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Kultur

Deutsche leben gern in der Vergangenheit

Deutschland gilt als das Land der Burgen. Geschichtsträchtige Orte sind reichlich vorhanden. Mit der eigenen Vergangenheit hingegen haben die meisten Deutschen ein Problem. Mit einer Ausnahme: Historische Vereine.

Mitglieder der Bruderschaft der Askanier (Foto: Marcus Porsch)

Mitglieder der Bruderschaft der Askanier (Foto: Marcus Porsch)

Recken in Rüstung, Damen in wallenden Gewändern: Bei der Bruderschaft der Askanier schreibt man das 13. Jahrhundert. Seit fast zehn Jahren gibt es den Berliner Verein, man sieht ihn auf Mittelaltermärkten, bei Schaukämpfen, manchmal auch in Schulen. Die sich da ins Kostüm werfen sind im normalen Leben Steuerbeamte, Ärzte oder Handwerker. Am Wochenende jedoch werden sie zu Rittern, Edelfräulein und Bogenschützen.

Allein in Berlin gibt es zehn solcher Vereine, deutschlandweit machen tausende Geschichtsbegeisterte in ihrer Freizeit solche Zeitreisen. "In unserem Land fällt es schwer, sich mit der Geschichte zu identifizieren, mit einer Leitfigur oder mit einem Ideal", erklärt Sigfrud von Burgund, Seneschall bei der Askanier-Bruderschaft. "Man wird hier ja schon schief angeguckt, wenn man einer Religion angehört. Aber die Leute suchen danach, identifizieren sich dann mit genau den Sachen, die wir machen."

Knöpfe aus 20-Pfennig-Stücken

Mittelalterliches Spiel in Burg Satzvey (DW)

Mittelalterliches Spiel in Burg Satzvey

Sigfrud spielt nicht nur Mittelalter. Für ihn ist es eine Lebenseinstellung, die sich aus einem Kindertraum entwickelt hat. Der alte Ritterkodex, höfisches Benehmen und genaue Kenntnisse der Epoche gehören dazu, außerdem natürlich das nötige Material: Rüstung, Schwerter, Schild, und Streitaxt, insgesamt einige tausend Euro.

Dazu kommt das Kampftraining. Denn die Askanier werden auch für Ritterspiele und andere Schaukämpfe gebucht. Außerdem messen sie sich untereinander. Nasenbeine, Handrücken und Arme sind oft die Leidtragenden des Hobbys, und auch mit neuzeitlichen Krankentransporten sind die Askanier gut vertraut. "Wenn man mit Metallgegenständen aufeinander einschlägt, trifft man eben auch mal", meint Ulrich von Ende alias Frank Endelich, Komtur der Bruderschaft. Kein Grund, das Hobby aufzugeben.

Obwohl das Mittelalter in Deutschland boomt, gibt es auch andere derartige Vereine. 200 Kilometer weiter, und 500 Jahre später lebt der Leipziger Michel Kothé in der Zeit der Völkerschlacht als preußischer Offizier im Kampf gegen Napoleon. Der studierte Politologe interessiert sich für die Geschichte seiner Heimatstadt, und kam schließlich über seinen Vater auch zu den Vereinen, die die Schlachten jedes Jahr nachstellen. Kothé sammelt alles, was damit zusammen hängt: Bücher, Filme, Zinnsoldaten und ein Playmobilset der berühmten Schlacht. Ein besonderes Einzelstück ist seine Uniform. Sie wurde aus einem dunkelblauen DDR-Eisenbahnermantel genäht, die Knöpfe sind platt gewalzte 20-Pfennig-Stücke aus der DDR. Not macht nun Mal erfinderisch.

Krieg und Gleichberechtigung

Neben den vielen Besuchern der historischen Gefechtsdarstellung gibt es auch kritische Stimmen. Gerade wenn der Verein mit historischen Schusswaffen hantiert, sind seine Mitglieder schnell als Waffenfanatiker verschrien. "Man hat uns gefragt, warum wir Krieg spielen", erinnert sich Kothé. Er selbst sieht es eher als experimentelle Archäologie. Denn die Schlachtdarstellung ist nur ein kleiner Teil der Vereinsarbeit.

Viel öfter treffen sich die Schlachtenbummler zu einem Biwak, einer Art historischem Camping. "Da wird so gelebt wie 1813", schildert der Wahlpreuße. "Man bereitet Essen im Kessel zu, alle Handys werden verbannt, alles Unhistorische verschwindet." Plastikflaschen, Tupperdosen und Stahlbesteck sind tabu. Einzige Einschränkung: Es gibt neuzeitliche Schlafsäcke und sauberes Wasser. Möglichst authentisch zu sein, ist der Anspruch aller Vereine. Aus Büchern und Museen sammeln die Geschichtsfans ihr Wissen über Kleidung, Essen und Ausrüstung bis hin zu mittelalterlicher Unterwäsche. Manche Vereine übernehmen auch die damaligen gesellschaftlichen Strukturen. So dürfen in den Heeren anno 1813 historisch belegt Frauen mitkämpfen. Aber bereits im Mittelalter wird es damit schwierig. Nur wenige Vereine dulden auch bei öffentlichen Turnieren Weibsvolk an der Waffe. Einer davon sind die Bogenschützen der "Robins Kids" in Berlin. "Nur am Feuer sitzen, kochen und Gewandung nähen, das wäre mir zu langweilig," meint dessen Schatzmeisterin, die trotzdem den Vereinsnamen "Die weise Näherin" trägt. Aber schließlich ist sie durch das Interesse fürs Bogenschießen überhaupt erst zum Mittelalter gekommen.