgestellt, sondern weit voneinander entfernt. Aber auch im Krisenfall wäre für das Gros der Mannschaft nach dem Aufbau die gröbste Arbeit getan – denn dann übernimmt vor allem der Computer die Arbeit.

"Scharfer Schuss" bislang nur beim Manöver auf Kreta

Soldaten des Raketenabwehrgeschwaders 1 tarnen das Radar der Patriot-Raketenabwehr (Foto: DW/Andreas Noll)

Kann mehr als 100 Ziele zeitgleich verfolgen: Patriot-Radar

Mit dem Ernstfall allerdings sah sich die Patriot-Truppe der Bundeswehr nie konfrontiert. Im Gegenteil: Für zahlreiche Politiker war das Waffensystem ein Auslaufmodell, ein Relikt des Kalten Krieges, das seinen ursprünglichen Sinn verloren hat. In der Konfrontation mit dem Warschauer Pakt hätten die deutschen Patriot-Einheiten zusammen mit den Nato-Verbündeten in Westdeutschland einen Sperr-Riegel gebildet, um feindliche Kampfflugzeuge abzuschießen. Entsprechend weit zurück reicht auch die Patriot-Geschichte: Konzipiert wurde das System in den 1960er Jahren, entwickelt in den 70ern und dann schließlich kurz vor dem Mauerfall bei der Bundeswehr eingeführt.

Die Raketenabwehr in der Bundeswehr hat nach dem Kalten Krieg Rückschläge wegstecken müssen. Der Umfang der Truppe wird derzeit halbiert. Von den 24 Staffeln werden schon bald die zwölf mit älterer Technologie ausgemustert und die übrigen ausschließlich in Norddeutschland konzentriert. Ein Nachfolgesystem (Meads) mit einem leistungsfähigeren Radar wurde zwar entwickelt, wird aber aus Kostengründen nicht angeschafft. Dabei sind die "Anpassungsmöglichkeiten" bei Patriot, wie das Verteidigungsministerium im Juli 2009 dem Bundestag übermittelte, "weitgehend ausgeschöpft" - will heißen: weiter modernisieren geht nicht. Nach 2025 sind auch die derzeit modernsten Einheiten nicht mehr zu verwenden - was danach kommt, ist völlig unklar.

Maximal 20 Sekunden Vorwarnzeit

Porträt des Kommodore des Flugabwehrraketengeschwaders 1 Schleswig Holstein, Oberst Marcus Ellermann (Foto: Bundeswehr)

Oberst Marcus Ellermann, Kommodore des Flugabwehrraketengeschwaders 1

Im ersten Golfkrieg hatte Patriot seine große Bewährungsprobe, als es in Israel irakische Scud-Raketen vom Himmel holte. Die damals überschwänglich gelobte Trefferquote wird mittlerweile allerdings kritischer gesehen. Geschwaderkommodore Oberst Marcus Ellermann spricht von einer "Anfangsbefähigung gegen ballistische Flugkörper und einem fundierten System gegen Flugzeuge". Bei der Frage nach den genauen technischen Fähigkeiten wird er schmallippig. Nur soviel: "Alles, was fliegt und von unserem Radar erfasst werden kann, ist grundsätzlich vom Waffensystem Patriot bekämpfbar. Es gibt keine Größenbeschränkung vom Flugziel." Erfolgversprechend ist aber wohl vor allem der Einsatz gegen Kurzstreckenraketen. Doch egal welcher Flugkörper identifiziert wird, entscheidend ist der Faktor Zeit. 10 bis 20 Sekunden bleiben nach Identifizierung durch das Radar dem Offizier in der Regel, um auf den Abschussknopf zu drücken: "Wir sprechen von Kilometerbereichen von 50-100 Kilometern, wo man das Ziel erkennt und den Bekämpfungsvorgang einleitet", so Kommodore Ellermann.

Soldaten des Raketenabwehrgeschaders 1 tarnen die Fahrzeuge einer Patriot-Raketenabwehrstaffel (Foto: DW/Andreas Noll)

Auch das ist Teil des Einsatzes: Tarnung der Fahrzeuge, die zur Patriot-Staffel gehören

Vor dem ersten Auslandseinsatz

Abgesehen vom jährlichen Manöver in Kreta, wo die Truppe über dem Mittelmeer den "scharfen Schuss" übt, standen Einsätze im Ausland bislang nicht auf der Agenda. Das wird sich nun ändern. Die Bundesregierung beschloss am Donnerstag (06.12.) die Verlegung von "Patriot"-Flugabwehrraketen in die Türkei. Für die gesamte Nato-Mission werden demnach bis zu 400 Bundeswehrsoldaten bereitgestellt. Die Türkei soll so künftig besser vor syrischen Angriffen geschützt werden. Während des Bürgerkriegs in Syrien waren auch auf türkischer Seite Granaten eingeschlagen. Der Bundestag will ab dem 10. Dezember abstimmen. Eine breite Mehrheit für die Mission ist sicher, da neben den Regierungsfraktionen auch die SPD zustimmen will.

Launcher der Patriot-Raketenabwehr bei einem Manöver in Husum (Foto: DW/Andreas Noll)

Schnell verlegbar: Die Raketen sind auf einem Lastwagen montiert

Ein solcher Einsatz "diene dem Schutz" der Türkei, sagte dazu Verteidigungsminister de Maizière. Ganz ungefährlich ist der gleichwohl nicht, könnte doch die Bundeswehr ungewollt in den syrischen Bürgerkrieg hineingezogen werden - durch Anschläge auf ihre Truppen oder den Abschuss eines syrischen Kampfjets durch Bundeswehr-Angehörige. Die eigentlich defensive Raketenabwehr ließe sich zudem auch offensiv einsetzen, wie Spekulationen türkischer Medien über die Einrichtung einer Flugverbotszone im syrischen Grenzgebiet belegen. Die Bundesregierung hat aber bereits ausgeschlossen, dass deutsche Soldaten sich an so einer Überwachung beteiligen würden.

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