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Fokus Südosteuropa

Deutsche Minderheit wartet auf Entschädigung

Angehörige der deutschen Minderheit warten in Serbien und Kroatien immer noch auf eine Entschädigung für das Eigentum ihrer im Zweiten Weltkrieg enteigneten Familien. Doch ihre Chancen stehen schlecht.

Titel: Zagreb, Kroatien Beschreibung: Zagreb, Croatia. The skyline of Croatia’s capital city is crowned with baroque buildings that are now dominated by modern hotels and skyscrapers. Schlagworte: Zagreb, Stadt, Zentrum, Kroatien, Panorama Autor: Christopher Bobyn Datum: January 2012

Zagreb, Kroatien Skyline

Josip Petres blickt auf eine bewegte Familiengeschichte zurück. Alles begann 1905 in Velika Kikinda, das heute in der serbischen Provinz Vojvodina liegt. Josips Großvater Johann baute dort mit seiner Frau Suzana ein Haus, in dem auch Josips Vater Joseph geboren wurde. Nach seiner Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann zog Josips Vater nach Zagreb. Dort gründete er eine Familie und begann, im Textilhandel zu arbeiten. "Er hat im Geschäft La Reine der jüdischen Familie Marić gearbeitet und wurde später zum Teilhaber. Im Geschäft verkauften sie neben Textilwaren auch Damenunterwäsche und vor allem Seidenstrumpfhosen. Die waren damals sehr modern“, erzählt Josip.

Schuld der Deutschen

Im Oktober 1944 kam die Rote Armee nach Belgrad und begann im damaligen Jugoslawien mit der Vertreibung der deutschen Minderheit. Vor dem Zweiten Weltkrieg lebten im Land rund eine Million Deutsche, nach dem Krieg waren es nur noch 200.000. Sie galten erklärtermaßen als "Feinde des Volkes". So auch Josips Großvater und dessen jüngster Sohn Nikola, die zu der Zeit in Velika Kikinda wohnten. Sie wurden zusammen mit 600 weiteren Deutschen aus der Stadt ermordet. "Meine Großmutter Suzana wurde in das Lager Nakovo, in der serbischen Provinz Vojvodina, verschleppt und ist erst 1945 dort herausgekommen. Als sie zurückkehrte, war ihr Eigentum beschlagnahmt und verkauft worden", sagt Josip Petres. "Sie durfte in ihrem eigenen Haus nur ein Zimmer bewohnen und entschied sich deshalb, zu ihrem Sohn Joseph nach Zagreb zu ziehen."

Volksdeutsche Josip und Blanka Petres in ihrer Zagreber Wohnung, Juni 2012 Copyright: DW/Sinisa Bogdanic Juli, 2012

Familie Petres wartet auf die Entschädigung

Dort war die Situation aber auch nicht besser. Die neue Regierung hatte auch das Einzelhandelsgeschäft "La Reine“ konfisziert. Die Kommunisten hatten Joseph und seine Frau Mira zu "Feinden des Volkes“ erklärt und in das Lager Precko deportiert. Josip entging der Deportation durch einen glücklichen Zufall: Als man ihn suchte, war er bei seiner Großmutter Suzana.

Hilfe von Partisanen

Josips Eltern verbrachten drei Monate im Arbeitslager. "Dort wurden sie von einem gewissen Major Kapusta erkannt. Mein Vater hat früher Major Kapusta Textilien geschenkt und ihm sogar geholfen, einige Partisanen zu verstecken. Er hat meinen Eltern zur Freiheit verholfen.“

Zahlreiche Deutsche wurden nachts aus dem Lager verschleppt und kamen nie wieder zurück. So, wie viele andere Angehörige der deutschen Minderheit, musste sich auch Joseph nach seiner Entlassung aus dem Arbeitslager als loyaler Bürger des neuen Staates beweisen. "In seinen Bewerbungen hat er immer geschrieben, dass sein Vater 1945 gestorben ist und er aus einer armen Bauernfamilie stammt. Er wollte nicht, dass bei den kommunistischen Behörden auch nur der Verdacht aufkäme, er könne von bürgerlicher Herkunft sein“, erzählt Josip. Denn ein solcher Verdacht hätte sich negativ auf sein weiteres Leben im kommunistischen Jugoslawien ausgewirkt.

Familie Petres Entlassungsbrief. Entlassungsbrief von Suzana Petres aus dem Konzentrationslager Nakovo, 2.11.1945 Copyright: DW/Sinisa Bogdanic Juli, 2012

Der Entlassungsbrief für Familie Petres

Nach dem Krieg hat die in Kroatien lebende Familie Petres viele Jahre versucht, ihr Eigentum zurückzubekommen. Alle Anträge wurden jedoch abgelehnt. Auch nach dem Zerfall Jugoslawiens blieben sie erfolglos. Die neu gegründete "Agentur für Rückgabe von Eigentum“ im benachbarten Serbien betrachtete Menschen wie Josip Petres als Nachkommen der deutschen Besatzer.

"Humane Umsiedlung"

Obwohl die Deutschen aus Jugoslawien kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs massenhaft in Richtung Österreich, Ungarn, Tschechien und Deutschland geflüchtet sind, endeten viele von ihnen in den Sammellagern, wo sie auf eine sogenannte "humane Umsiedlung“ in ihre Heimatländer warten sollten. "Viele litten unter Erschöpfung, Hunger und Infektionskrankheiten“, erklärt Vladimir Geiger vom kroatischen Institut für Geschichte.

Auf der Potsdamer Konferenz 1945 wurde der Plan der "humanen Umsiedlung“ von Volksdeutschen, die damals ohne Eigentum und Bürgerrechte im ehemaligen Jugoslawien gelebt hatten, verworfen. Die noch während des Krieges eröffneten Lager wurden 1947 geschlossen, jene in der serbischen Provinz Vojvodina ein Jahr später.

Erst nach der Auflösung der Lager und der einseitigen Entscheidung Jugoslawiens, den Kriegszustand mit Deutschland und Österreich 1951 zu beenden, hatte die deutsche Minderheit die Möglichkeit bekommen, auszuwandern. Die meisten verließen das Land in den 1950er und 1960er Jahren. "Die Ressentiments gegenüber der deutschen Minderheit haben erst in den späten 1960er Jahren nachgelassen, aber der chauvinistische Ansatz gegenüber Deutschen ist in bestimmten Gruppen auch heute noch spürbar“, sagt Geiger.

Keine Rechtsgrundlagen für die Rückgabe

Bosnian President Alija Izetbegovic (L), Crotian President Franjo Tudman (C), and Serbian President Slobodan Milosevic listen to US Secretary of State Warren Christopher (not seen) 01 November during the start of the Proximity Peace Talks at Wright Patterson Air Force Base near Dayton, Ohio.

Der Zerfall Jugoslawiens brachte keine Lösung für die enteignete deutsche Minderheit

Anfang der 1990er Jahre wurde Jugoslawien von einem anderen Krieg erschüttert. Der Vielvölkerstaat zerfiel und wurde in ehemalige föderative Einheiten aufgeteilt. Das Problem der Volksdeutschen ist in Kroatien und Serbien noch nicht gelöst. "Die Opfer werden ihr konfisziertes Eigentum oder gar eine Entschädigung niemals bekommen. Denn weder die frühere noch die derzeitige Regierung haben eine Rechtsgrundlage dafür geschaffen“, sagt Historiker Geiger.

Josip Petres war 1949 zum letzten Mal in Velika Kikinda - dort, wo sein Großvater einst das Haus der Familie gebaut hatte. Er kenne die Menschen nicht, die heute dort leben. "Ich will niemanden von dort vertreiben. Aber ich erwarte, dass Serbien mir eine Entschädigung zahlt."