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Ostmitteleuropa

"Deutsche Krankheit"

- Kommentar der Zeitschrift WPROST zu der Reparationsfrage

Posen, 10.10.2004, WPROST, poln., Stefan Bratkowski

Jemand hat sich wahrscheinlich geirrt ... Allein schon die Idee, die eigentlich im guten Glauben entstand, Verhandlungen zwischen dem Sejm und dem deutschen Bundestag über Entschädigungsfragen aufzunehmen, zeigte, wie die gesamte politische Klasse des kontinentalen Europas die sogenannte öffentliche Meinung versteht. Der böse Geist der Erinnerung wurde aus der Flasche der Vergessenheit frei gelassen. Er wurde – wie man sagt - mit Hilfe der Dummheit und Habgier einer marginalen deutschen Gruppierung frei gelassen. Somit hat man aber auch den Zweiten Weltkrieg erneut ausgelöst - diesmal wurde jedoch mit Worten und juristischen Ansprüchen gekämpft.

Jetzt wird es leider nicht mehr gelingen, diesen Geist der Erinnerung wieder in der Flasche einzufangen und zu verkorken, auch nicht mit Hilfe einer gemeinsamen Juristenkommission. Der Korken passt einfach nicht auf die Flasche. Dieser böse Geist schwebt also über den polnisch-deutschen Beziehungen und keine Erklärungen des Kanzlers oder des Premierministers sind imstande, die Verbitterung zu dämpfen, die in den Herzen der Kinder und Enkelkinder der Opfer entflammte. Von den noch lebenden Opfern selbst abgesehen: Plötzlich hat es sich z. B. erwiesen, dass die Organisation der in Deutschland lebenden ehemaligen Zwangsarbeiter keine Gelder von der deutschen Regierung bekommen kann, obwohl dieselbe Regierung die Organisation von Erika Steinbach mit großzügigen Zuwendungen unterstützt. Frau Steinbach hat die Miete an die Eigentümer der Wohnung in dem Ort Rumia immer noch nicht bezahlt, die vertrieben wurden, um für die Familie Steinbach Platz zu machen.

Ich habe versucht, zumindest unsere politische Klasse darüber aufzuklären, dass die polnischen Forderungen nach Reparationen, die mit Sicherheit die Summe von 40 Milliarden Dollar übersteigen, in Wirklichkeit eine Forderung nach ... Erinnerung und dem Gewissen der Deutschen darstellen. Ich habe bereits für WPROST geschrieben, dass die gegenwärtige Mentalität und das Bewusstsein der Deutschen die Sachen sind, die am meisten beunruhigen. Ich muss also wiederholen: Die Deutschen haben eine starke Demokratie ruhiger, sympathischer, disziplinierter Bürger geschaffen. Aber in die Gehirne der sogar klügsten Deutschen kehrt der preußische Mythos wieder . (...)

Das preußische Machtbewusstsein erlaubt es den deutschen Medien, keine Erschütterung zu zeigen, nachdem die Ergebnisse der letzten Wahlen bekannt wurden und nachdem errechnet wurde, wie viele Stimmen die Neonazis bekamen. Genauso war es schon im Jahre 1923. Damals wurden weder die Presse noch die Radiosender durch den Putsch des "dummen Schreiers aus Österreich" erschüttert. Damals sollte es sich auch lediglich um eine "marginale Gruppierung" handeln.

Die gegenwärtigen Reaktionen zeigen, dass die Deutschen das Machtgefühl und das eigene Selbstbewusstsein wiederhergestellt haben. Wir und das gesamte Europa sowie die ganze zivilisierte Welt haben uns vorgestellt, dass die totale Niederlage im Zweiten Weltkrieg, der von den Deutschen angezettelt wurde, ihr Selbstbewusstsein und ihre Vorstellungskraft radikal verändert hatte. Das ist aber nicht der Fall.

Ich möchte von den dummen Witzen über das Land Polen und seine Bewohner absehen, die sogar in den angesehensten Zeitschriften Deutschlands gedruckt werden. Ich spreche nicht über das Gefühl der Überlegenheit der Deutschen gegenüber einem Land, aus dem die berühmtesten Komponisten der Gegenwart sowie vier Nobelpreisträger stammen und nicht über das Gefühl der Überlegenheit gegenüber einem Land, das sich selbst von einem politischen System befreit hat und damit die Wiedervereinigung Deutschlands ermöglichte. Ich spreche vor allem über die furchtbare Unwissenheit der Deutschen in Bezug auf die Vergangenheit, die unter dem Deckmantel "pragmatischer Beziehung zur Geschichte" versteckt wird. Dabei handelt es sich um eine selbst gewollte Unwissenheit, die nur deswegen möglich ist, weil man die Sicherheit hat, jetzt "stark und überragend " zu sein.

Der Geist der Erinnerung könnte auf verschiedene Weise besiegt werden. Dazu ist nur ein minimales organisatorisches Bestreben seitens Deutschlands notwendig. In den Archiven, die noch vorhanden sind, könnte man die Namen der Kriegsverbrecher feststellen, die Verbrechen in Polen verübt haben. Dann würde niemand mehr über eine "kollektive Schuld der Deutschen" sprechen. Die Polen interpretieren das übrigens sowieso nur als eine Ausrede, um den Enthusiasmus der damaligen Deutschen für den Krieg und die Vernichtung nicht in Erinnerung zu rufen.

Die Welt würde auf diese Weise erfahren, welchen Namen die Mörder von Stutthof, Piasnica, Auschwitz und Treblinka trugen, oder wie die Mitglieder des Ersatzkommandos hießen, die während der öffentlichen Exekutionen in den Städten der Regionen Pomorze (Pommern) und Wielkopolska (Großpolen) die Vertreter der polnischen Intelligenz und Aktivisten verschiedener Organisationen entweder gehängt oder erschossen haben. Wer waren diejenigen, die 40 000 unbewaffnete Zivilisten in dem Warschauer Stadtteil Wola während des Warschauer Aufstandes ermordet haben? Wer hatte das Kommando während der Exekutionen in den 440 polnischen Dörfern, die dann dem Erdboden gleich gemacht wurden? Wer waren diejenigen, die die polnischen Kulturgüter entweder beschlagnahmt oder vernichtet haben? Oder wie hießen diejenigen, die Warschau nach der Kapitulation des Warschauer Aufstandes in Brand gesetzt haben?

Diese Namen sollten veröffentlicht werden und zwar nicht mit dem Ziel, diese Leute jetzt vor Gericht zu stellen. (...) Es geht darum, dass die deutsche Öffentlichkeit die Wahrheit über die Taten und die Täter erfahren kann, die neben diesen ruhigen, sympathischen Deutschen als Mitbürger lebten. Diese Wahrheit soll ganz Europa erfahren und aus diesem Grunde sollte dies in verschiednen Sprachen veröffentlicht werden.

Diese Geste würde unmissverständlich eine Grundlage für die Versöhnung bilden und gleichzeitig erlauben, die neuerwachte Verbitterung und die Verletzungen wieder abzubauen. Die Öffentlichkeit in der Welt könnte auf diese Weise an die guten Absichten des heutigen Deutschlands glauben. Solange es jedoch keine solche Abrechnung gibt, sollte man die Frage eines ständigen Sitzes Deutschlands im Sicherheitsrat der UNO nicht einmal in die Diskussion bringen.

Für die Polen würde solch eine Abrechung der Deutschen eine genügende Wiedergutmachung darstellen. Wir würden uns dann auf die friedlichen Beziehungen zu den guten und normalen Deutschen freuen. (...) (sta)

  • Datum 19.10.2004
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  • Permalink http://p.dw.com/p/5jO2
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