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Europa

Deutsche Minderheiten in Europa - eine Solidargemeinschaft

In mehr als 20 europäischen Ländern gibt es deutsche Minderheiten. Viele von ihnen sind in einer Arbeitsgemeinschaft vereint, die jetzt ihr 25-jähriges Jubiläum feiert.

Bundeskanzlerin Angela Merkel empfängt Vertreter der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Minderheiten (AGDM) 2016 (Bundesregierung/Guido Bergmann)

Bundeskanzlerin Angela Merkel empfängt Vertreter der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Minderheiten (AGDM)

Die Situation der deutschen Minderheiten in Europa ist sehr unterschiedlich und hängt vom historischen Kontext in den jeweiligen Ländern ab. Der II. Weltkrieg, Nazi-Vergangenheit und kommunistische Diktatur haben vor allem in Mittel- und Osteuropa sowie in Zentralasien zu erheblichen Veränderungen geführt. In vielen Regionen haben Vertreibung, aber auch Auswanderung in die Bundesrepublik und Assimilation in den Heimatländern die Organisationen der deutschen Minderheit vor neue dringende Aufgaben gestellt.

Sprache ist das identitätsstiftende Merkmal

Auch deswegen wurde vor einem Vierteljahrhundert die deutsche Initiative AGDM (Die Arbeitsgemeinschaft der Deutschen Minderheiten) gegründet. Dieses informelle Gremium ermöglicht den Verbänden aus Europa und den Nachfolgestaaten der Sowjetunion - unter dem Dachverband der FUEN (Federal Union of European Nationalities) einen regen Austausch sowie die konkrete Zusammenarbeit in vielen Bereichen. Mit den Regierungen in Deutschland und den jeweiligen Ländern wurden Programme erstellt, um Kultur und Sprache der deutschen Minderheit zu fördern. 

Hartmut Koschyk, MdB, Beauftragter der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten (rechts im Bild), ist einer der wichtigsten Fürsprecher für die Kooperation unter den Minderheiten selbst und deren Zusammenarbeit mit der Bundesregierung oder kulturellen Mittlerorganisationen in Deutschland. "Entscheidend ist, dass es wirklich gelingt, die deutsche Sprache zu erhalten - als das wichtigste identitätsstiftende Merkmal einer deutschen Minderheit, egal in welchem Land Europas sie lebt", sagte Koschyk bei der Jahrestagung der AGDM in Berlin. Der DW sagte er weiter, es seien besondere Anstrengungen nötig, um Deutsch nicht nur wieder zu einer gern gesprochenen Fremdsprache, sondern zu einer lebendigen Muttersprache einer Minderheit zu machen.

Missachtung der Minderheitenrechte in Polen

Doch nicht überall stoßen die gemeinsamen Bemühungen auf fruchtbaren Boden. Der jüngste Fall einer offensichtlichen Benachteiligung der deutschen Minderheit spielt sich gerade in Polen ab. In Schlesien wird durch die geplante Vergrößerung der Stadt Oppeln der prozentuelle Anteil der deutschen Bevölkerung durch die

Eingemeindung mehrerer Orte drastisch sinken. Dadurch bekäme sie keine Vertreter in den Gemeinderäten, zweisprachige Ortsschilder würden verschwinden, Deutsch würde den Status als Hilfssprache in den Ämtern verlieren.

Der DW sagte Rafal Bartek, Vorsitzender der Sozial-Kulturellen Gesellschaft der Deutschen im Oppelner Schlesien, die Situation sei weit von einer Lösung entfernt. Die Proteste der betroffenen Menschen gegen den Beschluss würden von der Zentralregierung in Warschau ignoriert. "Wir haben hier eine klare Verletzung des Minderheitenrechts. Sowohl das polnische Minderheitenrecht als auch das europäische Rahmenabkommen über die Minderheitenrechte werden missachtet", so Bartek. In beiden Regelwerken steht, dass keine Maßnahmen zu Ungunsten der Minderheiten getroffen werden dürfen. Bartek schließt eine Klage der Gemeinden vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte nicht aus.

Minderheitenvertreter als rumänischer Präsident

Ganz andere Erfahrungen hat die deutsche Minderheit in Rumänien gemacht. Obwohl nur noch knapp 40.000 Deutsche vor allem in Siebenbürgen und dem Banat leben, gilt die Minderheit als ein gelungenes Beispiel für Integration und aktive Beteiligung am politischen und gesellschaftlichen Leben. Ihr ehemaliger Spitzenvertreter Klaus Johannis wurde 2014 von einer großen Mehrheit der Rumänen zum Staatspräsidenten gewählt. Doch auch hier ist die Minderheit auf Unterstützung aus Deutschland angewiesen, in erster Linie im Bildungswesen. Die deutschen Schulen in Rumänien können auf eine jahrhundertealte Tradition zurückblicken und wurden auch während der kommunistischen Diktatur nicht geschlossen.

Berlin AGDM-Jahrestagung (Hans Scherhaufer)

AGDM-Verbände bemühen sich um die Völkerverständigung

Paul-Jürgen Porr, Vorsitzender des Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien, hat im DW-Gespräch auf die kritische Situation des deutschsprachigen Schulwesens in seinem Land hingewiesen. Nicht der Schülermangel sei das Problem, was logisch wäre bei einer kleinen Minderheit, so Porr: "90-96 Prozent unserer Schüler an deutschen Schulen sind Rumänen oder Angehörige anderer Minderheiten, unsere Schulen haben einen guten Ruf. Aber selbst in den größeren Städten herrscht ein akuter Mangel an deutschsprachigen Fachlehrern". Vor allem die Abwanderung der gut ausgebildeten Hochschulabsolventen mit deutschen Sprachkenntnissen in die erheblich besser bezahlten Jobs in Industrie und Wirtschaft setze dem Schulwesen zu. Aus diesem Grund sei die finanzielle Unterstützung aus Deutschland für diese Schulen von wesentlicher Bedeutung.

Brückenfunktion der Minderheiten

Die Entscheidungsträger in Deutschland haben die Probleme erkannt und wollen die Verbände der deutschen Minderheiten weiterhin unterstützen. Doch auch die jeweiligen Länder stehen in der Pflicht. In einer Konferenz des Bundesinstituts für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa soll zum Abschluss der diesjährigen AGDM-Jahrestagung über die "Förderung nationaler Minderheiten durch ihre 'Mutterländer' in Mittel- und Osteuropa" ausführlich diskutiert werden.

Für die Bundesrepublik Deutschland sind diese Verbände von großer Bedeutung, weil sie sich in ihren Heimatländern nicht nur für die Pflege deutscher Kultur und insbesondere der deutschen Sprache, sondern auch für die Völkerverständigung einsetzen.